Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 45 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedaktlon und ridminiftralio»: Wien, Ua Novaragaffe 27 j LrUvtzou: iltebaCtiou 6509/1V. AyaMngige Heitschnft für jüdische iSuiiilftöii«.K i*.- Halbliidii,!.K 7. - ] Bbminiftratiou 4938 11. *. k. Sfterr. USoftfimrfafiae($«J.ftouto 3tr. 100.918. Interessen. | Für Jtnllii^l'fiimtf: 'Miiiuiiit>vi,l.K Kl. - Inlernte: DIviermal geivalieii- Nouvartille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Kr ei tag. Für Anslmid: i Ndsnuemems- und Jnseriions. <«„<>,KiDrin.» M,»»e beträgt nnd in Wien zahlbar und klagbar. > Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Ü »lnvel oder I» Nrc». Ur 45. Wie». 4 Dezember l!»I4. Inhalt: Kriegsnot und Friedenshoffuung. — Regieruugsjnbilänm des Kaisers. — Die Enterbten. — Jüdische Krieger. — Testament eines jüdischen Offiziers. — Schriftstellerin Babette Fried. — Verschiedene Nachrichten. Kriegsnot nnd Friedenshoffnung. .Die Kämpfe zwischen den europäischen Zentralmächten und der in der „Entente" vereinigten Staatengrnppen haben schon vor Wochen Dimensionen angenommen, wie sie die Welt noch nicht erfahren hat. Der tschechische Sozialdemokrat Dr. Sonkup hat unlängst im Prager Ratbause den gegenwärtigen Weltbraud mit folgenden zutreffenden Worten charakterisiert: „Es ist plötzlich gekommen, wie ein Sturmwind und hat sich in Gewalt, Größe und Breite entwickelt, daß alles, was wir über kriegerische Konflikte vergangener Zeiten lesen, dagegen wie eine fertige Jdille erscheint. Schlachten, die früher über die Schicksale ganzer Nationen und Staaten entschieden, sind heute bloße Episoden, die in den Zeitungen mit einigen Sätzen verzeichnet werden. Ganz Europa steht in Waffen, an zehn, fünfzehn Millionen Männer gegeneinander, Leiden erduldend, die alle ltiifere Begriffe überschreiten, eingegraben in die Erde, in unendlichen Fronten, die für den menschlichen Fuß einen Weg von Wochen nnd Monaten bedeuten würden, ansgesetzt jeden Augenblick, bei jedem Schritte nnd bei jeder Deckung unaufhörlichem.Feuer, das von Ort zu Ort springt und durch Europa donnert, als ob sich alle Vulkane der Erde öffneten. Unermeßliche Werte menschlicher Arbeit vergehen Tag f i'i r Tag in Staub u n d Asche ... Die ganze Welt stockt bei diesem Drama, verlassen liegen die größten Weltstraßen ans den Wassern der Weltozeane, ans denen heute nur Eskorten von Dreadnoughts mit ihren Kanonenschlünden wie Gendarmen des Meeres jede Bewegung internationalen Verkehres hüten und Hunderte Millionen Menschenseelen aller Konfessionen nnd Raffen in allen Teilen der Welt folgen mit angehaltenem Atem jenem gigantischen, in seinen Funktionen und Folgen betäubenden und unausdenkbaren Ringen der größten und zivilisiertesten Nationen unserer Erdkugel um die Herrschaft üder die ganze Welt und alle ihre Geschicke. In diesem ungeheuren Drama des Menschengeschlechtes ist der einzelne Mensch weniger als ein Tropfen Wasser im Meere. Auch Hunderte, Tausende, ja Hnnderttansende Menschenleben sind in diesem Wirbel der ungezählten Millionen nur ein kleiner verschwindender Bruchteil und, die.kleinen Nationen sind mehr oder weniger verurteilt zur Nolle des Statisten, dort, wo jetzt die ganze .Helt in Bewegung ist/'' . Vier.Monate schon dauert/dieser entsetzliche Wellbranth der alles zu verheeren droht, was Menschenhände und Menschengeist in Jahrzehnten ansgespeichert haben. Noch immer werden aber neue Staaten und Nationen in das mörderische Ringen hineingezogen, obgleich die zum Leben unbedingt nötigen Hilfsmittel und Vorräte überall schwinden und dann unersetzlich scheinen. Nur zaghasl versuchen es einzelne noch neutral gebliebene Staaten nnd sozialdemokratische Verbände, mit Friedensvorschlägen den kriegführenden Staaten zu nahen. Selbst das Haupt der katholischen Christenheit, der Papst, welcher einst gegenüber . den mächtigsten Fürsten triumphierte, gesteht in seinem Regierungsantritts-Erlaß seine Machtlosigkeit gegenüber den kriegführenden, wenn auch katholischen Staatengebilden ein nnd äußert seinen Schmerz über die beklagenswerte Lage, in der sich heute die bürgerliche Gesellschaft befindet. „Möge es Gott gefallen", ruft der Papst aus, nachdem er gleich dem letztverstorbenen Papste die Fürsten und Völker,beschworen hat, dem brndermörderischen Streite ein Ende zn bereiten, „daß wie bei der Geburt des Heilands auch beim Anbruch des neuen Pontifikats eine Stimme, die d e n F r i e d e n verkünde, a u s E r d e n ertöne"! Was nützt dem Oberhaupt der katholischen Christenheit dann die geäußerte Freude über die hohe Organisationsstufe innerhalb der kirchlichen Hierarchie,' wenn ihr Einfluß auf die Fürsten und Völker so tief gesunken ist? Die großen kriegführenden Staaten verkünden trotz dieser geschilderten, alle gleichmäßig bedrohenden entsetzlichen Kriegsnot den festen Entschluß. noch weiter dnrchzuhalten. Nach Meldungen italienischer Blätter zieht nun auch die russische Regierung bereits den Landsturm heran, um die Lücken im Heere ansznfüllen und das Deutsche Reich tritt zum zweitenmale vor seine Volsvertretung, um wieder 5 Milliarden zum Zwecke der Fortsetzung des Krieges zu begehren. In Oesterreich-Ungarn wurde eberffalls eine Milliardenanleihe gezeichnet und auch Frankreich und England versichern krampfhaft ihre Bereitwilligkeit, den Krieg wenn nötig noch jahrelang fortznsetzeu. Das Bangemachen gilt aber nicht und die brutale Macht der Tatsachen besiegt auch die gewaltigsten Leidenschaften. Rußland hat bereits nicht nur das gesamtestehende Heer und die Reserve, sondern auch das henrige Rekrntenkontingent und das des nächsten Jahres zum Kriege herangezogen. Wenn sich nun dieser Riesenstaat bereits genötigt sieht, seine älteren, militärisch ungeschnlten Männer heranzuziehen, dann müssen die bereits erlittenen Kriegsverlnfte einfach unermeßlich sein. Bedenkt man, daß die Zahl der