Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 43 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 43. regellosen Schicksals preisgegeben sei, sondern, daß es einen Gott gibt, der Gerechtigkeit ansübt, der das Laster bestraft und die Tilgend belohnt, der die gransamen Verfolger und Bedrücker züchtigt und die Verfolgten und Bedrückten beschützt und bewacht. Ihr habt gesehen, was ich den Egyptern getan und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zn wir gebracht. Um nun, wenn ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund Hochhalten werdet, sollt ihr mir ein besonderes Eigentum sein. Nicht etwa, dag ich bloß der Gott Israels bin, ich bin kein Nationalgott, sondern der Schöpfer des Weltalls, der Vater aller Menschen und Lenker aller Geschicke. Da jedoch die heidnischen Völker noch tief versunken und dem Götzendienst ergeben sind, daher noch nicht reif für meine Lehre, so habe ich euch erwählt, damit ihr als Lehrer des reinen geläuterten Gottesglaubens in der Geschichte figurieren, damit die Völker durch Lebenswandel wie durch Verbreitung der Lehren der Thora nach und nach zur Besinnung kommen und von ihrem törichten Wahn geheilt werden, 'Weattem tiliejo li mamlecliet Kolianim. Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, b. h. von Lehrern, und eurer diesbezüglichen Aufgabe könnt ihr euch nur dann ans die würdigste Weise entledigen, wenn ihr makel- und tadellos dasteht, einen sittlich reinen, wahrhaft frommen Lebenswandel führt, wegoj kodauscli, wenn ihr ein heiliges Volk seid, das wert und würdig ist, als Träger einer großen Idee, der größten Idee, nämlich der Gottesidee, in der Geschichte eine hervorragende Rolle spielen wollt. Und so hat tatsächlich Israel die Thora jahrtausendelang unter allen Umständen und in allen Verhältnissen ihres Lebens hoch und heilig gehalten und auch dafür gesorgt, daß die erhabenen Lehren derselben die weiteste Verbreitung gefunden. Es kann auch nicht geleugnet werden, daß die Bekenner der Tochterreligionen ihre besseren Begriffe über Gott, Mensch und Welt einzig und allein der am Sinai geoffenbarten- Thora zu verdanken haben, daß der Stifter der christlichen Religion, ein geborener Jude, die Thora hochgehalten, daß er überhaupt durchaus nicht die Absicht halte, an dem Judentum zu rütteln oder tzar etwas Neues zn schaffen, denn er . sagte ausdrücklich: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz umznstoßen, sondern es zu erfüllen, kein Jota darf davon aufgehoben werden". (Sabb. 116.) Ferner kann nicht geleugnet werden, daß die hervorragendsten rabbinischen Autoritäten früherer Jahrhunderte, wie R. Jehuda Ha-Lewi, R. Moses b. Maimon, es offen betont haben, daß den Heiden Tochterreligionen eine große weltgeschichtliche Sendung an die Heidenwelt nach dem Ratschlüsse der Vorsehung zuteil wurde nsw. (Knsari 4. 23. Maim. hil. Melachim 11.) Von den zahlreichen anderen Rabbinen, die sich in diesem Sinne über die zwei monotheistischen Religionen geäußert, möge hier besonders die Aeußerung des hochfrommen, scharfsinnigen Gelehrten, R. Jakob Emden, erwähnt werden. Er schrieb: „Heil uns und Heil den Bekenner« der Heilsbotschaft, wenn sie die liebevollen und menschlichen Lehren derselben stets befolgt und beherzigt hätten. O, dann hätten sie uns nicht hassen und verfolgen, daun hätten sie nie zugeben dürfen, daß unsere Ahnen zu Tausenden und Myriaden gemordet werden." Selbst der als machmer (äußerst streng religiös) bekannte R. Moses Zsserls"(Renm)- äußerte sich günstig über das Christentum, indem er schreibt: „Die Christen sind keine Heiden, denn sie glauben trotz ihrer Trinität an Gott, den Schöpfer des Weltalls." (Orach. Chajim 15. 6.) Abgesehen von alldem beweisen ja die Lehrsätze des Stifters des Christentumes. daß er dem traditionellen Indentume treu geblieben und den großen Lehrer Hillel I. als sein Vorbild betrachtet hatte, denn der Ausspruch Hillels: „Was dir nicht lieb ist, füge deinem Nebenmenschen nicht zn", bildete ja den Grundgedanken seiner'Lehren, welche lauten: „Wenn dir jemand einen Hieb auf die rechte Wange verietzt, so halte ihm die linke hin. Verlangt jemand ein Kleid, so gib ihm deinen Mantel hin. Aergert dich dein Auge, so reiße es aus und wirf es von dir. Liebe deine Feinde, tue wohl denen, die dich hassen, bitte für die, die dich verfolgen. Richtet nicht, so . werdet ihr nicht gerichtet; verzeiht, so wird man euch verzeihen. Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist. Geben ist seliger denn nehmen." nsw. Nun fragen wir, dürfen die Allstifter des Weltbrandes, desgleichen selbst unter den wilden Heiden vor Jahrtausende» nicht vorgekommen ist, es wagen, sich Christen zn nennen? Haben sie nichtdurch diesen mit so viel Greneltaten ver- . bnudenen Krieg, den sie mutwillig heranfbeschworen, gegen die Gesetze Gottes und der Natur schwer gesündigt? Heißt es nicht, dem Moloch Opfer bringen, wenn der moskowitische Despot für 20 Milliarden, die ihm die französische Republik zur Verfügung gestellt, Mllllonen seiner Sklaven dem Fenerrvde preisgibt. Heißt es nicht, den Moloch abgöttisch verehren, wenn das hochkultivierte England ans Neid und Mißgunst Tausende und abermals Tallsende von Söldnern nach Belgien und Frankreich schickt, damit sie dort vom Feuer verzehrt werden? Und da haben noch die Feinde des Reiches und der Oesterr.-nngar. Monarchie den Mut, sich als Kulturvölker zn gebärden und die Deutschen ltnb Oesterreicher als Barbaren zn bezeichnen! Während zahlreiche Engländer und Franzosen sowohl in Deutschland als in Oesterreich unbehelligt und unbelästigt bleiben können, werden Oesterreicher und Deutsche, die in Frankreich und England wohnten und vor dem Ausbruche des'Krieges nicht mehrrechtzeitig flüchten konnten, dort in grausamer Weise gequält, gemartert und gefoltert. Wo keine wahre Gottesfurcht herrscht, wird das Menschenleben äußerst gering bewertet. Hätten die Franzosen und die Engländer im Geiste ihrer Religion handeln wollen, wahrlich, sie würden um keinen Preis der Welt es gewagt haben, sich mit russischen Barbaren und Pogrommachern zn verbinden? Seit wann war denn überhaupt das despotische Rußland mit dem republikanischen Frankreich befreundet? Wahrlich, das Heinesche Gedicht an Edom dürfte heute Frankreich mit Fug und Recht seinem intimen (?), aufrichtigen (?), russischen Freunde senden: Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich; Du. du duldest, daß ich atme, Daß du rasest, dulde ich. Manchmal nur, in dunklen Zeiten, Ward dir wunderlich zn Mut, Und die liebfrommen Lätzchen Färbtest du mit meinem Blut. Jetzt wird unsere Freundschaft fester, . - Und noch täglich nimmt sie zu; Denn ich selbst begann zn rasen. Und ich werde fast wie du. Ja, sie rasen alle, die sogenannten Kulturvölker, wie die echten russischen Pogromhelden, wir brauchen aber doch nicht verweiseln, denn wir haben die seste Ueberzengnng, daß auch diesmal die göttliche Verheißung in Erfüllung gehen wird: „Mein ist rächen und vergelten, wenn ihr Fuß wird gleiten sollen, ki korow jom. edom, denn ihr Ung l ück stag wird kommen, ihre Zukunft eilt herbei. ’ Dr. M H. Fr. Georg Srondes und die Polen. Georg Brandes veröffentlicht in der dänischen Tageszeitung „Politiken" eine Artikelserie: „Zustände in Polen", die besonders interessant durch ihre Tendenz ist. Brandes hat jahrzehntelang zn den Vorkämpfern der polnischen Freiheit gehört, wie er denn überhaupt während seines ganzen Lebens ein Anwalt der unterdrückten Völker gewesen ist. Er hat ein Buch, über die Polen geschrieben, das von Begeisternng für