Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 1. Die Wahrheit Religionsgemeinschaften nicht so fest zusammengeschweißt, dann wäre jetzt, weiß Gott, das Reich zu solch gigantischen Abwehraktionen gegen den moskowitischen Riesen, wie wir sie, Gott sei Lob und Dank, jetzt sehen, nicht fähig gewesen. Gebe Gott, daß die ungeheuren Opfer an Gut und und Blut, welche die Völker Oesterreich-Ungarns gegenwärtig am Altäre des gemeinsamen Vaterlandes darbringen, von bleibendem Erfolge gekrönt werden! Gebe Gott, daß die Züchtigung aller schuldigen frechen Gegner gelinge, welche diesem friedlichen Staate den gegenwärtigen Rieseukampf anfgenötigt haben! Aber nach Beendigung dieses schrecklichen Weltkrieges dürfen die inneren Kämpfe in Oesterreich-Ungarn auf keinen Fall mehr wieder anfleben, wie dies leider vor dem Kriege der Fall war! Das Reich ist nur dann innerlich gefestigt, wenn es sich gleichmäßig auf die Schultern aller seiner Teile stützt, deshalb müssen sich auch alle Teile unter dem Schutze gerechter und klarer, ausreichender Gesetze sicher fühlen! Dieser fürchterliche, gemeinsame Abwehrkampf ist wohl geeignet, den kleinlichen Eifersüchteleien der verschiedenen Nationen des Staates in ihrer wahren Erbärmlichkeit und Gemeinschädlichkeit aufzndecken und dieselben zu einem friedlichen Zusammenleben zu erziehen. Möge daher für den Frieden seiner verschiedenen Nationen und Konfessionen auf dem weiten Boden unseres geliebten Vaterlandes endlich Raum werden! Rafft sich die Reichsregiernng und Volksvertretung Oesterreich - Ungarns zum Verständnisse dieser Wahrheit auf und wird dieselbe kraftvoll durchgeführt, dann wird das mannigfaltige Oesterreich-Ungarn auf den festen Grundlagen von Recht und Billigkeit ebenso fest stehen wie das national geeinte Deutsche Reich. Dann wird auch seine Kraft von allen seinen Feinden richtig bewertet und respektiert werden. Die jüdischen Bürger Oesterreich-Ungarns fordern aber die strengste Durchführung des „inneren Burgfriedens" in Oesterreich-Ungarn, nicht nur für die Zeit des Krieges, sondern für immer. Weber jüdische Soldaten imd Ofst jiere. Der Berliner Korrespondent des „Eygenlöszeg" hatte dieser Tage mit Oberst Baron Oppeln, Leiter der Abteilung des Großen Generalstabes, in welcher die zur Vorrückung eingelaugten Vorschläge zur Erledigung gelangen, eine Unterredung. Auf die Frage des Korrespondenten, welche Entwicklung das in Preußen, besonders im Parlament so oft diskutierte Problem der Ernennung jüdischer Offiziere nach dem Kriege nehmen dürfte, antwortete Baron Oppeln wie folgt: „Hierüber kann ich natürlich nicht viel sagen, denn das gehört nicht in meinen Wirkungskreis. Meine persönliche Ansicht hierüber war auch in Friedenszeit schon die, daß man sich nicht davor verschließen könne noch dürfe, daß wir unsere Mitbürger jüdischen Glaubens — soweit sie hierzu geeignet sind — ohne Rücksicht auf ihre Religionszugehörigkeit zur militärischen Laufbahn zulassen. Auf die militärischen Tttgenden. glaube ich, kann die Religion nicht * von Einfluß sein, der Jude ist ein genau so guter Soldat wie der Protestant oder der Katholik oder selbst der Hindu. Für die militärische Laufbahn beschaffen sein ist Frage der Individualität, der Willenskraft und der physischen Beschaffenheit des Körpers, nicht aber der Religion. Wir können unseren Gott aus verschiedene Weise anbeten, das ist Sache des Wissens und der individuellen Anffassnng. Den Feind können wir nur in der einen Weise schlagen, wenn glühende Vaterlandsliebe sich mit soldatischer Bereitwilligkeit und Tauglichkeit Part. Die glühende Vaterlandsliebe nun — dies hat der Krieg auch für diejenigen bewiesen, welche bisher daran vielleicht arrs anderen Gründen nicht geglaubt haben — lodert in unsere» Kompatrioten jüdischen Glaubens ebenso kräftig wie z. B. in mir. Und ich darf wohl ohne unbescheiden zu erscheinen, sagen, daß die Barone Oppeln gute ^Patrioten sind und vor allem immer Germanen waren. Die Jltden sind genau so gute Germanen, sprechen doch — wie uns wenigstens die Gelehrten versichern — neunzig Prozend der auf dem Erdball lebenden Inden die deutsche Sprache und fühlen sich auch infolge ihrer Hingezogenheit zum Deutschtum als Deutsche. Was die jüdischen Soldaten betrifft, so ist es überstüssig, darüber zu reden, wie tapfer, opferbereit und hingebungsvoll sie sind. Sie sind so wie die übrigen. Die deutschen Soldaten, die im Kampfe mit dem Feinde stehen, sind, ich kann es stolz sagen und sehe es mit freudiger Genugtuung, alle Helden, und hier gibt es nicht Inden oder Christen. In unserer Armee gibt es nur Deutsche, die vor Sehnsucht brennen, die Feinde ihres Vaterlandes für die Frivolität, mit welcher sie Deutschland in diesen Krieg getrieben haben, zu züchtigen. Die Unsrigen sind alle, einer wie der andere, hervorragende Soldaten, und es ist nur natürlich, daß wer sich besonders ausgezeichnet hat, bei dessen Beförderung oder Ernennung zum Offizier weder Seine Majestät der Kaiser, noch aber die Heeresleitung bavauf schauen oder danach forschen, welcher Religion er sei. Und noch etwas! Die neuen 152 Offiziere jüdischen Glaubens stehen nicht allein im Heere. Das fällt vielleicht nur deshalb auf, weil ihre Ernennung in einer Masse erfolgte. Noch vor Beginn des Krieges lagen uns Vorlagen betreffend die Ernennung jüdischer Offiziere, nud zwar in recht großer Zahl, vor. Ich wiederhole: Meiner Meinung nach handelt jedermann schlecht, wenn er konfessionelle Unterscheidungen sucht. Der deutsche Jude ist ein genau so guter Patriot wie der deutsche Christ, und so ist es nicht nur billig, sondern auch natürlich, daß das Judentum eine ebensolche Behandlung, erfahre wie die übrigen. Wir sind gleich, und ich hoffe, daß wir anch in Zukunft gleich bleiben werden." Warum schlagen mir uns mit Oesterreich? In „Ost und West" berichtet Boris Dawidovicz, ein russischer jüdischer Student, der aber in Deutschland studieren mußte, über seine Kriegserlebnisse folgendes: ,,Bei den russischen Soldaten aller Konfessionen und Nationalitäten, insofern sie einige Intelligenz besaßen, ließen sich häufig Stimmen hören: Warum schlagen wir uns mit Oesterreich? Was hat Oesterreich uns oder andern zuleide getan? .... Bei mir aber nahm diese Frage häufig die Form quälender Gewissensbisse an. Warum tötete ich österreichische Soldaten? In diesem Lande hatte ich nnr Gutes erfahren. Hier durfte ich unbehelligt überall wohnen und studieren, was mir mein eigenes Vaterland versagt, und nun stattete ich dem Lande meinen Dank ab, indem ich seine Söhne erschoß oder erstach. Gemordet, gebrannt und geplündert haben — das muß ebenfalls betont werden — die jüdischen Soldaten im russischen Heere nicht; wir brachten in geplünderten Ortschaften den Bewohnern, Christen wie Inden, die von unser» lieben Kameraden geraubten Sachen zurück. Aber kriegsmäßig habe ich doch viele Oesterreicher auf dem Gewissen. Das Geknatter der Gewehre und das Brüllen der Geschütze überlönen diese inneren Stimmen. Wir kamen nach Przemysl. In dem hartnäckigen dreiwöchigen Ringen der Russen um diese gigantische Festung ist unendlich viel Blut geflossen. Die Oesterreicher, die die russische Belagernngsarmee schließlich zurückgeschlagen haben, dürfen sich sagen, daß sie eilten ihnen an Zahl vielfach überlegenen, rücksichtslosen und mit nngezähmter Energie kämpfenden Feind überwunden haben. Von den Rnssen wurden die polnischen und jüdischen Soldaten immer in, erster Reihe ins Feuer geschickt und rückwärts von Maschinengewehren ängetrieben. Diese Elemente sind das Kanonenfutter der russischen Armee. Mir lvurde das linke Bein durchschossen: Einige Tage lag ich in einem Graben zwischen schweigenden Leichen und wimmernden, ächzenden, schauervoll stöhnenden, seufzenden.