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Die Wahrheit · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 5. heulenden, weinenden, fluchenden und betenden Verwundeten, die sich wanden und wälzten, zuckten und zappelten und langsam erstarrten. Viel qualvolles, verzweifeltes Sterben habe sch ringsum gesehen und konnte nicht helfen. Endlich wurde ich von einer österreichischen Sanitätskolonne anfgelesen. Ich verfiel in eine Art dumpfer Betäubung, aus der ich erst nach langer Zeit erwachte. Ich sab mich auf einer Tragbahre, umgeben von weißgekleideten Sanitätsdienern nnd Schwestern. Man brachte mich in einen weißen, hohen Saal zu einem Operationstisch. Der Chirurg stand davor, während Assistenten und Krankenschwestern die nötigen Vorbereitungen trafen. „Ihr linkes Bein muß sofort amputiert werden," sagte der Chirurg. Beim Klang dieser Stimme wurde ich tief erschüttert nnd rief: „Herr Professor!" Das war nämlich mein Lehrer, bei dem ich erst vor kurzem ein Examen bestanden hatte, nnd der sich jetzt meiner erinnerte. „Dawidovicz, sind Sie es!" rief er aus, „hier sehe ich Sie wieder! Na, jetzt ist keine Zeit für Erkennnngsszenen, Sie müssen sich narkotisieren lassen." „Ich erwachte ohne linkes Bein und erfuhr, daß ich mich in einem Hörsaal des zn einem Lazarett umgewaudelten herrlichen Gebäudes der Wiener Universität befand. Vielleicht ist es derselbe Saal, in welchem ich oft zn Füßen des berühmtetl Lehrers saß und seinen Worten lauschte; nun liege ich hier als verwundeter Feind und werde von demselben Lehrer betreut und gepflegt. Ich werde sehr gut gepflegt. Mein Lehrer läßt mir alle Sorgfalt angedeihen. Seit drei Tagen kann ich ans meinem provisorischen künstlichen Bein schon ein wenig hernmhumpeln. Der Professor sprach oft mit mir über meine Zukunft. Er erbot sich, zn erwirken, daß ich, wenn ich einigermaßen hergestellt bin, nicht als Kriegsgefangener behandelt, sondern in Freiheit gesetzt werde. Aber was soll aus meinem Studium werden? In der Heimat durfte ich es nicht fortsetzen, nnd die Pforten der Wiener Alma Mater bleiben mir als „Feind" verschlossen. Nun brachte mir der Professor die Nachricht, daß ein Erlaß des österreichischen Unterrichtsministeriums den Angehörigen der feindlichen Staaten den Zutritt zil den österreichischen Hochschulen verbietet, aber Ausnahmen znläßt zugunsten solcher Studierenden, dse in ihrem Lande nicht zn der herrschenden Nationalität gehören. Na, gottlob, ich gehöre nicht zu der herrschenden Nationalität. Ich darf also die Wiener Universität wieder beziehen; ich werde hier meine Studien beendigen, ich werde Arzt werden. Ein Arzt mit einem Holzbein war freilich bisher keine alltägliche Erscheinung, aber ich fürchte, nach diesem Kriege wird die Menschheit sich an solchen Anblick gewöhnen müssen. Mir ist nun das Merkwürdige passiert, daß mein Bein, welches in meinem Vaterlande nicht die Schwelle einer Hochschule übertreten durfte, im Kampfe für eben dieses mein Vaterland ans dem Schlachtfelde geblieben ist nnd daß das „Feindesland" Oesterreich, gegen welches ich mehr als zwei Monate . lang die Mordwaffe geschwungen habe, mir die Möglichkeit bietet, von neuem mein Leben einziirichten. Ich weiß, daß sehr viele jüdische junge Leute in derselben oder in einer ähnlichen Lage sind. An uns Inden stellt das Schicksal gar seltsame Fragen, die zn beantworten manchmal über die Kraft des Menschen geht. Auch eine Kriegs lehre. Die vorbildliche patriotische Opferwilligkeit der Inden in Deutschland bei den verschiedentlichen Sammlungen für die Zweckedes Krieges wie für die Fürsorge für die durch den Krieg in schwere wirtschaftliche Bedrängnis geratenen Familierr ist erfreulicherweise auch im Lager der Gegner nicht ohne Wirkung geblieben. Wilhelm Schwaner, der selbst in seinem „Volkserzieher" in den letzten Jahren hänstg in antisemitischen Bahnen gewandelt ist, veröffentlicht die Zuschrift eines ihm befreundeten Rektors G. G. in Charlottenburg., in der es n. a. heißt: „Hier habe ich wieder meine Erlebnisse in Sachen der Judenfrage gehabt. Während die Juden Aufrufe erlassen und opferwillig beisteuern den Krieg nnd seine Schrecken zu lindern, wagen deutsche — blonde und blauäugige — Kattfleute, 300 bis 400 °/0 auf die Lebensmittel zn schlagen! Deutsche Männer, Wilm! Und da sind nicht die Juden schuld dran. Es gibt Lumpen überall. Ich bin gründlich, aber sehr gründlich vom Antisemitismus geheilt, nnd'wenn wir aus dem Kriege siegreich hervorgehen, so weiß ich, daß auch der Jude seinen Teil dazu getan Hatz Daß er uns nicht über den Kopf wächst, dafür mögen wir selber sorgen, nicht, indem wir ihn bekämpfen, sondern indem wir arbeiten und nüchtern sind wie er. Und unverzagt arbeiten, das können wir auch noch von den Inden lernen. Sei nicht böse, Wilm, es paßt wohl nicht in die Zeit! Doch, es paßt hinein, denn es ist ein Rasseukrieg, den wir führen. Aber einer gegen ein kulturloses indogermanisches Volk. Heil nnsern deutschen Waffen!" Ein Herr Goswin Fabis aus Düsseldorf legt folgendes Bekenntnis ab: „Es ist mir ein inneres Bedürfnis, nachdem ich einen jahrelangen Irrtum eingesehen habe, diesen hiermit gntzumachen. Seit Jugend auf beseelte mich eine starke Abneigung gegen das Judentum, deren Grund mir damals nicht recht klar war. Schon als Schüler in Heidelberg setzte ich eine Ehre darein, wo nur irgendmöglich, meine Mitschüler jüdischen Glaubens zn quälen. Diese Abneigung verdichtete sich je mehr und mehr, besonders mein Aufenthalt in Ungarn tat das Seinige. Die Hinweise meiner seligen Mutter aus das Unrecht meines Handelns schlug ich in den Wind. So vergingen die Jahre, ich benützte mein zeichnerisches Talent, um die Inden bildlich zu verspotten und hatte eine Virtuosität darin bekommen, so daß mir kürzlich für jedes Postkartenbild 20 Mk. in Frankfilrt geboten wurden. Diese sollten zur Vervielfältigung verwendet werden, und so war ich bald in den gleichgesinnten Kreisen bekannt nnd beliebt. Mein Haß gründete sich ans die schoflige Gesinnung einzelner ttnd ick übersah manche edle Handlung von Juden gegen ihren Nebenmenschen.und schob dabei immer geschäftliche Nebengedanken der Betreffenden vor. So kam der Krieg, die Aufrufe der Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Todesanzeige manches jüdischen Soldaten. Soviel edle Gesinnung gaben mir zn denken nnd ich sah immer mehr ein, daß man die Gesamtheit zu Unrecht verantwortlich macht für die Gemeinheiten Einzelner. Außerdem hat der Jude vor uns Christen, was Familiensinn und Mäßigkeit anlangt, sehr vieles voraus. Kurzum, es war mir schon lange als ein Unrecht vor Gott nnd den Menschen erschienen, seinen Nächsten zu verfolgen, weil seine Abstammung eine jüdische war. Was mir aber die Feder in die Hand drückt, ist die Erkenntnis, daß ich Unrecht tat, die jüdischen Chefs für rohe materielle Menschen zn halten, und eine Erfahrung am eigenen Leibe lat das Ihrige nock!" Der Briefschreiber erzählt, wie er bei Ausbruch des Krieges von seinem christlichen Chef, zu dessen Zufriedenheit er zwölf Jahre geschäftlich gereist war, Knall und Fall unter nichtigen Gründen entlasset; worden ist mit) daß seinem in demselben Geschäftshause beschäftigen Sohne mit dem Augenblick, wo er ins Feld rückte, jegliches Gehalt entzogen wurde, wodurch zwei Familien in bittere Sorgen und Leid gerieten. Ans dieser persönlichen Erfahrung will er in Zukunft die Nntzanwendnng ziehen: „Jedenfalls werde ich mich bemühen, meinem jüdischen Nebenmenschen fernerhin nicht mehr wehe zu tun nnd erst nach dem Charakter nnd dann nach seiner Konfession zu fragen. Es ist mir eine Erleichteritng gerade Ihren Bestrebnngen gegenüber, mein Herz und mein Denken klargelegt zn haben und ich will auch in meinen Bekanntenkreisen dazu beilragen, gerechter nnd edler denken za lernen." Dieser Brief spricht für sich selbst, nnd wenn er auch nur die innere Wandlung einer einzelnen Persönlichkeit

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