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Die Wahrheit · 1914-12-11 · Heft 46 (11.12.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 46 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 46. Die Wahrheit hilft Gott unserem hartbedrängtem Vaterlande, so daß es nach einigen Wochen möglich wird, daß diese Leute in ihre Heimat wieder znrückkehren können. Indessen aber seien wir gut und hilfreich diesen Leuten gegenüber. Lassen wir sie samt ihren vielen Vorzügen und vielen Fehlern ungeschoren. Wie sagt, doch der Wiener: „Menschen, Menschen san mir olle, Fehler hat a jeder guna!" Viele Egerer Damen, die ich im Leben nie gesprochen habe, baten mich vor einigen Wochen, ich möge meinen Einfluß, der allerdings nicht groß ist, dahin wirken lassen, daß die bosnischen Muselmanen, die hier im Reservespitale als Verwundete lagen, rituelle Kost erhalten; und ich tat mein Möglichstes. Keinem voll unserer Bevölkerung fiel es ein, über die Bigotterie dieser Leute zu spotten; lassen wir daher auch die polnisch-jüdischen Flüchtlinge so leben, wie es ihnen ihre Religion vorschreibt und beherzigen wir die Sprüche babylonischer Hllmanisten, die da lauten: ..Beurteile deinen Nächsten möglichst von seiner besten Seite!" und: „Verurteile Niemanden, ehe du nicht in seine Lage gerietst"! Sabathvorabend in der Bigognespinnerei. Flüchten milßten die Armen vor der rohen Gewalt des Feindes, mnßten Hab und Gut, das sie im Schweiße des Angesichtes sich erwarben und was sie von ihren Vätern ererbten, im Stiche lassen und brachten in der Eile nur an sich, was ihnen am heiligsten und wertvollsten war: das hebräische Gebetbuch — die Chronik des Leidens —, das sie seit zwei Jahrtausenden mit sich in der Verbannung tragen, ans dem sie unuilterbrochen Trost und Zuversicht schöpfen; den silberbetreßten Wollbetmantel (Tallis), den Lendengürtel, die Betriemeu (Tephilin) und die siebenschwänzige Sabbathpelzmntze (Stramel); dann ihre irdischen Güter: etwas Bargeld, Bettzeug und eine Spirituskochmaschine, die fast jede Familie ihr Eigen nennt. Die Frauen brachten auch die Sabbaihlenchter an sich. Und sie besitzen nun das, was der strenggläubige Jude unbedingt im Kampfe um das Dasein besitzen muß . . . Der kurze Wintertag neigt seine Schalten und mit Ehrfurcht harren die Flüchtlinge des Einzuges der Braut Sabbath. In Bresko gingen sie freilich erst in das rituelle Bad (Mikwah), ehe sie Sabbath empfingen; hierüber steht ein Posten vor der Tür, der den Ein- und Ausgang wehrt; also waschen sie sich nur in einem Waschbecken, kämmen die Schläfenlocken zurecht, nmgürten sich mit dem Lendengurl, setzen die Stramel auf; die Frauen schmücken sich mit dem Sabbathhäubchen, entzünden mit einem frommen .Spruch die Kerzen und nun ist mau bereit, die Braut Sabbath zu empfangen, Der Vorbeter trällert: „Komm, mein Freund, der Braut entgegen, strahlenden Gesichtes wollen den Sabbath wir empfangen" . . . Und mit Jubel fällt die Gemeinde in den Hymnus ein. Gleich dem Rauschen des Orkanes erhebt sich das Stimmengewirr, wobei die Betenden den Oberkörper mächtig schütteln, um dem Psalm- Vers : „Alle meine Gebeine sprechen: Herr, wer gleicht Dir? ... zu entsprechen und jeden fremden Gedanken während des Belens zu verscheuchen. Und ist das Gebet vollendet, dann rufen sie ihre Sprossen herbei, legen ihre Hände segnend auf das Haupt der Kleinen, wobei sie mit Verzückung sprechen: „Gott mache dich wie Ephraim und Menasseh! Dann wird der Becher gefüllt und ein Weihespruch rezitiert (der Wein darf nur von verläßlich jüdischer Hand hergestellt sein, in ' Eg er ist solcher nicht zu haben und wird zur Not durch Branntwein ersetzt), worauf das erste Sabbatmahl verabreicht wird. — In den Fenstern der: Vigognespinnerei leuchteten am Freitagabend mehrere Hunderte von Kerzen und die Passanten fragten: Was gibts? — Haben wir nicht etwa einen Sieg in Polen errungen, daß hier so illuminiert wird? — Nein, die Kerzen bedeuten nicht einen Sieg der. Gegenwart, sie:prophezeihen den Sieg der Zukunft: .da die Waffen zu Sicheln .umgeschmiedet, da der Löwe mit dem Schafe auf der Weide grasen wird, da ein Mensch zum andern frei von Haß und Neid Bruder sagen wird und Ein Gott der Vater Aller sein wird, Das ist der Sabbat der Sabbate, den die strenggläubige Jndenheit erträumt, dem jubelt sie im Geiste zu!... W. Der Feldkaplan. Unter dem Titel: „Menschliches im Felde" berichtet der Kriegsberichterstatter der „Neuen Freien Presse" u. a. über die rühmenswerte Tat eines einfachen polnischen Juden Folgendes: Der Feldkaplan einer Honveddivision, ein kränklicher Herr, fuhr im Wagen dem vorrückenden Heereskörper nach, als es an der Tete zu einem stürmischen Zusammenstöße kam. Die Division war auf überlegene feindliche Kräfte gestoßen. Der Kommandant wollte sie durch eine festhallende Gruppe auffangen und unterdessen mit dem Gros die Flanke des Gegners abgewinnen. Er hatte die Stärke der Russen wohl unterschätzt, denn die sesthaltende Gruppe wurde überranut und floh, ehe die Umgehung noch durchgegriffen hatte. Der Kutscher des Kaplans tat anfangs alles, um seinen Herrn zu retten. Als er aber die Husaren zurückflnlen sah, sprang er'vom Bock, spannte die Pferde ans und raste davon. Dem geistlichen Herrn blieb nichts übrig, als ins nächste Dorf zu laufen. Er kam atemlos im ersten Haus an und knapp hinter ihm ein Rudel von johlenden, wütenden Kosaken. „Um Gottes willen, verbergt mich!" Das war das einzige, was der Kaplan noch hervorbrachte. Der Hausherr, ein Jude, führte, nein, warf den Feldkaplan auf das Bett eines Knechtes, das im Hausflur stand und verrammelte das Versteck rasch mit Kartoffelsücken. Eine Sekunde später waren die Kosaken da und schrien nach Geld und Schnaps. Sie bekamen beides. Die ganze Nacht hörte der geistliche Herr in seinem Versteck das Zechen, Fluchen und Schießen der wilden Gesellen. Sie plünderten das Dorf. Am Morgen waren sie abgezogen. Der Jude räunue die Säcke weg. Der Kaplan kroch hervor. Wie sah es im Flur und in den Zimmern aus! Kein Möbel, kein Fenster war heil geblieben. Nun erst erfuhr der Jude, wenn er da beherbergt hatte; er hatte den Kaplan bisher der schwarzen Kappe mit den Goldschnüren nach für einen Offizier gehalten. Da es galt, einen Geistlichen zu retten, war der fromme Jude doppelt eifrig am Werke. Man ersann folgenden Plan: Die Reverenda und die verräterische Kappe werden vergraben, der Gast zieht Kleider des Hausherrn an, und beide Männer suchen ans einem Bauernwägelchen unter Führung des Wirtes die nächste österreichische Abteilung zu erreichen. So geschah.es auch. Als der Kaplan glücklich bei der Nachrichtenpatrouille einer Division angelaugt war, seiner eigenen Division, da.zog der Jude einen Sack hervor und übergab ihn dem geistlichen Herrn. Der Sack enthielt Kappe und Reverenda. Der Jude hatte sie nicht vergraben, sondern mitgenommen. Dem geistlichen Herrn hatte er nichts davon gesagt, „damit der Herr sich nicht fürchte". Zum Regierungsjuöiläum des Kaisers. Anläßlich des 66. Regiernngsjubilänms des Kaisers hat der Vorstand der Wiener israelitischen Knltusgemeiude folgende Huldigungedepesche an Seine Majestät abgesandt: . An die Kabiuetskanzlei Seiner Majestät des Kaisers. Der am Vorabende des 66jährigen Jnbilänms der glorreichen Regiernng Eurer Majestät im Anschlüsse an einen Festgotiesdienst zu öffentlicher feierlicher Plenarsitzung versammelte Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde unterbreitet Eurer Majestät erfurchtsvollit den Ausdruck alleruntertänigster Huldigung. Dankbarst gedenkt die Judenschaft Oesterreichs all der Segunnaen der weisen, milden, gerechten Regierung Eurer Majestät. Vereint mit allen Völkern, allen Bürgern dieses Reiches ist sieauch heute wie immer bereit. Gut und Leben für Eurer Majestät geheiligte Person, für unser geliebtes Vaterland, zu opfern. Möge die unerschütterliche Tapferkeit unsere heldenmütigen Armee zu vollem Siege über alleunsere Feinde führen, möge es Euerer Majestät beschicken sein, noch viele, viele Jahre in voller

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