Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 44 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063725-3063769--09327-3076570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Radom 2× ep/1000823
OCR text
Nr. 44. Die Wahrheit Seite 5. „H u g o" für wohltätige Zwecke 245. Von Herrn Siegmund Ma-n dl s Witwe, für die Armenanstalt 50, Handwerkerverein 30, Blindeninstitut 25, Tanbstummeniustitnt 26, Waisenverein 50, Speiseanstalt 20, zusammen X 200. Von Frau Nanette Mauthuer 100, von Herrn Julius und Frau Melanie Figdor 30, zusammen L 130 als Kranzablöstmgsspenden für weil. Rosalie R i e s z für das israel. Altersversorgungshans. Von Frau Jeanette S ch uek, Erlös für die Weitervermietnng ihres Tempelsitzes für wohltätige Zwecke K 40. Von Herrn F. E r u st für arme Flüchtlinge 20, für die israel. Volksküche 10, zusammen K 30. Von Frau Elsa Reinhart für ein Gebet für einen Kranken 10, für die Familie eines Landstnrmmannes 10, zusammen K 20. Von Herrn k. k. Leutnant Gustav Herz für Arme 20. Von Herrn Hans Koch zur Ausspeisung armer Kinder 10. Von Herrn Ing. Heinrich Sch oller zur Ausspeisung jüdischer Kinder im XX. Bezirk K10. Russische Karlmreu. Mit welch barbarischer Grausamkeit die russischen „Landesverteidiger", selbst im eigenen Lande hausen, darüber gibt eine Persönlichkeit, der es jetzt gelang, ans Russisch- Polen zn entkommen, im Krakauer „Czas" folgenden im „Israelit" reproduzierten Bericht: In kleinen Städten Russisch-Polens spielen sich jetzt unvergeßliche Szenen ab, manchmal tragische, manchmal blutige. Die Kosaken, welche in polnische Dörfer und Städtchen eingezogen sind, wirtschaften dort ans die ihnen eigene Art. Als ich in Radom in einem Gasthofe saß, da sah ich plötzlich eine Abteilung Kosaken, die durch die Stadt galoppierte. Hinter den Kosaken her zog eilig eine Masse von Leuten. In ihrer Mitte werden unter Bewachung drei Juden geführt — einer in festlichem Seidenkaftan. Alle drei gingen blaß, entsetzt und beteten unterwegs; die Menge ihrer Glaubensgenossen umzingelte sie weinend. Der ganze unheimliche Zug ging in der Richtung des nahen Wäldchens. „Was ist geschehen?" fragte ich neugierig. „Die drei Inden werden gehängt", antwortete mir kurz ein Passant. „Man hat alle hiesigen Inden zusammen-- getrieben, damit sie der Hinrichtung zuschauen." „Was haben sie denn angestellt? Man wußte mir keine genaue Antwort zu geben. Höchstwahrscheinlich dürften die drei armen Juden dem preußischen Militär geholfen haben. Nach kurzer Zeit war die Exekution vorüber. Wie eine Schafherde, von den Kosaken getrieben, kehrten die Radomer Inden jammernd in die Stadt zurück. * * Au einer Straßenecke hat eine Jüdin ihren Standplatz, wo sie Obst und Süßigkeiten verkauft. Ich kaufe eben bei ihr Birnen, da erscheinen neben mir zwei Kosaken. Die Gewehre aus dem Rücken, in der Hand die Reitpeitsche, die „Nagaika". Die Kosaken fangen an ihre Taschen mit Obst zu füllen. Als kein Platz mehr m den unheimlich tiefen Hosentaschen war, entfernen sich die beiden in vollkommener Ruhe. Die verblüffte Jüdin wagt schüchtern zu bemerken: „Ein Pfund Birnen kostet 6 Kopejki." „Sechs Kopejki? Charaszo (gut)!" Mit einem starken Fußtritte wirft der Kosake den Korb mit Birnen ltnb Zwetschken um, der andere Fußtritt schickt auf die Straße die Kuchen. Der zweite Kosake folgt dem Beispiele seines Geuoffen. Im Bureau gibt man Halbpässe für die Reise nach Warschau' ans. Die Formulare werden in einem Zimmer vom raNgältesten Kosaken, vermutlich einem Kommandanten ausgefnüt. In dem zweiten Zimmer waren die Interessenten, fast lauter jüdische Kaufleute. Bevor sie vor dem Gesichte des Kommandanten erscheinen können, werden sie von einem jungen, etwa 20 jährigen stark gebauten und energischen Kosaken in Reihen gestellt, geordnet und ermahnt. Der junge Kosake spricht zu jedem der anwesenden Juden dieselben kurzen Worte: „Geld hergeben!" Es verschwinden in der Hand des Kosaken kleinere Silberstücke, oft auch ganze Rubel. Der Kosake taxiert die Interessenten nach ihren Kleidern und Aussehen. Bei jedem jedoch macht er die Bemerkung, er habe viel zu wenig Geld bekommen. „Wer fahren will, muß auch zahlen! Geschäfte wollt's ihr machen, aber unseren Brnder wollt*» ihr nichts verdienen lassen!" Und . . . zum zweitenmal fängt er an, das Geld einzukaffieren. Aber vor den Kommandanten werden nur wenige vorgelassen — die dem jungen Kosaken gefallen. Die übrigen Inden werden in den Hof hinausgetriebeu. Und die ftnb noch überglücklich, daß man sie nicht hinter die rechte Tür schickte, wo mau die Kontribution mir den Schlägen der Reitpeitsche quittiert. * -k- * Wir fahren ans der Stadt hinaus. Es ist ein Wunder, daß ich überhaupt einen Wagen bekommen habe. Ein graues Pferd, bei welchem man alle Rippen zusammenzählen könnte, zieht resigniert den Wagen, auf den ich mit meinem Koffer hinanfkletterte. Nur die im voraus bezahlten 7 Rubels haben den Fuhrmann — einen jungen Inden — dazu bewogen, daß er mit mir von der Stadt hinansfnhr. Beide haben wir Pässe gehabt, unterwegs revidierten einige Kosakenpatrouillen unsere Papiere und fanden sie in Ordnung. So fuhren wir gesund und unbehelligt durch einige Dörfer, die an meinem Wege lagen. Schon sehe ich die ersten Hütten des Dorfes, in welchem die Pflicht meines Fuhrmannes endet und von woher er nmkehren soll, um nach Radom znrückznkehren. Da, ans dem Gebüsch her ertönt der laute Ruf: „Stehen bleiben!" In demselben Momente, fast auf derselben Stelle halten wir das Pferd auf. Wir sehen einige Kosakenlanzen. Zum Wagen nähert sich der Patronillenkommandant: „Pässe hergeben!" Die Pässe werden vorgezeigt. „Sie sind ein Pole?" „I ihl!" „T .in Jewrej (Jude)?" „Je ^ohl!" Der Kommandant wendet sich an mich. „Steigen Sie vom Wagen herunter. Den weiteren Weg werden Sie zu Fuß znrücklegeu." Ich strenge mich an, dem Kosaken zn erklären, daß ich den Wagen schon bezahlt habe und daß ich jetzt genötigt wäre, den schweren Koffer allein zu tragen. Ich bitte ihn, er solle mir erlauben, im Wagen bis ins Dorf hinein zn fahren. „Sie werden zu Fuß gehen, habe ich ausdrücklich gesagt!" wiederholte der Kommandant mit fester Stimme. Der Ton seiner Sprache war so entschlossen, daß ich Vom Wagen heruuterstieg und den Koffer in die Hand nahm. „Marsch weiter!" ermutigt mich der Kosake. „Da haben Sie nichts zu suchen!" Ich entferne mich in der Richtung des Dorfes. Hinter mir ertönten zwei gedämpfte Schüsse. Als ich mich umwandte, sah ich auf der Straße den jungen Juden bei seinem grauen Pferde liegen. Die Kosakenpatrouille fuhr weiter! ...