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Die Wahrheit · 1914-11-20 · Heft 43 (20.11.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 43 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 5. das Land überqnoll und das zu Huer Zeit, alsdie Polenfrage nicht auf der Tagesordnung stand und nur ganz wenige Personen seine Gefühle teilten. Und er hat vor einem Menschenalter geschnebcu: „Man liebt Polen nicht, wie man Deutschland oder Frankreich oder England liebt, sondern wie man die Freiheit liebt. Denn, was heißt das. Polen zu lieben, anderes, als die Freiheit zu lieben, eine tiefe Sympathie für das Unglück zu empfinden und den.Mut, sowie die streitbare Begeisterung zu bewundern! Polen ist das Sinnbild alles dessen, was die Besten der Menschheit geliebt und wofür sie gekämpft." Nur für ein einziges Volk hat Georg Brandes nie seine Stimme erhoben, und das war das Volk, dem er selbst entstammte, dessen eigenartige Begabungsmerkmale sein ganzes literarisches Schaffen kennzeichnen, nämlich das jüdische Volk. Wenn er jetzt glaubt, für diese unterdrückten Parias Rußlands gegen die Polen eiutreten und ihnen warnende Worte zurufen zu müsseu, so kann man ermessen, zu welchem Grade des Ekends und der Verzweiflung die russischen Inden getrieben sein müsseu. Brandes gibt zunächst eine geschichtliche Uebersicht der Beziehungen zwischen Juden und Polen. Er erinnert daran, daß seit alten Zeiten gerade in Polen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsklassen und -Stämmen ein außerordentlich herzliches Verhältnis bestand und daß die Juden in der polnischen Geschichte, wie in der polnischen Literatur eine ganz hervorragende Rolle gespielt haben. Bereits im Jahre 1794 kämpfte unter Koscinszko ein Regiment jüdischer Freiwilliger, dessen Oberst im Jahre 1809 fiel. Als im Jahre 1861 von den Russen in Warschau auf die knieeuden Volksmengen geschossen wurde, welche das Vaterlandslied „2 dyinen pozaröw“ sangen, folgten die Juden ihren Rabbinern in großen Mengen in die katholischen Kirchen, ebenso wie die Christen in großen Mengen in die Synagogen zogen, um dasselbe Lied anzustimmen. Dieser letzte Zug, die Prozessionen der Glaubensbekenntnisse in die Kirchen der 'anderen Konfessionen, machte ans den großen nordischen Dichter Henrik Ibsen einen so tiefen Eindruck, daß er in Unterredungen immer davon sprach, als von dem Größten und Schönsten, das er je erfahren. Und Adam Mickiewicz hat in seinem berühmten Nationalepos „Pan Tadeusz" einen jüdischen Gastwirt zu einer der sympathischsten Hauptpersonen des Gedichtes gemacht. So haben die Verhältnisse früher gelegen. Heute spricht man in Polen von den Inden als von Todfeinden. Und der Abgeordnete Kncharewsly hat öffentlich erklärt, daß er in die Dnma gewählt zu werden wünsche, „um für die Ausrottung der Inden ans Polen zu wirken." Wer denkt nicht unwillkürlich dabei au das Zarenwort: „II faut ecraser la Pologne?“ Und all dieser Haß ist ans dem fehlgegangenen polnischen Nationalgefühl entstanden, das ein Polen nur für die slavischen Polen wünscht, allen anderen Stämmen, die das Land bewohnen, in engherziger Beschränktheit gegenübertritt und, während es selbst einen Freiheitskampf kämpft, die Freiheit der anderen Stämme beschneiden möchte. Seit den Wahlen des Jahres 1912, als man jenen selben Kucharewsky. der die Juden ansrotten wollte, zum Kandidaten für die Dnma anfstellte und verlangte, daß die Inden ihm ihre Stimmen geben sollten, ist der geschäftliche und gesellschaftliche Boykott gegen die Inden erklärt. Denn die Inden, die selbstverständlich nicht ihren eigenen Henker zu ihrem Vertreter wählen konnten, bewirkten die Wahl des Sozialdemokraten Jagiello und zogen dadurch den Haß der fanatischen Nationalpolen in verstärktem Maße auf sich. Dieser Boykott ist in Formen durchgeführt worden, wie sie bisher in der Geschichte der Wirtschaftsbewegnngen unerhört sind. Aber auch an Gewalttätigkeiten hat es nicht gefehlt. Man hat harmlose alte Männer gemordet, in der Stadt Welnn Häuser mit Petroleum begossen und angesteckt, die ungebildete Dorfbevölkerung durch die Beschuldigung aufgehetzt, die polnischen Juden hätten „unlängst" den Heiland ermordet. In ganz Rußland waren es fast nur die polnischen Blätter, die nach dem Beilis-Prozeß die Existenz des Ritnalmordcs als solchen für erwiesen erklärten. Vergebens hat Ladislaus Mickiewicz unter Tränen seine Landsleute, die doch schon Feinde genug haben, beschworen, nicht noch obendrein als Feinde der Inden aufzutreten, die stets ihre Freunde gewesen seien. Seine Worte haben so wenig genutzt, daß zu Beginn des Krieges große polnische Blätter, z. B. „Glos Lubelski" in fetten Lettern die Kunde verbreiteten: „In England große Pogrome gegen die Juden, die englische Regierung hindert sie nicht." Die Tendenz war klar, es wurde ein Beispiel zur Nachfolge aufgestellt. Polnische Blätter haben die Inden beschuldigt, nach Kriegsbeginn, als das Metallgeld in Polen knapp wurde, in einem Sarg 1% Millionen Gold-Rubel nach Deutschland geschmuggelt zu haben. Sie haben yiddisch abgesaßte Proklamationen drucken lassen, worin die Juden znm Aufruhr gegen Rußland anfgefordert wurden. Sie haben die unschuldigsten Leute den Lesterreichern als Spione der Feinde denunziert und so ihre Erschießung verschuldet, so in den «Städten Bechava, Janow. Krasnik und Samosch. In einer ganzen Anzahl von anderen Städten haben die Polen schwer an den Inden gesündigt, sie verfolgt, Pogrome des Militärs gegen sie verschuldet, Augenzeugen haben Brandes berichtet von jüdischen Soldaten, die wahnsinnig in den Lazaretten darniederliegen, aber nicht infolge der Schrecknisse des Krieges, sondern der Pogrome, deren Zeugen sie waren, der Emordnngen, Notzüchtignngen und schrecklichen Mißhandlungen unschuldiger Menschen. Wenn die Polen sich nicht alle Sympathien Europas verscherzen wollen, so ist es hohe Zeit zur Selbsteinkehr. Sind die deutschen Waffen in diesem Kriege siegreich, so wird die Karte Europas eine weitgehende Veränderung erleiden. Aber nnr ein Volk, das Garantien dafür bietet, die westeuropäische Kultur geistig in sich verarbeitet zu haben, nicht ein Volk von Barbaren, sondern nur ein Volk von Menschen, welche der Freiheit wirklich wert sind, wird ans sie Anspruch erheben können. „Soll ich mich schämen", frag: Brandes, „Worte der Liebe für Polen geschrieben zu haben, jetzt, wo die Zukunft Polens bestimmt wird?" Indische Tapferkeit. Ans Olmütz wird uns geschrieben: Mit stolzer Genugtuung kann darauf hingewiesen werden, daß die hiesige israel. Knltnsgemeinde ihre patriotische Opserwilligkeit anläßlich der Kriegsereignisse nicht nur aus finanziellem Gebiete in der herrlichsten Weise offenbart, sondern auch in bezug auf das tapfere und heldenmütige Verhalten der ins Feld gezogenen israelitischen Jugend mit Stolz und Freude erfüllt sein kann. Es ist ein hocherfrenliches Bild von dem Geiste, der unsere jungen Krieger beseelt, wenn darauf hingewiesen werden kann, daß in letzter Zeit mehrere tapfere Söhne unserer Gemeinde mit hohen Kriegsdekorationen bedacht worden sind. So erhielt für tapferes Verhalten vordem Feinde Herr Leutnant Back die kr on z en e M ed a i l l e am Bande d er Krieg sd ekor ati o n, Herr Paul Berm a n n die große silberne Tapferkeitsmedaille e r st e r K l a s s e und der Fähnrich in der Reserve, Herr- Paul Weinstein, in Anerkennung tapferen Verhaltens vor dem Feinde die goldene Tapferkeitsmedaille. Letzterem wurde am 6. d. M. die große und seltene Auszeichnung vom Divisionskommandanten in Gegenwart der ganzen Batterie feierlichst überreicht. Herr Weinstein soll sich am südlichen Kriegsschauplätze ganz hervorragend tapfer verhalten haben. Der Ersatzreservist Leopold Grün vom 54. Infanterieregiment hat gleichfalls die goldene Tapferkeitsmedaille erhalten. Leider ist auch der Verlust mehrerer tapferer israelitischer Offiziere zu beklagen, deren Heldentod in allen Kreisen der hiesigen Stadt große Teilnahme hervorgerusen hat. Ehre ihrem Andenken!

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