Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 43 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Teile 6 Die Watudeu >Jhv 43 Fürst Jhiitl Dolgornkom «der die r»sstschen Jude«. Ein Appell au das russische „Gerechtigkeitsgefühl". Die „Frkf. Ztg." entnimmt dem führenden Moskauer Blatte „Rußkija Wjedomosti" folgende interessante Studie: Der Sturm, der über unser Land herein brach, wirft auch Blitzlichter auf mancherlei Erscheinungen unseres Volkslebens, an die wir uns leider gewöhnt haben. Dazu gehört besonders unser Verhalten zu den Völkerschaften, deren Schicksal von dem Schicksal Rußlands nicht zu trennen ist. Hinsichtlich der Polen ist eine neue Politik schon an maßgebender Stelle als notwendig bezeichnet worden. Es ist auch die Zeit gekommen, die Lage der Inden in den Vordergrund zu rücken. Der Gegensatz zwischen den Staatspflichten der Juden und ihrer rechtlosen Stellung hat immer schon bestanden, er spitzt sich jedoch in Kriegszeiten derartig zu, daß man zu dieser Frage nicht mehr schweigen kann. Hunderttausende Juden vergießen ihr Herzblut für die Größe Rußlands, und dennoch sind sie der Rechte beraubt, die andere russische Untertanen nnr durch ein Verbrechen einbüßen können. Dieser Zustand, der die freie Wahl des Wohnortes und der schulmäßigen Kindererziehung ansschließt, wird jetzt zu einer besonderen Qual. Polen und das Südwestgebiet — oder eigentliche Ansiedlungsrayon der Juden — verwandelte sich in die erste Arena des Krieges. Handel und Industrie wurden vernichtet, die Leute fahnden vergebens nach dem Stückchen Brot und der Feind veranlaßt zur Flucht. Aber wohin? Diesseits und jenseits des Schlachtfeldes und in den anderen „Ansiedlungsgebieten" wütet die Schlacht. Der übliche Rettungsanker der Juden — die Auswanderung — ist jetzt unmöglich. Und die ans Deutschland und Oesterreich herausgejagten russischen Juden werden auch noch in die Heimat znrückgetrieben. In der Verzweisinng suchen viele von ihnen freiwillig den Tod. Das große Rußland mit _bem großen Volk mib der großen Seele hat Raum und Brot genug für alle seine Söhne. Viele von den Elenden haben an anderen Orten bemittelte Verwandte, die als Gildekauflente oder Akademiker das Wohnrecht erworben haben, die sie gern aufnehmen würden, viele würden auch anderweitig eine Verdienstmöglichkeit finden. Aber laut dem herrschenden Gesetze darf der Jude sich nicht außerhalb seines „Ansiedlungsgeöietes" aushalten! Taufende vvn jüdischen Verwundeten sind jetzt über ganz Rußland verstreut. Die Angehörigen dürfen aber auch für kurze Zeit nicht zu ihnen kommen und ihnen sterbend die Augen schließen, weil sie kein „Wohnrecht" haben. Rur mit Umgehung des Gesetzes ist ein solch ein Liebesdienst durchführbar. Ebenso schwer lastet gegenwärtig auf den Juden die Erziehnngssrage. Eine ganze Reihe von Lehranstalten ist geschlossen. Den Eltern ist anheimgestellt worden, die Kindelanderen Schulen zuzuführen, wobei laut einem Zirkular des Kultusministers auch die Aufnahme jüdischer Schüler über die festgestellie Norm hinaus gestattet ist. Diese Vergünstigung vermag jedoch nicht ansgenutzt zu werden, weil sie an das Wohnrecht der Juden gebunden ist. Im übrigen wird die strenge prozentuale Norm in sämtlichen mittleren und höheren Unterrichtsanstalten beobachtet. Durch den Krieg ist auch diese Lage der Dinge unerträglich geworden, denn sonst ging die jüdische Jugend nach Deutschland und Oesterreich, um die Bildungsstätten zu besuchen. Und was sollen die jüdischen Studenten beginnen, die ihr Studium im Auslande begonnen haben? Vergebens klopfen sie an die Pforten unserer Hochschulen, obschon dort genug freie Plätze jetzt vorhanden sind. Viele von ihnen werden ihr Studium nicht vollenden und ihrem Vaterland nicht dienen können, dem es doch so sehr an intelligenten Arbeitern mangelt! Ist das alles nötig für das große Rußland, das sich berufen fühlt, Stämme und Völkerschaften vom Joche zu befreien? Die volle Aufhebung der nationalen Beschränkungen sollte durch ein Gesetz festgelegt und jedenfalls eine Milderung derselben während der Kriegszeiten angeordnet werden." Dieser Appell an das Gerechtigkeitsgefühl der russischen Staatsleiter, schreibt das deutsche Blatt, wird wohl ebenso wirkungslos bleiben wie alle früheren Versuche, das Los der russischen Inden menschlicher zn gestalten. Man hat zu Beginn des Krieges einige unverbindliche Versprechungen gemacht, weil mau die jüdischen Soldaten brauchte; aber Versprechungen, auch solche des Zaren, sind ja .in Rußland am wohlfeilsten, und niemand denkt daran, sie zu halten. Die Dedentnng der Denemmng Iliri. Ueber den Ursprung und die Bedeutung des letzteren Wortes haben schon die alten Rabbiuen ihre Meinungen kundgegeben. Während R. Inda meint, Abraham!D#e darum Jbri genannt, weil er mit seiner Lehre über die heit auf einer anderen Seite als die ganze damalige äüm stand, erklärt R. Nechemja, diese seine Benennung mit seiner Abstammung von Eber; die Mehrheit der Rabbiuen hingegen gibt als Grund für diese Benennung Abrahams Herüberkommen von jenseits des Stromes an. (Midr. rabb. Genes., Kap. 42, gegen Ende.) Uebrigens hat sich schon vor Jbn Esra Raschi (Genes. C. 14 v. 13) die Meinnng der Rabbiuen zn eigen gemacht. Die Auseinandersetzungen des Herrn Professor Kahau in seinem diesbezüglichen Artikel sind meines Erachtens ganz begründet, wie er denn überhaupt in seinen uns aus diesem Blatte bekannten Polemiken und Kritiken zumeist den Haken auf den Kopf getroffen hat. Ich erinnere jetzt nnr an seinen Streit mit Herrn Dr. Funk über die Bedeutung des Wortes „Reschujot". Letzterer hatte dieses Wort mit „Prinzipien" übersetzt, während Dr. K. diese Uebersetzung für unrichtig erklärte und mit „Götter" übersetzte. Darallf schrieb Herr F., „Reschujot" darf kein Talmudist mit „Götter" wiedergeben. Nun tut das Raschi in seiner Megilla, 28 b, in seiner dortigen Erklärung, die lautet: Eloha acher Eloha. Dasselbe tut indes auch schon der Midrasch, der in einer Erzählung abwechselnd die Bezeichnnngeu: Elohufc und Besehujot gebraucht. (Rabb. Ex. 29 und Deut. 2.) Auch namhafte Gelehrte, oder besser: gerade solche sollten der Mahnung des Abtaljon: „Ihr Weisen seid vorsichtig mit euren Worten" stets eingedenk sein und selbst bei einem Widerspruch, auch wenn ein solcher von einem in ihren Augen Geringen ausgeht, nicht gleich gereizt sein. Absicht und Zweck ist ja die wissenschaftliche Richtigstellung und Ergründung der Wahrheit. Auch diese paar Zeilen haben lediglich hierin ihren Grund. Prag-Weinberge. M. Stark. Katern« und Synagoge. (Zu A. Fri edmann's „Der Tod Papst Pius X.) Dieser jüngste Aufsatz des Kollegen Friedmann-Berliu hat sicher bei allen Forschern jüdischer Musik außerordentliches Interesse erweckt; Friedmann versucht es, jene zehn musikalischen Gebote, die Papst Pius, zum Zwecke einer Reorganisation des lateranischen Gottesdienstes, an den General-Vikar Resphigi sandte, für unsere n Gottesdienst ausznlegen. Daß zwischen der Musik des Laterans und der Synagoge seit langen Zeiten eine gewisse Verwandtschaft der inneren wie äußeren Gestaltung und Entwicklung bestand, ist wiederholt nachgewieseu worden. Bei wem aber bestimmte Einführungen oder Neuerungen im Gottesdienste primär auftraten, darüber herrscht vielfach Dunkel, die Ansichten großer Musikforscher stehen bei dieser Frage oft diametral gegenüber.