Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 46 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063725-3063771--09350-3076595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 6 Die Wavrheit Nr. 46 Kraft die Geschicke dieser Monorchie znm Segen aller ihrer Söhne als unser weiser, gerechter, heißgeliebter Kaiser zu lenken. Dies ist unser heißester Wunsch, unser tägliches inniges Gebet. Der Präsident Dr. Alsred Stern Der Oberrabbiner Dr. Moriz G ü d e in a n N Der erste Sekretär kaiserl. Rat Dr. Theodor Lieben Von der Kabiuetskanzlei des Kaisers ist hierauf folgende Antwort eingelaugt: Wie», Burg. Herrn Dr. Alfred Stern, Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Seme Majestät der Kaiser haben die vom Vorstand der Wiener israelstischen Kultusgemeinde anläßlich des 66. Jahrestages der Allerhöchsten Thronbesteigung im Namen der Israeliten Oesterreichs dargebrachten Segenswünsche mit ausrichtiger Befriedigung entgegenzunehmen geruht und danken hnidvollst für diesen neuerlichen Beweis treu erprobter Anhänglichkeit und patriotischer Hingebung. Im Allerhöchsten Aufträge: Freiherr von Sch i e ß l.' Zur Frage der Kenenunng der Jude»». Bon Prof. Dr. Samnel Krauß. Die durch die Schrift des Herrn Rabbiners Dr. Armin Abeles in Fluß geratene Frage „Sind wir Juden oder Israeliten?" kann, wie der Verfasser und auch die für oder gegen ihn Stellungnehmenden richtig gestehen, nur auf dem Wege literarischer Untersuchungen gelöst werden. Um die Frage allseits beleuchten zu können, will ich ans nachstehende literarische Befunde Hinweise», die ich freilich nur in allgemeinen Umrissen bezeichnen, nicht.aber in wissenschaftlich genauer Art „anführen" kann. 1. In Privatschriften der griechisch-römischen Zeit gibt es mehrere Benennungen der Angehörigen unseres Volkes, waren doch dem privaten Ermessen und der privaten Gelehrsamkeit keinerlei Gesetze gegeben und' keinerlei Schranken gezogen. In den berühmten, aramäisch abgefaßten Elephantine- Papyri werden wir bald „Juden" bald „Aramäer" genannt, und da kann man nicht umhin, auf die interessante Erscheinung zu verweisen, daß im Talmud mit dem Worte „Aramäer" gerade die schlimmsten Hei den bezeichnet werden, was freilich sognt wie jede andere Erscheinung seine Geschichte hat. Auch die Syrer, nachdem sie Christen geworden sind, nennen ihre eigenen, heidnisch gebliebenen Landsleute „Aramäer". In anderen Texten, z. B. im Papyri, werden wir „Syrier" genannt, und dasselbe findet sich auch bei einigen griechischen Schriftstellern des vierten und fünften nachchristlichen Jahrhunderts und selbst unsere jungen Lateiuschützen können sich aus dem Wege eines Registers leicht überzeugen, daß ihr lieber Ovid einmal den Ausdruck „palästinischer Syrer" und einmal „syrischer Jude" hat. Wenn andere lateinische Autoren die „Palästiner" nennen, ist es nicht klar, ob sie ausschließlich die Juden oder auch die anderen Einwohner des Landes bezeichnen wollen. Bei Dion Cassius wird z. B. der jüdische König Agrippa „der in Palästina" genannt, offenbar darum, weil er auch über nichtjüdische Völker geherrscht hatte. Wieder in anderen Fällen besteht die Vermutung, daß mit „Palästiner" geradezu aramäische, griechische, arabische etc. Palästiner, mit Ausschluß der Inden, gemeint seien, denn diese Völkerschaften waren manchmal durchaus nicht unter einen Hut zu bringen. Manchem Schriftsteller griechischer und lateinischer Zunge erschien Palästina nur als Anhängsel von Jerusalem, so daß zuweilen „Hierösolymitaner" gesagt wird, wenn „Jude" im allgemeinen gemeint ist. Heißt doch auch in jüdischen Kreisen „jerusalemischer" Talmud soviel als „palästinischer" Talmud (im Gegensätze zu „babylonischem" Talmud). Die namentlich im Griechischen große Aehnlichkeit zwischen „Judäer" und „Zdomäer" führte ferner zu dem Irrtum, daß „Judäer" und „Jdomäer" dasselbe bedeuten. Der Ausdruck „Jsraelite" kommt merkwürdiger Weise bei keinem heidnischen Schriftsteller vor, ein Umstand, worin sich nach meiner Ansicht nur eine gewisse Oberflächlichkeit birgt,'indem man aus der Gegenwart nie zur Antike Hinabstieg, nicht aber birgt sich hierin irgend eine Tendenz, du ja den heidnischen Autoren die etwaige dogmatische Bedeutung von „Jsraelite" nicht zum Bewußtsein kommen konnte. 2. Umsomehr bedienen sich des Ausdruckes „Israel" die Schriftsteller des Neuen Testaments, freilich auch des Ausdruckes „Jude", und es ist nicht richtig, was Abeles sagt, daß dies „in der Regel nur im Munde der Nichtjuden" geschehe, denn vergleiche z. B. Apostelgeschichte 26 und einen Unterschied in diesem Punkte, wie ihn Abeles zwischen den synoptischen Evangelien einerseits und den sonstigen Schriften des Neuen Testaments anznnehmen scheint, besteht gewiß nicht. Die späteren Christen, namentlich die Kirchenväter, haben sich gewöhnt, unter „Israel" nur das geschichtliche, vorchristliche Israel zu verstehen, nennen sie doch in rhetorischem Schwünge sich selbst Israeli Doch sagt Cyrill von Jerusalem, u. zw. im vierten Jahrhundert, ausdrücklich, daß der Name „Israel" noch immer die Inden bezeichne. Ebenso sind es die Kirchenväter, die, dem Worte „Jude" einen verächtlichen Beigeschmack beilegend, den verachteten und mißhandelten Juden ihrer Zeit mit Vorliebe „Jude" nennen, während sie die Vorfahren der biblischen Zeit ostentativ „Hebräer" nennen. Bald ergab sich auch die Notwendigkeit, dem ans einem Inden gewordenen Christen von dem heidnisch geborenen Christen zu unterscheiden, und so hieß elfterer wohl auch „Hebraeo- Christ", ein Name, den wir nicht gerade geschmackvoll finden, wie auch nicht den „Judenchristen", den mau gleichwohl, in Ermangelung eines besseren, so oft im Munde führt. Fast wie ans Verabredung kommt nun ans einmal bei den -unbefangenen griechischen Autoren des zweiten, dritten und vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Wort „Hebräer" für die Inden ans, nicht ohne gehässigen Seitenblick aus das junge Christentum, das hiermit in seine Schranken verwiesen werden sollte. So z. B. gebraucht Pansanias immer nur das Wort „Hebräer". Bei lateinischen Schriftstellern jedoch findet man „Hebräer" äußert selten, was ja am Ende ein Zufall sein mag; sie gebrauchen nach wie vor das Wort „Jude", was uns am besten beweist, daß dieses Won in ihrem Kreise- und zu jener Zeit noch nicht mit einem schimpflichen Nebenbegriff verbunden wurde. Selbst Kaiser Julian, der doch den Juden so sehr gewogen war. redet sie im frenndlichsten Tone per Jude an. Uebrigens reden hie und da auch noch die Kirchenväter per Inden von ihnen, ohne in das Wort etwas Gehässiges zu legen. Erst von der Mitte des vierten Jahr-- Hunderts an. als das Christentum Staatsreligion geworden und sofort an die Beschränkung der Rechte der Inden schritt, wurde „Jude" und inferiorer Mensch ein und dasselbe. 3. In der offiziellen Sprache Roms hatte man mir dem Worte „Jude" nie etwas Verächtliches ausdrücken wollen. Man sucht zwar das Gegenteil zu erweisen, indem man darauf hinweist, daß selbst die siegreichen Kaiser, wie Vespasian und Titus, es vermieden haben sollten, sich „judaicus“ benennen zu lassen (siehe Dion Cassius), aber das ist nur aus dem Grunde geschehen, weil „judaicus“ auch die religiöse Zugehörigkeit bedeutet hätte, was natürlich den Tatsachen nicht entsprochen hätte. Hingegen hat man ohne Scheu z. B. den in Palästina operierenden Truppenteil „jüdisches Heer" genannt. In den römischen Gesetzen, die doch den höchsten Ausdruck der amtlichen Auffassung darstellen, werden wir stets „Inden" genannt, einerlei ob in lateinischer oder in griechischer Sprache. Dieser Sprachgebrauch hat sich auch in der christlichen Zeit des römischen Staates nicht geändert. Erst unter Jnstinian (6. Jahrhundert) - und auch da nicht im großen Gesetzkodex, sondern erst in den Novellen, wird das Wort „Hebräer" angewandt. Dies ist aber als Schonung für die Juden aufzufassen, denn da die Bezeichnung „Inden", wie gesagt, odios geworden, sah sich die Gesetzgebung veranlaßt, diesen Teil der Bevölkerung mit einem korrekten Ausdruck zu bezeichnen. Dasselbe ist nun nach und nach auch in der ehrenhaften byzantinischen Literatur geschehen und da in Bizanz sehr viele Schriften verfaßt wurden, so mag sich all*