Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 42 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063725-3063767--09304-3076545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 4. Nr. 42. Die Wahrheil noch glaubt, in der mau erkennen wird, daß noch andere Methoden möglich sind, Bölkerzwist zu schlichten als durch entsetzlichen, allschädigenden und mordenden Krieg. Auch sonst hat dieser Krieg in der Wertschätzung der Nationen eine ungeheuere Umwälzung hervorgebrachl. Die osmanische Nation, welche in den letzten Jahren die stehende Figur des „kranken Mannes" abgebeu mußte, wird nun in den mitteleuropäischen Staaten als tapferer und ebenbürtiger Kampfgenosse gegen die gemeinsamen Feinde angesehen, während Franzosen und Engländer den ehemals geringgeschätzten, ja verachteten Inder, Singhalesen und Japaner als gleichwertigen Kriegskameraden ansehen. Der asiatische Koloß, das rückständige China, wird nun als eine wertvolle Nation, die sich im Besitze einer malten eigenen Literatur und Bildung befindet und die nötige Bildnngssähigkeit im hohen Grade besitzt, sich auch der europäischen Kultur zu bemächtigen, erkannt und alle europäischen Nationen sehen mit Spannung aus diese asiatische Sphinx hin. Das ganze Gerede von der westeuropäischen hohen Kultur und Gesittung im Gegensätze znm asiatischen Zustande des Barbarismus hat im Laufe des gegenwärtigen Weltkrieges und auch ein Jahrzehnt früher schon einen empfindlichen Stoß erhalten, denn bestialischer als gegenwärtig ist nie noch ein Krieg geführt worden und die Meinung der unbeteiligten Zuschauer vom humanen Sinne der Belgier und Engländer wird angesichts der scheußlichen Behandlung, die sie zivilen Angehörigen der Kriegsgegner angedeihen lassen, kaum vorteilhafter lauten als das Urteil, das man sich von Serben und Russen und von den Teilnehmern an den Balkankriegen gebildet hatte. Die Menschenmasse denkt und fühlt nirgends wesentlich verschieden und der Geistesverkehr wird rasend schnell alle kulturellen und geistigen Errungenschaften der Menschheit überallhin verbreiten. Möge der Wut des Krieges bald Einhalt geboten werden, damit der bereits errungene Stand der allgemeinen Menschenbildnng und der Hninnnität nicht empfindlich herabgedrnckt werde, denn lange Kriege haben erfahrungsgemäß einen Abstieg der Volksseele zur Folge, was noch tiefere Wunden schlägt als wirtschaftliche Schäden und Seuchen. R. L. Mn Welträtsel. (Fortsetzung.) Es ist daher kein Wunder, daß er in Egypten, obwohl das Kastenwesen dort florierte und der Rassenhaß zu den egyplischen Krankheiten gehörte, in hohem Ansehen stand und sich einer ungewöhnlichen Popularität erfreute. Als er daun bald seinen Vater und seine Brüder mit ihren Angehörigen, 70 Personen, nach Egypten kommen ließ und den König Pharao hievon in Kenntnis setzte, benahm sich dieser wieder sehr liberal und liebenswürdig, indem er zn ihm sagte: „Dein Vater und deine Brüder sind zn dir gekommen, das ganze Land Egypten steht dir zur Verfügung, es ist ihnen gestattet sich in der schönsten und besten Gegend des Landes ansäßig zu machen" nsw. Die Söhne Israels machten von dieser Erlaubnis den ausgiebigsten Gebrauch und es gelang ihnen durch Fleiß, Tätigkeit und Redlichkeit einen mächtigen Aufschwung zu nehmen. So lauge Josef lebte, blieben sie unangefochten und konnten ungestört ihrem Berufe nachgehen. Nach dem Tode Josefs und seiner Brüder aber hatte sich das Blatt gewendet. Es kam dann nämlich ein König zur Regierung, der den Josef nicht kannte, oder richtiger nicht kennen wollte, der für die großen Verdienste, die sich Josef um den Staat erworben, kein Gedächtnis mehr hatte. Diesen neuen König beunruhigte das Wachsen der Söhne Israels. Er sprach daher zu seinem Volke: „Siehe, das Volk der Kinder Israel wird zahlreicher und mächtiger als wir. Das geht doch nicht, wir können doch nicht eiu fremdes Volk in unserem Lande so mächtig werden lassen, daß es uns bald in Schatten setzen wird. Howo niscliakino lo. Wohlan denn, wir müssen trachten es ans schlaue, listige Weise unschädlich zn machen, dürfen ihm nicht mehr die Freiheit gewähren, die es bis jetzt genossen, sonst lausen wir Gefahr, daß diese Lente beim Ausbruch eines Krieges zu unserem Feinde übergehen und mit ihm Schulter an Schulter uns bekämpfen und ans dem Lande ziehen werden." Welche Niedertracht, lvelch gemeine Lüge, welch Verdächtigung in jedem Worte! Pharao ivollte die edelsten Kräfte der eingewanderten, geistig begabten Israeliten für Staatszwecke ansnützen, daher verhetzte er sein Volk, damit sie einen Abscheu vor den Hebräern bekommen, wajokuzu mipne bene Jisroel und dahet sie sein schlaues listiges Vorgehen vollkommen gerechtfertigt finden. Nun hören wir mal, welche List er gebrauchte, mit sein angestrebtes Ziel zn erreichen: „Ihr wünschet", so wurde den Israeliten zngernsen, „hier unter uns zu leben und von uns als gleichberechtigte Bürger betrachtet und behandelt zn werden. Nun gut, wir haben nichts dagegen, allein wer Rechte beansprucht, der muß auch Pflichten erfüllen, und die erste heiligste Pflicht eines jeden Staatsbürgers ist, daß er die ihm vorgeschriebenen Stenern entrichte, damit der Staat in der Lage sei, für die Anfrechterhaltnng der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung Sorge tragen zu können. Diejenigen Untertanen aber, deren Verhältnisse es ihnen nicht gestatten, die gebührende Steuer zn entrichten, seien verpflichtet, Hand ans Werk zn legen, und sich an den Festungsbanten und sonstigen staatlichen Arbeiten zn beteiligen." Und daranf war es eben abgesehen. Man wollte die edelsten Kräfte dieses geistig begabten Volkes, von dem mau gewußt, daß sie keine allzngroßen Reichtümer und Schätze ins Land gebracht haben, für staatliche Zwecke ansnützen, „Mas“ heißt tu der hebräischen Sprache Steuer. "Wa/josim olow sore missim. Matt setzte über das Hebräervvlk Stenerbeamte lemaan anosom lesiwlosom, damit man Grund mtd Ursache oder richtiger einen Vorwand habe, dasselbe, da es nicht in der Lage war, den gerechten Wünschen des Fiskus zn entsprechen, anscheinlich ans gesetzlichem Wege zur Verrichtung schwerer Arbeiten verhalten zu kommen. Wajiwen ore miskenos. Und so mußten sie als treue Untertanen zwei Vorratsstädte dem Pharao bauen, ohne daß sie sich über Vergemaltnng, über Ausnahmsgesetze und harte Bedrückung beklagen durften. Nicht ohne tieferen Sinn bemerkt der Talmud, „daß Pharao selber Hand ans Werk gelegt, auf das Feld der Arbeit ging, Ziegel verfertigte und den Arbeitern als Musterbild voranlenchtete. Die Weisen wollten damit andenten, daß man in Egypten alle möglichen Mittel angewandt, um die Israeliten, wenigstens anfangs, in dem Wahne zu bestärken, daß es nicht etwa „Ansnahmsgesetze". sondern lediglich bürgerliche Pflichten seien, die sie zu jenen Arbeiten zwingen. Sv hatte man ihnen nach unb nach das Leben verbittert und vergällt, .bis der himmlische Vater .sich ihrer liebreich annahm und sie durch wunderbare Begebenheiten, dilrch welterschütternde Ereignisse ans dem Rachen blutgieriger Tyrannen befreit und erlöst hatte. Frägt man nach der Ursache dieser Sinnesändernng, so können wir mit Fug und Recht antworten: Pharao war ein Gottesleugner und ein solcher ist zu jeder Untat fähig. Ein Mann, der den traurigen Mnr hatte, kühn und frech ansznrnsen: „Wer ist der Adonai, dessen Stimme ich gehorchen soll, ich kenne keinen Adonai!" wird nicht von Gewissensbissen gequält, wenn er unschuldige Menschen, so ihm hiedurch materieller Vorteil winkt, zu Tode martert. Ein solcher Mensch hat bereits die Menschheit ausgezogen, und mag daher in die Wälder gehen, den Tieger seinen Bruder und die Hyäne seine Schwester nennen. Mit einem Worte, ein solcher Mensch kennt kein Gefühl, ist daher grausam, herz- und gewissenlose Wir glauben somit die Lösung des hier in Rede stehenden Rätsels gefunden zu haben. So lange das Glück den Franzosen und Engländern derart günstig war,' daß sie sich als die hervorragendsten Großmächte der Welt gebärden konnten, girierten sie sich auch als höchst liberale, Freiheit und Gerechtigkeit liebende, Fanatismus und Vorurteile perhorresziereude