Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 3. Nach Beendigung de» gegenwärtigen Weltkrieges wird man aber sicherlich de» hohen Wert einer gehobenen allgemeinen Schulbildung allgemein erkennen! Ist auch die Einsicht noch nicht allgemein erkennbar, seufzen auch gegenwärtig beispielsweise die niederösterreichischrn Landlehrer trotz der schrecklichen Kriegsteuernng noch unter der Not unzureichender Dienstbezügc, so ist eine höhere Wertschätzung der Volksschule doch nicht zu verkennen, sonst hätte mau es nicht vermieden, einfach alle Schulen i» Spitäler und Notkaserneu zu verwandeln und jed en Schnlbetrieb einzustellen. Man fühlt es also jetzt schon lebhaft, daß man den Jugendunterricht und die Schulerziehung nicht ungestraft auflasseu kann und darf und nach dem Kriege wird mau dies noch klarer erkennen. Alle Kultur- und Bjldungsfrennde, zu denen bekanntlich die jüdischen Staatsbürger ein großes Kontingent liefern, dürfen daher hoffen, daß Regierung und Volksvertretung nach.Beendigung des Weltkrieges, was die gütige Vorsehung beschleunigen möge, dem vaterländischen Schulwesen verdoppelte Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuwenden werden. Die Volksschule muß im Interesse des Staates gehoben und verbessert werden! Sie muß derart reformiert werden, daß ihre breite Grundlage gehoben wird, damit möglichst viele Kinder des Volkes umfassendere Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben können! Deshalb muß vor allem die bildungsschädigende ^Schulnovelle vom Jahre 1883" wieder von der Bildfläche verschwinden! Der breiten Volksmasse, auf die sich der Staat in der Not stutzen mnß, nützt es blutwenig, wenn nur die höheren Bildungsanstalten verbessert, aber dem Aufstiege in dieselben künstliche Hindernisse in den Weg gelegt werden. Ist der Staat in Kriegsnot, dann bedingt die Kraft, der Geist und der gute Wille der breiten Massen den Ansgang derselben. Daher mnß Kraft. Geist und Wille derselben im Interesse der Staats- und Volksgemeinschaft möglichst intensiv und zufriedenstellend ausgebildet werden! Dies ist aber nur dann möglich, wenn die achtklassige Volksschule überall mindestens in der Form der unter gemeinsamer Leitung vereinigten fünfklassigen Volks- und dreiklassigen Bürgerschule durchgeführt wird. Das Mittel- und Fachschulwesen mnß ferner an die vollständig ausgebaute Volksschule organisch augegliedert werden! Geschieht dies, daun können die Mittelschulen auf einige ihrer unteren Jahresstufen verzichten. Höhere Ausbildung der breiten Volksmassen bildet ein eminentes Interesse des Staatsganzen und deshalb darf bei Befriedigung der Schulerfordernisse ebenso wenig geknausert werden, wie bei der Fürsorge für die Wehrmacht. Bei gleicher Volkszahl und gleichem Volkswohlstände wird künftig derjenige Staat der wehrfähigere sein, der die bessere Schnlorganisation besitzt. Die Wahrheit und der Friede, die Füge und der Krieg. (E i n e z e i t g e m ä ß e B e t r a ch t u n g.) Soweit die historische Kenntnis reicht,, hat es einen solchen fast die ganze Welt erschütternden Krieg, wie ihn die jetzige Generation erlebt, noch nicht gegeben. Woher dieser * brennende Zorn, dieser unversöhnliche Menschenhaß, diese unersättliche Blutgier? Wenn sich die tierische Wut blos bei einem geächteten und geknechteten Sklavenvolke, das Jahrhunderte lang unter der Knute herzloser Tyrannen schmachtete, iu der finsteren Nacht des Druckes und der Verdummung erzogen wurde, bemerkbar machen möchte, würde es uns gar nicht wundern, allein auch zwei große Kulturvölke r. wie Frankreich und England, wollen den russischen, serbischen und montenegrinischen Menscheuschlächtern in der Kriegskunst — oder Wtiger in der Schlachtkunft nicht nachstehen, und so wurhen seit fünf Monaten Tag und Nacht Millionen Menschen hingeschlachtet und verkrüppelt, um die Monarchie und das Deutsche Reich in ihrer Existenz zu erschüttern, die serbischen Fürstenmörder und deren Anstifter zn schützen und Rußland, England und Frankreich eine reiche Beute zn verschaffen. Diese traurige, höchst rätselhafte Erscheinung ist es, die bei diesem Kriege auf jeden menschlich fühlenden Bürger einen tief betrübenden Eindruck machen muß. Sollen etwa das die Früchte sein, die die so viel gerühmte, in den herrlichen Bildern der Sprache so oft besungene Kultur gezeitigt hat? Hat etwa die Kultur den weit fortgeschrittenen und aufgeklärten Engländern und Franzosen den Glauben geraubt, so daß sie sich nicht mehr als höhere, im Ebenbild Gottes geschaffene Menschen betrachten und daher gern bereit wären, sich dieses den Menschen vom Tiere unterscheidenden Vorzuges zu entledigen, ihn für einen Topf Linsen zu verschachern? Was sonst denn mag diesen zwei Kulturvölkern Anlaß gegeben haben die ganze Welt in Brand zu setzen? Wahrlich diese Frage verdient näher beleuchtet zu werden. Einem alten unbestreitbaren Erfahrungsgrundsatze gemäß wird die Lüge die Mutter aller Lasier und Freveltaten genannt, denn der geborene Lügner schreckt vor keiner Untat zurück, weil er den traurigen Mut, oder richtiger die Vermessenheit und Unverschämtheit besitzt, jeden begangenen Frevel entschieden iu Abrede zu stellen, es sei denn, daß sein Vergehen durch glaubwürdige Zeugen in unwiderleglicher Weise erwiesen wird. Der Wahrheitsliebende aber, dem jede Lüge in der Seele verhaßt ist, und der für die reine Wahrheit im höchsten Maße erglüht, für sie mit Leib und Seele kämpft, selbst wenn ihm infolge seiner großen Wahrheitsliebe Kränkungen mannigfacher Art zugefügt werden, wird zweifellos sorgfältig alles verm-iden, was geeignet wäre ihn zur Verübung eines Unrechtes zu verleiten, weil er eben nicht lügen nnd nicht leugnen kann, und er dann zu seiner Schmach und Schande gestehen müßte, daß er stark gefehlt habe. Der Wahrheitsliebende, der weder lügen, noch verleumden und verdächtigen kann, lebt mit allen seinen Nebenmenschen in bestem Einvernehmen nnd tiefstem Frieden. „Halte dich fern von jeder Lüge, gehe ihr meilenweit aus dem Wege, und so wirst du n i e in die traurige Lage kommen den Unschuldigen und Gerechten zu kränken, oder gar zu vernichten". Die Wahrheit wird daher nicht nur in der Bibel, sondern auch im ganzen jüdischen Schrifttum als das kostbarste. das Heil und Wohl der Menschheit fördernde Gut und die Wahrheitsliebe als die höchste und herrlichste Tilgend gepriesen. So z. B. ruft der Psalmist ans: „O Ewiger! Wer darf in deinem Zelte wohnen? Wer weilen auf deinem heiligen Berge? Wer redlich wandelt, Gerechtigkeit übt und Wahrheit redet —nicht blos mit den Lippen —in feint* in Herzen." (Ps. 15.) Der Prophet Secharia ruft Israel im Namen Gottes zu: „Redet Wahrheit. Einer mit dem Ander»»; nach Wahrheit. Recht und Frieden richtet in eueren Toren usrv. Liebet die Wahrheit und den Frieden." (Sach. 8.) ..Wer ans der Bahn der Tugend durchs Leben »vallet und Rechtschaffenheit redet, unredlichen Gewinn verabscheut,, seine Hände abschüttelt, um keine Bestechung zn nehmen, sein Ohr verstopft, keine Blutanschläge zu hören, seine Augen verschließt, das Böse nicht zu sehen,, der »vird in der Höhe. wohne» nnd Felsen werden ihm Schutz und Schirm sein. Sein Brot »vird ihr»» gegeben, sei»» Wasser »vird ihm nicht mangeln (Jes. 33.) Mit besonderer Begeisterung »vird int Talmud an zahlreichen Stellen die Wahrheitsliebe als die höchste Tugend gepriesen. Einige der diesbezüglichen taldmndischen Aeußerungen mögen hier angeführt »verden: R. Simon h. Gamliel sprach: „Auf drei Säulen beruht die sittliche Weltordnung: auf der W a h r h e i t, auf der Rechtspflege und auf dem Frieden." Das will mit andern Worten sagen: Wenn die Menschen für die. Wahrheit erglüht sind, jeden Neid, Haß und Mißgunst äus