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Die Wahrheit · 1914-12-04 · Heft 45 (4.12.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 45 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4B. Die Wahrheit Seite 5. Arbeit, wo Vater, Groß- und Urgroßvater gelebt und gewirkt, Wohlstand erworben und Freud und Leid erlebten, wird dieser furchtbaren Eindrücke lange gedenken. Unvergeßlich bleibt mir der Eindruck der Ankunft dieser Armen! Da ist ein alter Mann, der von der Einäscherung seines Hauses und Vermögens durch die Russen erzählt; Tränen in den Augen, weist er aus die Stiefel, die ihm beschädigt wurden. Dort preßt sich ein vom Kanonendonner und Kriegslärm verängstigtes Kind schlaftrunken an die Mutter, die es zu beruhigen sucht. Dies malkersck'Nttenide Schreien dieses armen Kindes greift an die Nerven. Mitten in einem Hansen Menschen steht ein ehrwürdiger Talmndist und berichtet vom namenlosen Elend in seiner Heimatstadt, von den Greueltaten der Moskoviter, die Frauen und Mädchen vor ihren Angehörigen geschändet und mißhandelt, die/Möbel verbrannt und bessere Stücke auf Wagen fortgesührt haben. Abseits steht eine arme Frau, die, einen Säugling auf dem Arme, ein krankes Kind betreut; die Arme erzählt von ihrer Flucht und zehntägigen Fahrt im ungeheizten Lastwagen mit 80 anderen Flüchtlingen. Der kranke Knabe hatte sich ans der schrecklichen Fahrt in seiner leichten Kleidung stark erkältet. Da kommt ein Mann, der Gattin und und Kinder verloren, dort wieder werden Eltern von Kindern gesucht und heiße Sehnsucht läßt sie nicht ruhen. Zwei Jünglinge suchen seit Wochen ihre gute Mutter, mit der sie alles geteilt und ihr armseliges Leben im Dorfe gefristet. Diese bittenden Blicke, die kummervollen Angen, diese blassen, abgezehrten Gestalten, sie sprechen mehr als Bände voll Erzählungen zu uns uitd sind gerührt von der warmen Fürsorge guter Menschen, die sie erwarten und pflegen, mit Rat und Tat ihnen rührend Helsen. Im kol Jisroel acheliem mit ganz Israel, ihren Brüdern, fühlen sie in diesen Leidenstagen, wo das jüdische Herz sich überall zeigt, jeder kematnas jodo nach seinen Verhältnissen maaser oni den Tribut der Liebe und Treue zollt. Wer diese Massenqnartiere des Elends betritt, ist tief erschüttert ob des jähen Glückwechsels, der Tausende aus Wohlstand in Jammer und Not gestürzt und denkt des Gebetes: Am Versöhnungstage wird entschieden und besiegelt, wer leben und wer sterben soll, wer arm und wer reich werden soll, wer in Frieden leben und wer ruhelos nmherirren soll. Aber tesclm-wali tefillah. nzedaka maawirin es roa hagesera! Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit lassen das Verhängnis vorüberziehen. Es kommen bald die Chanukatage, wo die Lichter uns an die Heldentaten der Makkabäer erinnern und zu großen Taten aufrufeu. Makkabis Nachkommen sollen ans ihre Fahne das Wort schreiben: Wer ist unter den Mächten, wie du, o Herr, Wundertäter und Lebensretter! Wenn die Lichtlein am Abend in die Nacht hinanslenchten, so rufen sie uns zu: Durch tiefe Nacht führt Gottvertrauen und Tatenfrende zu Licht und Tag, zu besserem Leben! So war es und wird es bleiben. Es werden nach diesen schreckersüllten Monaten wieder Zeiten der Freude und Sammlung kommen, wo wir in heißer Dankbarkeit unserem Vater danken werden, für alles Gute und Böse, daß nun einmal kommen muß zu unserer Läuterung und Reinigung von allen Schlacken der Selbstsucht, des Eigendünkels, Stolzes uud all der Krankheiten, die uns Gott entfremden. Diese allmählich ihrer Zahl nach wachsende» Lichtleiu werden uns erinnern, daß Licht, Aufklärung und Kultur nur allmählich die Finsternis, den Aber- und Wahnglauben und die Unbildung und Barbarei zu verdrängen vermögen und aller Kräfte Resultierende endlich das Bessere fördert und reisen läßt. Nur langsam, unter schweren Opfern, wird eine bessere Zeit angebahnt und der Freiheit eine Gasse gebahnt. Doch die Kräfte der Finsternis sind ebenso beharrlich und wirksam und nur der äußersten Anstrengung gelingt der Sieg des Lichtes. Es ist kein Leichtes, die Ideen der Menschlichkeit und Bildung hochzuhalten, inmitten einer Welt von Leidenschaften und Wut. Selbst hoch entwickelte Völker haben in diesen Tagen Greuel begangen, wie man sie nicht einmal bei Wilden findet. Das machen sinoh, kinok, metaawali: Haß. Neid und Begehrlichkeit, die den Menschen vernichten. Man gehe die Weltgeschichte einmal durch, sie wird dies bestätigen. Darum sollen wir nicht bloß das Weihelicht im Hause entzünden, sondern im Herzen der Menschheit, die nach Weihe. Würde und Großem sich sehnt. Ein jeder in seinem Kreise, überall! Man muß die Feste nicht bloß feiern, sondern auch erfassen und betätigen, was sie von uns fordern: die Selbstzucht, die Weihe, die wir uns geben, indem wir die Wege, unserer Ahnen wandeln: Gottesfurcht, Menschenliebe, Makkabäermut und Treue betätigen und unserem Leben Inhalt und Form leihen! Wer dies int, wird den Wert des Lebens erkennen und niemals fragen: Cniprodest? Er wird hilfsbereit, tatkräftig, überall eiuspringeu und in edler Tat, in Werten der Liebe seines Lebens Wert und Inhalt immer neu gestalten. Jeder in seinem Kreise in seiner Weise! Wer dies furchtbare Elend sieht, wird das Licht der Menschenliebe und Herzensgüte entzünden und pflegen. Ich war unlängst Zeuge einer ergreifenden Szene: Im Betmautel standen die armen Flüchtlinge und riefen laut den himmlischen Retter an und ihre Andacht, ihre rührende Sprache teilte sich der ganzen Versammlung mit. die alle aus tiefstem Herzen den allgütigen Vater im Himmel priesen und um Hilfe anflehten. „Heil dem Manne, der auf deine Gebote achtet und deine Lehre wie dein Wort sich zu Herzen nimmt!" So. lieber Leser, wende ich mich in diesen schweren Zeiten an dich und bitte inständigst um eine kleine Gabe, die den von Hans und Hof Verjagten einige Hilfe bringt. In dieser Not müssen wir nns enge zusammenschließen und jeder Heller, jede kleinste Gabe wirkt, willigen Herzens gegeben, doppelt uud mehrfach vor dem Schöpfer und Herrn! In einem entlegenen Winkel Südböhmens, in der malerisch schön gelegenen Stadt Prachatitz, traf ich unlängst eine Anzahl Flüchtlinge in wahrhaft beklagenswertem Zustande. Die Stadt tat und tut alles zur Linderung, doch sind die Mittel beschränkt und die Ansprüche groß! Wenn du, lieber Bruder, trotz aller Inanspruchnahme diesen Aermsteu dort eine milde Gabe, einen alten Winterrock, Wüsche, Schube und anderes Entbehrliches, Gebetbücher. Talis, Tefilin, Mesusos senden möchtest (Bürgermeisteramt Prachatitz, für Flüchtlinge), dn hättest wahrlich chesed schel emes, das Beste getan. Prachatitz hat keine Juden, die nächsten Gemeinden sind von Flüchtlingen zu sehr in Anspruch genommen, so daß ich diese Bitte an alle Brüder richte, sie mögen diesen Unglücklichen beistehen. O, wenn ihr nur einmal dieser Kinder Tränen, der Eltern Jammern bemerktet, ihr würdet Helsen! Ich bitte, anläßlich des nahen Channkasestes, euch liebe Brüder und Schwestern, mit Tränen in den Augen, trotz aller Jnansprnchnehme und Ueberlastnng, auch dieser unserer verlassenen Brüder zu gedenken, denn ihre Not ist gräßlich! Steht ihnen bei, teure Brüder, daß Gott sich unserer Flüchtlinge erbarme, in Gunst, Gnade, Barmherzigkeit und Wohlgefallen. Chaberim kol Isroel, ganz Israel sind Genossen in Freud und Leid. Es naht das Lichtweihesest und wenn wir den Segen sprechen: Gelobt seiest du, o Herr, der nns diese Zeit erleben ließ, uns aufrecht erhielt und zu diesem Zeitabschnitte gelangen ließ!, so mögen wir dessen eingedenk sein, daß Gott die Zeiten ändert und Prüfungen vorübergehen läßt, daß aber auch jede Zeit an uns ihre Forderungen stellt und wir an sie. Lasset uns bereit sein und Licht und Freude verbreiten mehr und mehr! Gott sende allen sein Licht und seine Kraft zu gesegneter Zukunft! K r u m a n, Kislew 5675. Prof. Dr. L. H i r s ch. Indische Krieger. Daß die jüdischen Soldaten gerade so' wie in Oesterreich auch.in Deutschland im Felde ihre Schuldkeit tun, beweist nicht blos die Tatsache, daß schon bisher über 500 Eiserne Kreuze ihnen verliehen worden sind, sondern auch die Inndgebungen, in denen die Tapferkeit der jüdischen Kämpfer durch ihre Vorgesetzten bezeugt wird. Aus der großen Zahl solcher Zeugnisse seien heute die folgenden angeführt:

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