Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die geehrten Herren Abonnenten werden höflichste ersucht, die restlichen Abonnementsbeträge unverzüglich einsenden zu wollen. Der Weltkrieg und die Schule. Infolge der Ereignisse im Jahre 1866 kam in Oesterreich im Jahre 1869 das Reichsvolksschulgesetz zustande, das trotz seiner Mängel und Unvollkommenheiten gegenüber den früheren Schnleinrichtungen in Oesterreich doch einen ungeheuren Kultnrfortschritt bedeutete. Freilich verblaßte die Wertschätzung der öffentlichen Schule rasch wieder, als die Not des Staates veiklungen war und schon im Jahre 1883 wurde bekanntlich eine „Novelle zum Reichsvolksschnlgesetze" angenommen und durchgeführt, durch welche das seinerzeit aufgehobene Schulkonkordat in Oesterreich teilweise wieder aufgerichtel und die Leistungsfähigkeit der österreichischen Volksschule tief herabgesetzt wurde, nachdem schon früher verschiedene Erlässe in rückschrittlichem Sinne vorgebaut hatten. Der gegenwärtige Weltkrieg zeigt nun neuerdings klar und drastisch den Wert der gehobenen Massenintelligeuz eines Volkes im Belange seiner Wehrhaftigkeit. Die russischen Heeresmasfen, welche gegen Oesterreich-Ungarn mobilisiert wurden, nbertreffen die österreichischen Heere wohl bedeutend an Zahl, trotzdem leistet unsere herrliche Armee in Galizien schon durch fünf Monate tapferen Widerstand und in Russisch- Polen können sich die Russen trotz ihrer ungeheuren Anzahl der verbündeten Deutschen, ' Oesterreicher und Ungarn kaum erwehren. Die Heere der Reichsdeutschen fügten bekanntlich den Rnssep fürchterliche Niederlagen in Ostprenßen bei und behaupten bereits durch, mehrere Monate ihre Positionen im Westen geqeir die vereinten Franzosen, Belgier und Briten, H)'tMas.:Md' V * ' ‘ ' Die Tatsache 'muß dabei besonders ins Äuge gesüßt werden, daß die Franzosen in ihrer Abwehr als die wehrhaftesten und tapfersten Gegner der Deutschen erscheinen, denn die Zahl ihrer Kämpfer ist ihren deutschen Gegnern keineswegs überlegen. Wohl hat aber auch Frankreich in den letzten Jahrzehnten seinem Schulwesen besondere Aufmerksamkeit und Opferwilligkeil entgegengebracht. Auch die Serben und Montenegriner haben ihr Schulwesen gehoben und zeigen sich verhältnismäßig kriegslüchtiger als die gewaltigen russischen Heere, unter denen die Analphabeten heute noch überwiegen. In unserer Zeit wird eben der Krieg nicht mehr geführt wie ehedem. Es stehen nicht mehr geschlossene Massen einander gegenüber, sondern die Armeen entwickeln sich in Fronten von Hunderten von Kilometern und die kämpfenden Rotten rücken, in Schwarmlinien aufgelöst, sprungweise und fortwährend Deckung suchend, vor und jeder einzelne Soldat ist dabei in weit erhöhtem Maße als ehemals auf seine eigene Intelligenz und verschiedene in der Schule erworbene Kenntnisse angewiesen. Auch die gegenwärtig ungemein ansgebildete Kriegstechnik heischt zwingend eingehendere Schulkenntnisse, denn jeder Borposten benötigt geographische Schulung und jeder Scharfschütze braucht geometrische und perspektivische Grundkenntnisse, um seine verantwortungsvolle kriegerische Aufgabe zu lösen. Ein Soldat, der seine Gedanken nicht klar und knapp in Worte fassen kann, vermag nicht einmal eine Meldung einwandfrei zu erstatten. Alles und jedes kann man in den modernen Kämpfen eben nicht kommandieren, weil oft mannigfaltige Zllfälle Vorkommen, die man nicht voraussehen kann und deren rasche Ueberwiuduug allein oft den Erfolg herbeiführt. Der Befehlshaber kann im Gewoge des Kampfes nicht überall rechtzeitig zur Stelle sein und sehr oft wird er durch ein tückisches Geschoß vorzeitig vom Schauplatze abberufen. Soldaten, die schon in der Volksschule brauchbare Grnndkenntnisse gesammelt, die ihre körperliche Gewandtheit durch Turnen, Jngendspiele und Wanderungen erhöht haben und in der Schule schon an Gehorsam und Disziplin gewöhnt wurden, eignen sich natürlich auch militärische Kenntnisse und Fertigkeiten schneller und vollkommener an, als völlig ungebildete Analphabeten. Im Kriege leistet eigenes Urteilsvermögen und ungehenchelte Vaterlandsliebe fraglos mehr, als verständnisloser, blinder Kadavergehorsam. Möge es den in Nibelungentreue eng verbrüderten Armeen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns gelingen» siegreich aus diesem gigantischen Weltkriege hervorzngehen k Mögen sie sich, mit den tapferen Osmaneu vereint, kraftvoll der vereinten Angriffe einer Welt voll Feinden erwehren!