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Die Wahrheit · 1914-12-11 · Heft 46 (11.12.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 46 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 46 Die von England und Rußland angewendete Lügenaktion kann ihre Erfolge auf dem Schlachtfelde denn doch nicht steigern. Oesterreich-Ungarn ist trotz dieser beispiellosen Kriegslist nicht zerfallen, wie es seine arglistigen Gegner gehofft, sondern durch diese gewaltigen Hammerschläge nur gefestigt worden. In Rußland und England treten aber alle vorhandenen destruktiven Tendenzen schreckhaft zutage und die russische Masse und rücksichtslose Kriegführung kann unter solchen Umständen den Erfolg nicht verbürgen, wenn sich dieser verlustreiche Kamps in die Länge zieht, denn solche Katastrophen wie in den masurischen Sümpfen oder vor den deutschen und österreichisch-ungarischen Geschützen und Maschinengewehren müssen auch Millionenheere bald vernichten. Das seit jeher ganz gescheite England hat sich diesmal in ein äußerst gefährliches Abenteuer eingelassen. Es wollte wohl den Großteil des Kriegsrisikos auf die Schultern der tapferen Franzosen wälzen und sparte anfangs mit seinen kostspieligen Soldaten. Anstatt sogleich große Heere nach Belgien zu senden, rückte es erst später, als die Deutschen bereits die Landeshauptstadt besetzt hatten, mit größeren Truppen-- körpern znhilfe. konnten aber das Eindringen der Deutschen in Frankreich nicht mehr aufhalten. Die Franzosen erkennen bereits die Falschheit ihrer; Bundesgenossen. Der Kriegseifer der Russen gegen Oesterreich- Ungarn frommte ihnen ebenso wenig wie die verspätete Hilft. Augenblicklich steht die Situation unstreitig für die mitteleuropäischen Verbündeteren besser als für die „Entente". Deutschland hat nahezu ganz Belgien in Besitz genommen und der Kampf gegen den tapferen westlichen Feind wie gegen feinen gewaltigen östlichen Gegner spielt sich nicht auf deutschem Boden ab. Oesterreich-Ungarn dringt nnanfhaltam in Serbien vor und wenn es auch die russische Flut über Galizien und die Bukowina nicht verhindern konnte, so erstreckt sich ‘ doch der Kriegsschauplatz seiner tapferen Armee über weite Strecken des russischen Reiches. Das gewaltige Rußland war ebenso wenig imstande, den Serben und Montenegrinern zu helfen, wie England und Frankreich den Belgiern. Der Krieg hat aber unterdessen solch gewaltiges Massennnglück und Massenschäden über die Welt gebracht und eine derartige Ausbreitung über die ganze Erdkugel erlangt, daß bei der modernen Kriegswut und der hohen Waffeutechuik ein Monat Krieg mehr Verderben über die Welt bringt, als es früher ein Kriegsjahr vermochte. Der verderbliche Weltkrieg dauert nun aber bereits mehr als vier Monate an und alle an ihn beteiligten Staaten ziehen bereits die letzten Hilfsmittel zur Fortsetzung des Kampfes heran. Die großen Gegner erwiesen sich gleich kriegstüchtig und der Kampf kann die Kraft des Gegners nicht lahmlegen, ohne den konsequenten Kämpfer selbst zum Weißbluten zu bringen. Es ist überhaupt ungereimt und unmöglich, eine Nation vernichten zu wollen, die Garantien für einen ewigen Frieden werden nie erlangt werden können. Hat man aber die böswilligen Gegner davon überzengt, daß man wehrhaft ist und ihn gezüchtigt, dann ist für ein Menschenalter wieder ein leidlicher Friedensznstand möglich. Sehr erfreulich ist es, daß sich die gegenseitige Achtung zwischen Franzosen und Deutschen im letzten Kriege trotz der beispiellosen Lügenkampagne der Volksverhetzer eher erhöht als geschwächt hat Wohl haben die- Gegner im Laufedes Krieges bereits gewaltige Schäden erlitten und noch gewaltigere drohen ihnen aus der Fortsetzung des Weltkrieges,' aber auch die tapferen mitteleuropäischen Verbündeten sind nicht unversehrt geblieben^ Gegenwärtig würde ein billiger Friedensschluß infolge der Stellung der Türkei und der islamitischen Welt für Deutschland und Oesterreich-Uugaru.nur vorteilhaft sein. Hoffen wir auf das sehnsüchtig erwartete Ende des verderbllcheu Weltkrieges. R. L. Ans dem Massenqnartiepe der gattrische» Flüchtlinge in Gger. ... „Sie bleiben also dabei: Wie kommen wir dazu, diese „Asiaten", die uns ganz sremd sind, zu beherbergen?" Ich lasse keine Kritik gelten, ehe Sie sich nicht die Unglücksstätte selbst angesehen. Folgen Sie mir also, bitte. — So, schauen Sie, bitte, her! Von der Dampfheizung strömt uuuuterbrocheu Wasser aus. Wie ihre Vorväter einst durch das Rote Meer wateten, so müssen die Armen hier den ganzen Tag durch das Wasser waten. Und in diesem Raume luirb gekocht, gespeist und Wäsche gewaschen. Hier, bitte, die Anstandsorte, bedenken Sie, für 400 Leute! Wie primitiv! Außerdem fürchtet sich jeder Insasse, den Ort, infolge Choleragefahr, zu benützen. So, bitte schön, kraxeln Sie nur gefälligst mit mir die Stiege hinauf! Nicht wahr? Es geht schon! Was? Der Geruch geniert Sie! Das mußte eben so gemacht werden! Karbol, Gott weiß, welche Desinfektionsmittel noch angewandt werden mußten. Und nun, bitte! So viele Säuglinge, die Mütter trauen sich eben nicht, ein Fenster — wegen Zugluft — zu öffnen. Und so bleibt die dicke Stickluft ewiger Gast in diesen Räumen. So kauern sich Weiber, auch solche, die einer baldigen Niederkunft entgegensetzen, Kranke, Kinder unb Greise, den ganzen Tag aus den Strohsäcken herum und suchen ihren Schmerz im Lärm zn betäuben. Sehen Sie diese Frau, die das Kind am Arme trägt, war sehr reich, erzählen mir die Flüchtlinge; sie soll im Busen ein Diadem bergen, das mehrere Tausende von Kronen wert sein mag. selbst die Schlachzizen in ihrem Wohnorte hätten mit ausgesuchter Höflichkeit die Konfederatka vor ihr gezogen. Hier ist diese Frau den anderen gleich: ein Proletarierweib! Und dort der Greis mit dem ehrwürdigen grauen Bart'. Nicht wahr, ein Patriarch. Und wie kauert er sich hier herum! Er büßt förmlich die Menschenwürde ein! Wenn ich bitten dürfte! So, treten Sie nur etwas näher! Diese alte Frau ist von Sinnen! Ich bitte Sie, ist es ein Wunder? So sitzt die Aermste der Armen hier den ganzen Tag, und vielleicht auch in der Nacht, und spricht zu ihrem Strohsack: „Weißt du nicht, wo meine teuren Kinder! jetzt sind! ' Und wenn das Weib Triukwasser bekommt, schüttet sie es in den Strohsack, wobei sie murmelt: „Daß meine lieben Kinderl zu trinken haben!" Auch jener Mann dort redet irre. Und wie sie da die Leute ansehen, jeder kann Ihnen einen Roman, ja einen Schauerroman, von sich erzählen. 7 Herzzerreißende Erzählungen, die Sie da zu hören bekommen. Dieser Mann, der dort in der Ecke ganz resigniert die Pfeife schmaucht, erzählte mir, daß er Besitzer einer Brettsäge war, die 80.000 Gulden wert war. Nun kamen die verruchten Kosaken und., zündeten ihm sein Hans samt der Brettsäge über dem Kopfe an und er war noch glücklich, daß er sein Leben und das seiner. Familie retten konnte. Dieser Unglückliche, der dort alles besaß, nennt nur noch einen Lüsterrock sein Eigen. Seine Familienmitglieder sind nicht reichlicher ausgestättet. Und so könnte idj Ihnen von dem traurigen Los dieser Ärineu noch mehr erzählen. Ich habe anfangs das. Wort „Asiaten" hervorgehoben. Mein Gott! Die armen Leute sind ja nicht hergekommen, um von uns Sitten und Gebräuche zu' lernen, wir - haben sie auch nicht hergerufen. Wie von einem mächtigen Eisstoß sind sie willenlos Hergetrieben worden. Gott, schütze unser' geliebtes Vaterland.! Wie leicht könnten rumänische,.';slowakische bosnische oder gar knzowallachische Flüchtlinge nach Eger kommen, vielleicht auch Türken oder Gott weiß, wer? Können wir von all denen verlangen, daß sie sich tragen oder führen wie die Bevölkerung von Eger? Ein Volk kann sich nicht über Nacht nmmodeln. Wir hüben auch nicht die Aufgabe, diese- Lente anders zu machen, als sie eben sind.' Vielleicht

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