Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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2«r 1 Seite 6 Die Wadrhett widerspiegelt, jo wollen wir ihn doch der breiteren Oeffentlichkeit nicht vorenthalten, gemäß der Mahnung Friedrich Hebbels: ..Die gute Tat. die nngepriesen stirbt. Würgt tausend andere, die sie zeugen könnte." Kabbiuer Gabriel Eschkeles. (Aus dem Lebe» des eilistigell Prager Ober- und nachmaligen mährischen Laudesrabbiuers.l Wie allerwärts wurde auch in Böhmen, besonders, in der altehrwiirdigeuGemeinde Prag, in früheren Jahrhunderten, trotz des unsäglichen Druckes, unter dem die Juden dieses Landes schmachteten, trotz der pharaonischen Ausnahmsgesetze, die sie damals lies zu Boden drückten, das Studium der Thora und der rabbinischeu Literatur sorgfältig gehegt und gepflegt. Die Prager israelitische Gemeinde hatte nicht nur für die Erhaltung ihrer großen Rabbinen, die größtenteils zu den ersten Zierden des Jitdentums gezählt wurden, sondern auch für die Verpflegung der Talmudjünger, die scharenweise aus allen Richtungen der Windrose herbeiströmten, um hier an der Quelle des „lebendigen Wassers" ihren Wissensdurst zu stillen, bereitwilligst die größten Opfer gebracht, daher sie sich auch mit Fug und Recht das Epitheton „Ir weem bejisroel“ erworben hatte. Die Schilderung der Erlebnisse eines dieser Geisterheroen soll die Aufgabe dieser Skizze sein. Nach dem Hinscheiden des Rabbiners Aron Simon Spira wurde das Ami eines Prager Oberrabbiuers von dem eines Oberrabbiuers von Böhmen getrennt. Abraham Broda wurde zum Oberrabbiner von Böhmen — welches Amt er bis zu seinem 1708 erfolgten Abgänge nach Metz bekleidete — und Gabriel Eschkeles aus Krakau, der ein Urenkel des Sinai den Bezael, eines Bruders des berühmten, hohen Rabbi Löw war. zum Oberrabbiner von Prag ernannt. Gabriel Eschkeles, einer der hervorragendsten Schüler des berühmten Rabbiners Samuel Koidenover — Verfassers des Talmudkommentars „Birckat kaseback" zeichnete sich durch weitnmsasseude Gelehrsamkeit, Scharfsinn, wahrhafte Frömmigkeit nnd unbegrenzte Bescheidenheit aus. Infolge seiner großen talmudischen Gelehrsamkeit wurde er allgemein „B-agaonK genannt, was in jener Zeit, da mau noch nicht so wert fortgeschritten war, daß mail jedem quasi Lamdan beii.Morenu und jedem strengorthodoxen B^oksokar-Fabrikanten den Gaoutitel verliehen hätte, viel sagen wollte. Trotz der hohen Ehren, die ihm allseitig erwiesen wurden, war er so bescheiden, daß er es nicht gern sah, wenn die Leute sich vor ihm ehrfurchtsvoll von den Sitzen erhoben. „Er trug daher stets eine kleine Gesetzrolle „Sefer Thora" mit sich, damit die Ehrfurchtsbezengnng nicht seiner Person, sondern dem heiligen Buche gelte." Sein Ruf drang daher weit in die Welt hinaus, und es dauerte nicht lange, daß er von der großen, angesehenen Metzer Gemeinde zum Nachfolger ihres hochgelehrten Oberrabiuers N. Gerson Aschkeuasi ernannt wurde. Gerson Aschkeuasi Oulis, ein Pole von Geburt, war ein Schüler des hochgelehrten R. Josua (Verfassers der Resp. „P’ue Jekosckua" und anderer Schriften). Infolge seiner tiefen Gelehrsamkeit erwarb er sich schon in frühester Jugend einen klangvollen Namen. Um den grausamen Verfolgungen — denen die Juden Polens, in der Zeit als der ruchlose Chmelniche mit seinen blutgierigen Kosaken sengend und brennend, raubend, plündernd nnd mordend durchs Land zogen, ausgesetzt waren — entgehen zu können, verließ er die Heimat und flüchtete sich nach Mähren, wo ihm in Proßnitz die damals vakant gewesene Rabbinerstelle zur Verwaltung übertragen wurde. Daselbst starb ihm seine erste Frau. Der damalige mährische Landesrabbiner R. Menachem Mendl Krochmal (Verfasser der Resp. „Zemack zedek") wählte ihn daun zu seinem Schwiegersöhne. Als Krochmal am 2. Schebat (5421) 1661 seine irdische Laufbahn vollendet hatte, wurde Aschkeuasi von der Nikolsbnrger Gemeinde zum Landesrabbiner ernannt. Kaum hatte er dieses hochwichtige Amt ein Jahr inne, als er 1661 von der Wiener Kullusgeiueinde zu ihrem Seelenhirten per Akklamation ernannt wurde, welches Amt er bis zum verhängnisvollen Jahre 1670 würdevoll bekleidete. Als jedoch in diesem Jahre Kaiser Leopold aus Verlangen der Wiener Bürger — aus Konkurrenzneid — sich entschloß die Juden aus Wien, wie aus sämtlichen Ortschaften Oesterreichs ausweijen zu lassen, mußte auch R. Gerson Aschkeuasi zum Wanderstabe greifen und als Exulant die Welt durchziehen. Gott verläßt aber die Seinen nicht. Aschkeuasi wurde bald nachher von der Metzer Gemeinde zu ihrem religiösen Oberhaupte ernannt. In Metz erfreute er sich, wie früher in Mähren und in Wien, der allgemeinen Hochachtung und Verehrung und wirkte daselbst bis zu seinem 1694 erfolgten Tode überaus segensreich. Seine Schriften „Abodafc Hagersckuni-*, „Tiferefc Hagersckuni“ zeugen von seiner hohen Gelehrsamkeit. Zn seinem Nachfolger in Metz wurde der bereits oben erwähnte Rabbiner Gabriel Eschkeles ernannt. Auch hier entfaltete er eine überaus segensreiche Tätigkeit und erwarb sich die Liebe der ganzen Gemeinde. Seiner hohen Tugenden und herrlichen Eigenschaften ivegeu verdiente er in des Wortes edelster Bedeutung ein wahrer Priester genannt zu werden. Was Wunder also, daß der um das Judentum so hochverdiente Oberhosfaktor und Landesrabbiner Samson Wertheimer in Wien es sich zur besonderu Ehre anrechnete mit ihm in verwandtschaftliche Verbindung zu kommen. Wertheimers Tochter wurde mit Berusch Eschkeles, dem würdigen, gelehrten Sohne Gabriel Eschkeles, verlobt. „Um der Hochzeit seines Sohnes anznwohnen", berichtet Kaufmann, „erbat sich der ob seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit in seine Gemeinde allgemein verehrte Rabbiner Gabriel einen Urlaub für ein volles Jahr. Wohl 1706 zog er mit seiner Gattin, dem Bräutigam und dessen damals noch lebenden Bruder Löb nach /Wien. Eilt Hochzeitsfest wurde da gefeiert, wie es dem fürstlichen Ansehen und Reichtum des Schwiegervaters entsprach, so herrlich, daß mau sagte, es sei dergleichen unter Juden überhaupt noch nicht vvrgekommeu. Aber Wertheimer scheint auch an dem Vater seines Schwiegersohnes ganz besonderes Gefallen gesunden imb zur Annahme des damals unbesetzten mährischen Landesrabbilrates ihn bestimmt zu haben. Gereizt von der ihm angebotenen Ehrenstelle, seiner alten Gemeinde anhänglich und verpflichet, geriet Eschkeles vor eine Wahl, in der er sich schwer entscheiden koiurte. Da fällte das Schicksal statt seiner die Entscheidnng. Der Urlaub war verstrichen, daheim das Gerücht laut geworden, er wolle Metz anfgeben und für immer verlassen, übernahm es der greise nild angesehene, mit ihm verschwägerte Rabbiner Aron Worms, die Gemeinde zu vertrösten und hiuznhalteu, der Unmut und die Ungeduld der des Hirten entbehrenden Heerde waren ilicht mehr zu zügeln, man schritt zn einer neuen Wahl, die der Gewählte, Rabbiner Abraham Broda ans Prag, anzunehmen nicht zögerte. Umsonst schickte Eschkeles seinen Sohn nach Metz, zn spät ging er endlich selbst dahin, es waren an die drei Jahre vergangen, seitdem er die Gemeinde verlassen nnd hingehalten, die Parteiungen und Kämpfe kameit durch sein Erscheinen ans dem Schauplatze zu verschärftem Ausbruche, aber die neue Wahl war nicht umznstoßen. er hatte aufgehört, Rabbiner von Metz zu sein. Das Schwanken hatte ein Ende, das mährische Landesrabbinat hatte einen würdigen, neuen Vertreter gesunden. Rabbiner Gabriel verließ Metz, um sich in Nikolsburg, wo er im Hause Salomon Deutschs wohnte, dauernd uiederzulassen." (K. S. Wertheimer 90.) Rabbiner Gabriel wirkte bis zu seinem am 2. Adar 1718 erfolgten Tode segensreich als mährischer Landesrabbiner in Nikolsburg. Sein Nachfolger iu diesem Amte war sein bereits erwähnter würdiger Sohn Berusch oder Bereut Eschkeles, der in die Fußstapsen seines großen Vaters getreten und sich ebenfalls durch gründliche Gelehrsamkeit und vortreffliche Tugenden ausgezeichnet hatte. Er hatte sich, so oft Gelehrte ihn besuchten nnd sich mit ihm in eine talmudische Dispn-