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Die Wahrheit · 1914-11-27 · Heft 44 (27.11.1914) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 44 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Nr. 48 Sind wir Wiener oder Oesterreicher? Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Alle guten Wiener möchte ich inständigst bitten, ja nicht zu glauben, daß ich durch die Wirreu des Krieges etwa um mein bischen Verstand gekommen bin. Daß ich aber dennoch die gewiß sonderbare Frage answerfe: „Sind wir Wiener oder Oesterreicher?" — daran ist nur mein sehr verehrter Kollege, Herr Dr. Abel es. Rabbiner in Wien, schuld. Ich hätte allerdings ebensogut fragen können: Sind wir Mährer oder Oesterreicher? oder: Sind wir Galizianer oder Oesterreicher? — Sie hätten alle denselben Sinn, wie die Frage, die Herr Dr. Abeles anfgeworsen hat: Sind wir Inden oder Israeliten? Jedes Schulkind wird diese hochwichtige Frage ohne viel uachzudeukeu mit einem Worte beantworten: beides! Wir sind Inden, weil wir ans dem Lande Inda und zum großen Teil vom Stamme Juda stammen. Und wir sind Israeliten, weil wir zugleich Kinder Israels sind! Ja, wir sind auch Hebräer wie uns die heilige Schrift oft nennt und wir beten daher am liebsten in der hebräischen Sprache. — Aber Herr Dr. Abeles hat es sich nicht so leicht gemacht. Er hat „in gewohnt formvollendeter und gründlicher Weise" (wie Herr Dr. Steif in der Wochenschrift von ihm rühmt) darüber eine Untersuchung angestellt. Das wäre sehr löblich, wenn ihm nur nicht dabei das bedauerliche Malheur passiert wäre, fast lauter falsche, aus der Lust gegriffene Behauptungen aufzustellen und noch sonst manchen komischen Schnitzer zu machen. Nur ein Beispiel. In der Thora (Gen. 39, 13) heißt es: Und als sie (die Frau Potiphars) sah, daß er sein Gewand in ihrer Hand ließ und ans die Straße lies, da rief sie ihreHanslente und sprach zn ihnen. Abeles hat eine Thora, in der dieser Satz so lautet: „Und als sie sah, daß er den Zipfel ihres Kleides in seiner Hand hielt, lief sie ans die Straße und rief." — Vermutlich bringt Herr Dr. Abeles diese Stelle seinen Schülern in dieser Fassung bei, was aber doch zn bedauern wäre, da doch die Schulkinder unsere Thora, die Thora Moses kennen lernen sollen, nicht aber die Thora des Dr. Abeles. Mit derselben Gründlichkeit hat Abeles heransgesnnden, daß bei dem Namen Jbri in der Bibel Zimmer ein Unterton der Verachtung mitschwingt". Dabei hat er nur vergessen, daß die Thora unfern Vater Abraham Jbri nennt, daß Moses wiederholt dem Pharao anküudigt, der Gott der Hebräer sei ihm erschienen, daß die Thora und I e r e m i a wiederholt von h eb r äis ch en Sklaven spricht. — Wollte also die Thora unseren Vater Abraham der Verachtung preisgeben? Oder hat Moses von unserem Gotte mit Verachtung sprechen wollen? Oder wollte Jeremia seine Schützlinge, die jüdischen Sklaven, durch die Bezeichnung Hebräer verächtlich machen? Kurz, die Verachtung, die bei dem Namen Jbri mitschwingl, ist ein Hirugespinust des Herrn Dr. Abeles, ebenso die Behauptung, daß in der Bibel dem Namen I n d ä e r „der Sinn des fremden Eindringlings beigelegt wurde. Solche Geschmacklosigkeit dürfen wir doch den Propheten J e r e m i a und Z a ch a r i a. sowie einem E s r a, einem Nehemia gewiß nicht znmuten! Solche und ähnliche Erwägungen haben mich bestimmt, in dem Aufsatz „Hebräer. Israeliten, Juden" (Wahrheit 9kr. 41) die Ausführung Abeles' in ruhiger Weise zu widerlegen. Anstatt nun seine „gelehrte" Abhandlung zu widerrufen oder der verdienten Vergessenheit zn überlassen, hat es Dr. Abeles für richtig befunden, auf die bescheidenen Bemerkungen des Dr. Steif, der ihm überschwengliches Lob zollt, eine lange Erwiderung vom Stapel zu lassen, in der er seinen Rezensenten mit gönnerhafter Miene belehren will. Dabei ist ihm leider das Malheur passiert, bei einer der leichtesten Stellen im Talmud seine Gelehrsamkeit in ein schiefes Licht zu bringen. Man höre und staune! Im Talmnd (Keth. 72 a) ist folgendes zu lesen: Folgende Frauen müssen geschieden werden und bekomme» nicht einmal ihre Kethuba (eine bestimmte Geldsumme): Weldas mosaische und das jüdische Gesetz Übertritt. (rPTirm nwa m): Was ist mosaisches Gesetz? Wenn die Fra» ihrem Manne etwas zn essen gibt, von dem der Zehnte nicht abgegeben wurde usw. Und was ist jüdisches Gesetz? Wenn sie mit entblößtem Haupte ansgeht usw. Der Sinn ist klar: Was in der Thora geschrieben steht, ist mosaisches Gesetz, was aber nach Moses sich bei den jüdischen Frauen als gute Bitte eingebürgert hat, das ist jüdisches Gesetz. R a s ch i erklärt: mrr m was die Töchter Israels als Brauch üben, obwohl es nicht (in der Thora) geschrieben steht. — Jedenfalls geht ans dieser Stelle hervor, daß die Bezeichnung jüdisch bei den Inden und zwar bei ihren Gelehrten üblich um-. Darauf hat nun Dr. Steif aufmerksam gemacht. Und da hat Herr Dr. Abeles den Mut, zn erklären, die Lehrer der Mischna seien sich über die Beschaffenheit der Begriffe nVv m und n'Tirr m‘ selber n i ch t im kl a r e n! Aber, verehrter Herr Kollege! Ehe man eine so furchtbare Beschuldigung gegen die Lehrer der Mischna in die Oeffentlichkeit hinansposannt, muß man doch ihre Sprache und ihre Redeweise verstehen! Was wird ein christlicher Gelehrter, wenn ihm, Gottbehüte, die Wochenschrift Nr. 46 vor Augen kommt, von der Talmudkenntnis der Rabbiner denken? Es ist wirklich ein Chillel Hascliem! Wahrlich, der Name Jude ist keine Schande, nur muß der Jude rechtschaffen und wahrheitsliebend sein! _ GeneratversmmnlnntzderA.I K.O. Die diesjährige Generalversammlung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Qrganisation" fand am 1. November zn Berlin im Bureau der Organisation statt. Den Vorsitz führte Kommerzienrat Gerson S i m o n—Berlin. Den Bericht über die Tätigkeit der A. I. K. O. im Jahre 1913/14 erstattete der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses, Dr. Alfred Nossig. - Die A. I. K. O. sördeN die Kolonisation der Inden im Orient teils durch Organisierung von Boden- Erwerbsgenossenschafteit uitb Vermittlung von Terrainkäufen, teils durch Gewährung von Agrarkredit. Die mit Hilfe des Finauzinstitutes der A. I. K. O. „The Orient Cöloiiising Co. Ltd." gegründete Kolonie „Kiriath Mosche“; zwischen Jaffa und Jerusalem entwickelte sich im Berichtsjahre 1913/14 in erwünschter Weise. Als besonderes Verdienst ches Verwalters der Kolonie ist hervorznheben, daß es ihm gelungen ist, einheimische, sephardische Inden ans Tiberias zur landwirtschaftlichen Taglohnarbeit in der Kolonie heränznziehen. Die Gründung einer zweiten Kolonie wurde von der A. I. K. O. durch die im Berichtsjahre abgeschlossene Organisierung der Bvden-Erwerbsgenvssenschaft „Jischub“ vorbereitet. Die Mitglieder dieser Kolonie, gegenwärtig in Lublin, Warschau und Czenstochan ansässig, zahlen durch eine Reihe von Jahren Raten a 500 Rubel bei bei- „Orient Colonising Co.“ ei», wogegen diese verpflichtet ist, für sie Boden ztl kaufen', denselben bis ztir Uebersiedlnng der künftigen Kolonisten zn, bearbeiten und alle erforderlichen Vorschüsse in Form eines innerhalb 12 Jahren zu amortisierenden Agrarkredits zn leisten. Vor dem Ausbruch des Krieges wurde von den Mitgliedern des „Jischub“ die erste Halbjahrsrate erlegt. Zwecks Auswahl eines geeigneten Terrains für die neue Kolonie weilte der Generalsekretär der A. I. K. O. mehrere Monate im Orient, wo er auch läugere Zeit in der Kolonie „Kiriath Mosche“ verbrachte und die Unterhandlungen, betreffend den Ankauf von Terrains auf der Sinaihalbinsel betrieb. Da jedoch die als unerläßlich betrachteten Bedingungen noch nicht vollständig erreicht wurden, konnte der von dem, Wiener Komitee der A. I. K. O. für diesen Zweck aufgebrachte und bei der „Orient Colonising Co:“ deponierte Fonds noch nicht zur Verwendung gelangen. ' ' ' ''

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