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Die Wahrheit · 1914-12-25 · Heft 48 (25.12.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 48 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wntirheit Nr. 48 Ueue Bedrückungen dev Inden in Rußland. Aus Genf wird dem „Berliner Tageblatt" gemeldet: Aus Rußland kommen Meldungen über neue Bedrückungen der Inden. In Petersburg fanden letzthin wieder nächtliche Hausdurchsuchungen nach nicht wohnnngsberechtigten Inden statt, dabei wurden auch diejenigen Inden nicht geschont, die sich aus den Orten des Kriegsschauplatzes nach der Hauptstadt geflüchtet hatten. Ein jüdischer Soldat, dem ein Bein amputiert worden war, wurde nach der Entlassung ans dem Moskauer Spital, weil er dort nicht wohnnngsberechtigt ist, in seinen Heimatsort abgeschoben. Russische Blätter besprechen auch andere Maßnahmen der Regierung, durch welche die rechtliche Lage der Inden beschränkt wird. Unter diesen ist hervorzuheben, daß den aus feindlichen Ländern znrückgekehrteu jüdischen Studenten die Erlaubnis zur Ablegung der Prüfungen, nachdem sie ihnen anfänglich gewährt wurden, jetzt wieder strikte verweigert wird. Gesuche von Schülern um Ausnahme in den Mittelschulen über die niedrige Prozentnorm hinaus werden abgewiesen. Zn großen Protesten gab auch der Vorschlag des Ministers des Innern, Maklalow, Anlaß, daß bei der Genehmigung von Aktiengesellschaften die Ausschließung von Inden als Direktoren nnd Aufflchtsräte wieder streng dnrchgesührt werden soll. Der Zar a» seine „lieben Inden." (Jugenderiunerungen aus Smvalki.) Scheußliche 'Fratzen grinsen mich an, wenn ich des Nachts im Halbschlnmmer jener russischen Jngendeindrücke zuweilen gedenke. Ohrenbetäubendes Gejohle — das Geklirre zertrümmerter Fensterscheiben. Dsin . . . Dsin . . . fällen sie auf das Pflaster und zerschellen in winzige Splitter... Was gab's? — fragt Ihr. Nichts! . . . Oder nichts von Bedeutung. Man hatte „Auferstehung" gefeiert. Es Marder Vorabend des Paschi (Passah, Ostern) nnd der Pope war zu sehr begeistert. . . Und sein Wort triefte von blutigem Haß gegen die Inden. Aber nicht nur gegen sie glühte sein Zorn. Auch ans die römisch-katholischen Polen sanfte wuchtig die Geißel seiner Wut nieder. Mateshmki — Aufwiegler, Revolutionäre, wurden sie geheißen, die die Prawoslawie (Rechtgläubigkeit) im heiligen Reiche hemmen, die Böses im Schilde gegen den Zarismus führen. Ihr Wort ist Falschheit, ihr Hauch Lüge. ... Also wollen .sich die Andächtigen Lnft machen, ihr Mütchen kühlen. Gegen wen? — Es ist längst zur Tradition geworden — gegen des Zaren „Lieblinge", gegen die Juden. Rucken die Rekruten zum Militärdienste ein und gönnen sich einen harmlosen Spaß: Etliche jüdische Fensterscheiben zerschmettert. Das ist eine Bagatelle! Da sagt die Polizei kein Wort dazu. Und wenn es nun in der Gasse solch einen Lärm gab, so saßen wir Kinder mäuschenstille, wie wenn ein heftiges Gewitter niederging. Die Mutter sprach gewöhnlich: „Kinder, betet, daß sich Gott unser erbarmt und unseren Bedrängern die Kraft benimmt, uns Böses znznfügen. Der Krawall wird ja bald vorüber sein!" ... „Gott gib^s!", stimmten wir ein nnd begannen die einschlägigen Psalmen zu sprechen: Warum stehst Du Herr von ferne (Kap. 10), Nichte mich, Herr und kriege .meinen Krieg (Kap. 41), Warum- Herr, verlassest Dü ... (Kap. 74) oder: Wohl denen, die den Weg des Rechten wandeln... (Kap. 119). Und Gott half! Bald verstummte der wilde Lärm/das ohrenbetäubende Gebrülle erstarb nach und nach in der Gaffe. .. ( Das waren damals ernste, traurige Zeiten- -In den benachbarten Judeugemeinden hatten bereits Metzeleien' stattgefunden und täglich, ja stündlich, erwartete man auch bei uns den Pogrom mit all seiner Scheußlichkeit. Es galt, sich-nach Möglichkeit zur Gegenwehr zu rüsten. Wer ängstlich und weichherzig sei, lautete nun die Parole, der gehe nach Hanse und mache nicht auch , noch die Herzen, der anderen verzagt! So war es gegen Ende der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, als der Haß der.russischen Tschjnowuiks mit erneuter Macht einsetzte. In allen Teilen Rußlands wurde die. christliche .Bevölkerung gegen die Juden ausgestachelt und .zum Progrom förmlich getrieben. Jever. Tag brachte neue Hiobsposten. Aber den .noch unbehelligteu Juden wurde es klar: den Feinden soll der Sieg nicht billig, zu stehen kommen! Also versammelte ipan. sich im großen Beth-Hamidrasch — dahin wurde das „Hauptgnartier" verlegt — und beriet, ivas zu beginnen sei? Vor allem wurde beschlossen, für jede Nacht einige junge, energische Leute zu bestimmen, die die Nachtpatrouille, bilden sollten. Dieser Beschluß wurde sofort ausgeführt. Dann wurde weiter beraten. Was hierbei ausgeklügelt wurde, blieb für die breiten Massen ein Geheimnis. Wohl war es noch früh im Herbst, allein der Schnee häufte sich bereits haushoch und nur mit hohen, wasserdichten Schaftstiefeln vermochte man trockenen Fußes sich dnrchzuringen. Die Patrouille war warm gekleidet, gut beschuht und ging, mit allerlei Wehrmitteln ausgerüstet, auf der Gasse aus und nieder, ängstlich nach dem Feinde spähend. Es wurden hiebei sogar noch tolle Streiche ansgeführt: eilt ans Brettern gezimmertes Anstandskabinett, das auf vier Holzbeiuen auf irgend einem Hose stand, wurde ans seinen Grundfesten gehoben und vor des „Dozorze" (Kultusvorstehers) Fenster, mitten am Marktplätze, postiert; ein vor einem Schuster hängendes Schild wurde von seinem Ursprungsort entfernt und über des Rabbiners Tür angebracht. Eines Nachts klopfte es an des Gesetzrollenschreibers Josfel Fenster. „Was gibt's? schreit schlaftrunken der Geweckte. „Schreckt Euch nicht Josfel, nnd steht aus. Ihr habt den großen Gewinnst gemacht!" tönt es ihm entgegen. ' Der Schriftkundige schlüpft in seine Schlores (Pantoffeln), reißt seine Tür auf und läuft halbnackt durch die Gasse wie besessen. Bald stellt ihn die Patrouille: „Wohin lauft Ihr, Jossel?" ' „Gott über die Welt!" räsonnierte der Augesprochene, „just vor a Weil hat man mir verkündet, daß ich hob gemacht das große Gewinnst!" „Maseltow!" klang es im Chorus. Und einer frug den Rcb Jossel: Was habt Ihr für ein Los!" „A Los? A Los? . . . . Wos muß ich denn eppes a Los dazu haben?" gab er verwirrt zurück. Die Patrouille lachte und einer -rief dem Jossel zu: „Verrichtet das Notwendigste — und geht schlafen! Wer kein Los hat, der kann auch den großen Gewinnst .nicht machen!" — .! Smvalki blieb vom Pogrom - verschont. Aber lange noch wurde über den Haupttreffer des Schreibers Jossel gelacht. . ... Oberkantor Wilkowitsch. . Verschiedene Nachrichten Wien. Dienstag, den 15. d. M. fanden über Auftrag des Vorstandes der Wiener Knltusgemeinde in sämtlichen Gememdetempeln besondere Channkasestgottesdienste für die Schulkinder der galizischen Flüchtlinge statt, an welchen auch die Wiener Schulkinder in großer Zahl teilnahmen. Bei der Feier im Stadttempel waren der erste Vizepräsident der Knltusgemeinde, Landesschulrat Dr. Gustav K o h n mit anderen Vertretern des Vorstandes, Frau Baronin Charlotte Köuigsw.a r t e r. Frau Sophie G r ü.n selb, und viele Vorstandsdameu der Wiener Frauenwohltätigkeits-Vereine anwesend. Die überaus wirkungsvolle Ansprache an die Kinder hielt Herr Rabbiner Dr. R o s e n m a iui-, und den gesanglichen Teil der Feier-exekutierte Oberkantor Don Fuchs mit dem Chore. . Vien. (C h a lf u f abeschee ru.tt-g.) Die von Frau Barouiu Charlotte K ö n-i g s w arte r und Herrn Präsidenten Dr.. Alfred S t.e r n-eingeleitete Aktion zur Chanukabescheruug-der schulbesuchenden Kinder der galizischen Flüchtlinge in Wien fand ihre Krönung in der Bekleidung von ungefähr 600 Kindern, am. letzten Tage Channka.. D->r.

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