Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 45 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 45 Die Wahrheit russischen Kriegsgefaugeuen in Deutschland upd Oesterreich-. Ungarn bereits -er Zahl 400.000 sehr itahe kommt, so' ergibt eine einfache Rechnung, daß die Kriegsverluste Rußlands eine Million wohl schon beträchtlich überschritten haben müssen. Die letzte Maßregel des moskowitischen Riesen beweist daher, daß derselbe vor den vereinigten Hieben Deutschlands und Oesterreichs bereits zu wanken beginnt. Der heilige Krieg der Osmänen Und aller Anhänger des Islam verbessert die Kriegssituation Rußlands auch nicht. Die großmäuligen Siegeshoffunngen der Franzosen und Engländer werden aber durch einen Blick ans die Kriegskarte sofort gründlich wiederlegt. Der deutsche Andrang nach Calais muß wohl den ferneren Kriegseifer Englands tief herabstimmen, sobald sich eine benützbare Gelegenheit und Möglichkeit zeigt, die furchtbar verfehlte Kriegsnuternehmnttg ohne bleibenden Schaden beenden zu können. Aber auch die kriegstüchtigen mitteleuropäischen Staaten werden wohl ihre Kriegserfolge ermäßigen müssen, wenn sie einen Friedensschluß nicht mutwillig Hintertreiben wollen, den sie nun ebenso dringend benötigen wie die gegnerischen Staaten. In einer Zeit, in welcher bereits staatliche Höchstpreise für Lebensmittel sowie die Dekretiernng von Kriegsmehl und Kriegsbrot nötig wurden, um das drohende Gespenst der Hungersnot zu bannen, kann di.e allgemeine Kriegsbegeisternng nicht mehr lange anhalten. Der Staatskredit hat auch seine Grenzen und ist unwiederbringlich, wenn er im Mißverhältnis znm Volkswohlstand erheischt wird. Der Volkswohlstand wurde aber bereits durch den viermonatigen allschädigeuden Weltkrieg tief herabgedrückt, Kummer und unersetzlicher Schaden hat tausende steuertragende Staatsbürger durch diesen Krieg heimgesucht und schwache Schultern können große Lasten nicht dauernd tragen. Die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Friedensschlusses ist daher trotz aller momentanen Gegeuversicherungen groß. Wird der russische Babarismns und die englische Beutesucht durch einen solchen Friedensschluß erheblich verkleinert und setzt sich die Ueberzengung durch, daß das Wohl und Wehe des geliebten Vaterlandes schließlich doch nur auf der Schulter des breiten Volkes ruht, dann haben in diesem Weltkriege Millionen Menschen nicht vergeblich geblutet. Der sehnsüchtige Wunsch nach Frieden ist aber keine Schande mehr. R. L. Regierttugssntiitättm des Kaisers. Dienstag, den 1. Dezember, am Vorabende des 66. Regierungsjnbilänms des Kaisers, fand im Stadttempel ein Festgottesdienst statt. Der festlich beleuchtete Tempel war von einem Festpublikum dicht gefüllt. Nach dem Abendgebete und nachdem Oberkautor Don Fuchs mit Chor- und Harmoniumbegleitung einige Psalmen vorgetragen halte, hielt Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n die Festpredigt. Dr. Güdemaun wies ans die Herrschertugenden unseres Monarchen hin und sprach die Zuversicht aus, daß unsere tapferen Truppen den endgültigen Sieg über alle Feinde des Vaterlandes davontragen werden. Die Predigt, welche einen tiefen Eindruck machte, schloß mit einem Gebet für das Wohl des Kaisers und den Sieg unserer Armee. Den Abschluß des Gottesdienstes bildete die Absingung der Volkshymne. Im Anschlüsse au den Gottesdienst hielt der Vorstand der Kulmsgemeinde eine öffentliche Plenarsitzung ab, in welcher,der gesamte Vorstand und zahlreiche Festgäste anwesend waren. Präsident Dr. Alfred Stern hielt die folgende Festrede: Verehrte Vorstandskollegeu und Glaubensbrüder! Wir kommen aus dem Gotteshanfe. Wir kommen von einem Festgottesdienste, von einer Gedenkfeier, welche unser Herz, unsere Empfindung mächtig bewegte. Wir gedenken deS Tages, am welchem heute vor 66 Jahren/'nahezu zwei Dritttesten eineI/JahtchnndertE unser Erhabener Monarch Kaiser ° Franz Josef Wchen Thron "'seiner Vater bestieg und da tauchen vor' unserer Erinnerung all die Wohltaten, die Segnungen auf, mit denen er in seiner unerschöpfllichen Güte, in unwandelbarer Gerechtigkeit, . in nimmermüder Gerechtigkeit seine Völker beglückte. Die Erinnerung vor allem an die nns Inden verliehene Gleichberechtigung, ein Gut, welches wir durch Jahrhunderte zu erlangen vergeblich angestrebt hatten und für dessen Erlangen durch sein kaiserliches Machtwort, durch Gesetze, welche seine Allerhöchste Signatur tragen, wir Uns zu tiefstem, nnanslöschlichem Danke für die: Zeiten verpflichtet fühlen. Glück und Segen erflehen . wir für unseren Landesvater, möge es ihm noch durch viele, viele Jahre, bis an die äußerste Grenze menschlichen Daseins, beschieden sein, seines kaiserlichen Amtes zum Heile und Wohle seiner Völker zu walten! Alle Völker unseres weiten Vaterlandes umringen heute den heißgeliebten Herrscher, in Wehr und Waffen scharen sie sich nm den kaiserlichen Thron, bereit, Gut und Blut für Kaiser und Vaterland herzngeben, eine Opferfrendigkeit, welche uns Inden gleich allen Söhnen unseres Vaterlandes erfüllt und welche pflichtgemäß ganz und voll wir auch betätigen. Es ist eine ernste, schwere Zeit, in der wir leben, eine Zeit weltgeschichtlicher Ereignisse. Es ist, als ob im Norden der heranbransende Sturm einer neuen Völkerwanderung Hereinbreche, unser Vaterland überflute, ein Verschütten aller durch jahrhundertelange Kulturarbeit mühsam errungener und aufgehäufter Segnungen der Zivilisation uns bedrohe. Dort im Norden das weitausgedehute Reich, dessen maßgebende Führer die Vernichtung, die Ausrottung von Millionen seiner Untertanen als Aufgabe der Staatsverwaltung laut und öffentlich verkünden. Wenn wir in nnserem Vaterlande, im zivilisierten Europa, als Belange der öffentlichen Verwaltung — ich möchte sagen kapiteliveise — die Rechtspflege, die Sicherheitspflege, die Sanitätspflege rc. rc. anfzählen, gilt dort, in jenem Barbarenreiche, Mord und Plünderung, geübt an friedlichen Bewohnern, mitten im Frieden, gilt die Pogrompflege als ein nngeschriebenes Gewohnheitsrecht, als ein jus quäsifcum, als eine von staats- und rechtswegen zu erfüllende Aufgabe, welche von öffentlichen Gewalten geübt, von nnsichtbaren, bis in die höchsten Kreise reichenden Mächten beschützt, gefördert, ja gefordert wird. Das ist dort Zivilisation. Vom Norden kommt das' Unglück, kündet schon unser alter Prophet Jeremias. Den von Norden drohenden Einbruch moskowitischer Barbaren wollen, werden wir abwehren mit vereinten Kräften „Viribrw unitis“ zum Heile und Wohle unseres Vaterlandes, znr Rettung europäischer Gesittung und Zivilisation. .;' Möge es nnserem vielgeliebtem Monarchen beschieden sein, ein glückliches Ende dieses blutig heißen Ringens zu erschauen, möge es dem gütigen Herrscher, dessen Streben stets dahin gerichtet war, den Frieden zu erhalten, gegönnt sein, wieder im Frieden durch lange, lange Jahre, wie bisher, mit milder, weiser und gerechter Herrschaft seine Völker zu beglücken. Gott segne, Gott schütze, Gott erhalte unseren Kaiser- Franz Josef I. Mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser und die verbündete Armee schloß die Festsitzung. Die Gnlerbten. „Ans der Tiefe rief ich dich, o Herr" (Ps. 130), so entringt es sich der gequälten Brust. Mr durch Wochen die Angst und Ungewißheit nicht los wurde und daun Haus und Hof und Heimat verlassen mußte, die Stätte, jahrzehntelanger