Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 42 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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KtvakNon und Lldminiftration: AuMai-gige Heitschnft für jnöische dlieiuiun'vet#: Wie». IX, Nvvcnagasse 37 StltSQou: Redaktion 6509/LV. ©mijl.'ibiirt.Kl*.- Halblähria. IC 7. — Hbminiftratioit 4938 II. *. k. aftrrr. Posilvarkaslo- Scheck-Komo -Nr. IVV.9I8. Interesse». Für Jl’iilliitfbt’iiiiiti*: >,i. K 10 Inlerate: Dir viermal gewalteue Rouparcille-Zeile 25 Helle:. Erscheint j e d e n A r e i t afl. Fm Ausland: Abonnement»- und Zniertton». (Miiiijitioviii.s siintr Sklrägr nnd in Lilien zahlbar und klagbar. ) Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ti SHllttfl oder 115 Her». Nr 42. Wie», 13. Uovemver Inhalt: Umwertung vom Bolksanschannngen durch den Weltkrieg. — Ein Welträtsel. — Erzherzog Salvator im Spirale der Wiener Kultnsgemeiude. — Eine Deputation der Pester Israel. Religionsgemeinde bei Erzherzogin Auguste. — Russische Greueltaten. — Erinnerung an weil. Rabbiner Dr. Abraham Adolf Schmiedl. — Der Name Jude. — Ausruf. — Verschiedene Nachrichten. Zeichnet die österr. Kriegsanleihe! Umwertung non Uolksanschannngrn dnrch den Weltkrieg. Nicht nur im Frieden, sondern auch im Kriege lernen die Völker einander kennen. Im Frieden sind es in der Regel um* wenige Vertreter der offiziellen Diplomatie, des Großhandels, der Knust nnd Wissenschaft, welche in die Lage kommen, sich eingehendere Kenntnis fremder Volksart zu erwerben. Aber auch diese Völkerkennmis ist nur eine oberflächliche, weil die genannten Individuen immer nur mit einer besonderen Volksschichte in nähere Berührung treten und noch dazu mit solchen, welche an der allgemeinen M e n s ch en b i l d nn g, die bekanntlich die individuellen Eigenheiten in hohem Maße nivelliert, großen Anteil besitzen. Im Kriege kommen aber nicht nur verhältnisinäßig große Massen ans allen Volksschichten, tvenn auch in feindlicher Absicht, miteinander in engste Berührung, sondern sie lernen auch gegenseitig ihre wahren Eigenheiten gründlich kennen, weil der Mensch im Affekte, lei es des Zornes nnd Hasses oder der Liebe, am wenigsten imstande ist, sein wahres Inneres zu verbergen nnd zu verhüllen. Im gegenwärtigen Weltkriege haben nun tausende reichsdeutsche und österreichisch-ungarische Krieger, die im Vereine mit jüdischen Kampfgenossen gegen den Feind zogen, reichlich Gelegenheit gehabt, zu erfahren, daß ihre jüdischen Kriegskameraden mit gleichem Mute nnd gleicher Bravour, mit gleich glühender Vaterlandsliebe nnd Opferwilligkeit geg^n den Feind losgehen und kämpfen, wie ihre zahlreichen christlichen Kampfgenossen. Sie konnten sich überzengen, daß auch der jüdische Soldat ohne Murren alle Kriegsstrapazen und Notlagen trug. Das Vorurteil der jüdischen Feigheit und Furchtsamkeit, der leider ziemlich allgemein verbreitet gewesene Glaube, der Jude fühle sich selbst nicht als vollwertiges Kind seines Vaterlandes, wird und muß im Laufe dieses Krieges radikal entwurzelt werden. Sowohl in Deutschland, als. auch in Oesterreich-Ungarn wurden verhältnismäßig viele jüdische Kriegshelden offiziell ausgezeichnet und das Märchen von der jüdischen Feigheit und Vaterlandslosigkeit ist dnrch derartige Tatsachen hoffentlich für immer abgetan. Im forlgeschriltenen Deutschland brach dieser Umschwung der Volksanschannng bereits lange vor dem Kriegsausbrüche durch nnd der Antisemitismus, der ursprünglich ein deutsches Unkraut war, befand sich bereits in den letzten Jahren im Ausfterbeu. Immerhin gab es noch mächtige Volksschichten daselbst, welche die Jndenfeindschaft zu konservieren suchte,!, und der deutsche Adel z. B., welcher den größten Teil der Offiziere liefert, setzte es bis in die letzte Zeit in Deutschland durch, den Juden das Eindringen in den Offiziersstand auch dann zu verschließen, wenn Eignung nnd Verdienste vorhanden waren. Schon während der wenigen Monate des gegenwärtigen Weltkrieges wurde mir dieser Gepflogenheit gebrochen und in Zukunft dürfte in Deutschland der fähige und geeignete jüdische Krieger die Stufenleiter der Kriegerwürden m ganz gleicher Weise ersteigen können, wie sein arischer Kamerade. In Oesterreich-Ungarn war dies bekanntlich auch früher schon möglich, aber infolge dieses Krieges dürfte in unserem geliebten Vaterlande auch der wüste Parteienspnck in der christlichsozialen und deutschnationalen Partei nnd sein gehässiges Treiben gegen die jüdischen Mitbürger sein wohlverdientes Ende gefunden haben, zumal dieser Krieg alle ins Treffen geführten Scheingründe drastisch vernichtete. Die Reichsdeutschen und österreichischen Deutschen, welche gegen die Russen ins Feld zogen, hatten aber sowohl in Galizien wie in Russisch-Polen Gelegenheit, den Inden daselbst als deutschen Pionier zu erkennen nnd die gehässige Anschauung vom jüdischen Fremdkörper, der bisher in ^den Köpfen zahlreicher Teutonen spukte, hat dadurch einen entscheidenden Stoß erhalten. Die Kriegsleilung der verbündeten Deutschen nnd Oesterreich-Ungarn versäumte es nicht, den Wert des jüdischen Staatsbürgers auch im fernen Rußland als Förderer des Deutschtums anzuerkennen. Die kriegführenden Völker werden unzweifelhaft auch Gelegenheit erhalten, gehässige Vorurteilen gegen die feindlichen Nationen richtigzustellen, sie werden und müssen erkennen, daß auch der Franzose, der: Engländer und der Russe beiweitem nicht jenes Ungeheuer ist, wie er. ihm.-vom professionellen Kriegshetzer in der Presse vorgespiegelt worden ist, sondern daß sie tendenziös von einzelnen Machthabern itud Nutznießern in diesen grauenhaften Krieg heineingehetzt wurden. Die Zeit kann nicht mehr so fern sein, als mau