Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 48 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 5. pflegten, winden davongejagt und jüdische Geschäftsleute mit unerbittlicher Strenge behandelt. Bald gefiel es dem Gouverneur, die Geldwährung in einer Weise zu regeln, daß sie den Inden erheblichen -Schaden znfügte. Dreißig Kopeken mußten als eine Krone angenommen werden und wer sich weigerte, wurde zur Polizei geschleppt und eingesperrt und hat außer der Prügelstrafe wochenlang in den Gefängnis- Mauern schmachten müssen. Noch schlimmer erging es uns, wenn wir nichtrnssische Zeitungen lesen wollten. Dieses „Delikt" wurde von den Russen mit drei Monaten Kerker oder 3000 Rubel Geldstrafe geahndet. So oft nur eine Zeitung gebracht wurde, steckte man, wo man sich traf, die Köpfe zusammen, tun die neuesten Nachrichten zu empfangen und unbemerkt wieder anseinanderzngehen. lieber die rumänische Grenze flüchteten täglich massenhaft Einwohner und in der Stadt wurde es immer düsterer. Waren wir so um unser eigenes Leben besorgt, so datierten uns noch mehr die hnngernden und frierenden Kinder des Waisenhauses, die Kranken und Siechen des jüdischen Spitals und Altersversorgungshanses, die alle hilflos verblieben. Freilich hat die Knltusgemeinde vorzeitig ihren Posten verlassen, ohne für ansreichende Hilfe für die ihr unterstehenden Institute gesorgt zu haben, aber diese Sünde war leider nicht mehr recht zu machen. Besonders traurig gestalteten sich für uns die hohen Feiertage. Sowohl zu Neujahr als auch am Versöhnnngstage blieben der große Tempel, die Synagoge sowie sämtliche öffentlichen Bethäuser geschlossen. Nur einzelne Privatbethäilser funktionierten und die Angst vor einer Ueberraschung wirkte ans die Erschienenen fast lähmend. Als es znr Berlesnng des Kaisergebetes kam, wurden Türen und Fenster umso fester geschlossen und die kleine aber andächtig betende Gemeinde brach in heftiges Weinen und Schluchzen aus. Denn für Kaiser Franz Josef, unseren Allvater, und das Erzhans Habsburg zu Gott zu beten, war immer unser Stolz, und jetzt sollte dieses Gebet ein Geheimnis bleiben... Aber das Maß rnffischer Verfolgung und Brutalität scheint noch immer nicht voll gewesen zu sein. Alle Qnalen und Torturen, die man uns kosten ließ, sollten noch durch Pogroms ergänzt werden, die eines Tages ohne Scheu öffentlich angekündigt worden sind. Erschlaget die Juden wie tolle Hunde, hieß es an allen Ecken und Enden, was eine unbeschreibliche Panik hervorrief. Wir hielten uns tagelang in den Wohnungen versteckt, trauten uns nicht auf die Gaffe und die Frauen und Kinder rangen bittend und stehend die Hände, daß uns der Allmächtige erhöre und vom Unglück befreie. Und Gott Zabaoth erbarmte sich unser und erhörte uns. Ein rettender Engel nahte sich am 18. Oktober unserer Stadt, betörte das russische Gesindel und zwang es zu wilder Flucht und schon am 20. Oktober mittags , wehten die schwarz-gelben Fahnen vom Giebel der Häuser herab, Die entsetzliche Angst löste sich in unendlichen Jubel auf. Fünf Wochen lang leuchtete uns die österreichische Sonne wieder, wir lebten in Wonne und dieses Wonnegefühl ließ uns rasch alles vergessen, was wir während der siebenwöchentlichen Rusfeninvasion gelitten. Der inzwischen eingesetzte Kanonendonner, das furchtbare Gewehrgeknatter machte uns nicht, bange, denn wir haben unseren braven Truppen vollstes Vertrauen geschenkt. Als aber der russische Bär neuerdings seine Krallen über uns ansbreitete, da schworen, wir uns, nicht mehr in -seiner Nähe zu bleiben. Wir sind Oesterreicher, von' wahrer Vaterlandsliebe durchglühte Oesterreicher, und statt von der Hand der Barbaren niedergetreten zn werden, wollen wir mithelfen, ihn niederznringen. Isidor Obstgarten.' Die Kefreinng der russischen Inden. Der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten, von Amerika, Graf von B e r n st o f f, hat, wie dem „Israelit" mitgeteilt wird, an den Redakteur der irr New-Iork erscheinenden jüdischen Zeitung „Der Tag" folgendes Schreiben gerichtet: „Geehrter Herr Bernstein! Sie teilten mir mit, daß Sie aus russischen Zeitungen entnehmen, deutsche Soldaten hätten in Russisch-Polen schwere Grausamkeiten sich zu schulden kommen lassen, speziell an der jüdischen Bevölkerung. Sie fragen mich, ob ich darauf etwas zu erwidern habe. Ich benutze gern diese Gelegenheit, über diese Fragen mich zu äußern, die naturgemäß — besonders auch unter den zahlreichen Juden Amerikas — das ernsteste Interesse finden. Krieg ist kein Spiel, und es ist ganz zweifellos, daß alle okkupierten Länder unter seiner Last und seinem Schrecken zu leiden haben. Die deutsche Heeresleitung hat jedoch alles getan, um die unschuldige Zivilbevölkerung in von ihren Truppen besetzten feindlichen Gebieten nach Kräften vor den Schrecken des Krieges zu schützen. Lrie tut dies ganz speziell in Nussisch-Polen, wo sie auf eine Bevölkerung trifft, die aus den in Rußland unterdrückten nationalen Minderheiten gebildet wird. Die deutschen Armeen kommen nach Russisch- Polen als Verteidiger der deutschen Landesgrenzen.. Sie finden dort diese Bevölkerung, die seit langem auf das schwerste unter dem russischen Regime leidet. Das Gefühl menschlicher Gerechtigkeit vereint sich hier mit der elementarsten politischen Klugheit, damit die Deutschen diese unterdrückten Völker fühlen lassen, daß in dem einrückenden „Feind" tatsächlich ein Befreier sich nähert. So haben die deutsch-österreichischen Okkupationsarmeen schon im August ein Manifest an die Juden in Russisch-Polen gerichtet, das in hebräischer und jiddischer Sprache verbreitet wurde.. Hier wird den Juden mit der Befreiung vom russischen Joch volle religiöse und bürgerliche Freiheit zugesagt, ihre Gleichstellung auf allen Gebieten des ökonomischen und geistigen Lebens. Es ist bei Versprechungen nicht geblieben. Man hat der jüdischen Bevölkerurig, trotzdem an ihrer Loyalität gegenüber dem feindlichen Rußland noch nicht gezweifelt werden konnte, die Kriegslasten zu erleichtern versucht. Man hat den ökonomisch schwachen Ortschaften die Kriegskontribntion erlassen. Man hat nach Möglichkeit jüdische Häuser vor Zerstörung bewahrt. Man hat jüdische Gefangene mit Rücksicht behandelt nsw. Es liegen zahlreiche Berichte vor. die diesen guten Willen der Deutschen anerkennen. Deutschland hat seinen Juden alle bürgerlichen Rechte gegeben, die wenigen letzten Schranken werden mit diesem Kriege fallen. Deutschland bietet den Juden in Russisch-Polen offen und ohne Rückhalt alles, was sie unter dem russischen Regime entbehren mußten, wozu auch heute 'in Rußland nicht der geringste Anfang zu verspüren ist. Wie ist es da auch nur denkbar, daß die deutschen Truppen sich Grausamkeiten gegen die Juden zuschulden kommen lassen? Die weltbekannte deutsche Heeresdisziplin sollte nicht imstande sein, den Soldaten von Grausamkeiten fern zu halten gerade hier, wo neben der Menschlichkeit auch noch schwerwiegende politische Absichten sie verbieten? Alle vorliegenden authentischen Nachrichten beweisen das Gegenteil. Die Absicht der russischen Kreise, die solche Tatarennachrichten hinaussenden, ist klar. Die Juden Rußlands zeigen in diesem Kriege einen bewundernswerten Patriotismus für ihr Heimatland, das sie unterdrückt hält. Die russische Regierung verspricht den Inden nun nicht etwa eine Besserung ihrer Lage, sie weist vielmehr darauf hin, daß die feindlichen Deutschen die Juden ja noch schlimmer behandeln. So will sie jeden Keim einer möglichen Deutfchfrenudlichkeit in den russischen Juden ersticken, vor allem aber auch der ganzen Welt zeigen,, daß sie mit ihren eigenen Methoden auch in Europa nicht allein dasteht. Es ist notwendig, diese Kampfart einmal, niederzuhängen." -