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Die Wahrheit · 1914-11-06 · Heft 41 (6.11.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 41 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 41. denn das Maß seiner Sünden und Uebergriffe gegen die mohammedanische Welt ist gerüttelt voll. Schließlich liegt diesem Krämerreich das Wohl des Moskowiterreiches genau so wie Frankreich sicherlich nicht so sehr am Herzen, wie sein eigenes. Ich höchsten Grade verblüfft und enttäuscht waren bei Ansbruch dieses Weltkrieges die zahlreichen Friedensfreunde und Kriegsgegner über die Haltung der Sozialdemokratie in den kriegführenden Ländern, welche rückhaltslos die geforderten Kriegsmittel bewilligten, während sie früher entschieden und konsequent gegen den Militarismus und den „Kriegsmoloch" ausgetreten war. Mau warf ihr nun allgemein Prinzipienverrat vor. In Wahrheit hat die Sozialdemokratie durch diese ihre Haltung in der Wertschätzung aller edlen und charaktervollen Menschen unendlich gewonnen. Zn der nordamerikanischen sozialistischen Presse werden die europäischen Sozialistenverbände ob dieser scheinbar widersprechenden Haltung entlastet und gerechtfertigt. In der Besprechung einer Einladung nach einer im Jahre 1907 in Stuttgart gefaßten Resolution einen internationalen Kongreß zur Aushebung des Friedens einzuberufen nnd zu beschicken, finden sich die Sätze: „Die Sozialisten der kriegführenden Staaten erfüllen fetzt ihre Pflicht in der Verteidigung ihres Vaterlandes". „Indem sie zeigen, daß sie sich in werktätiger Vaterlandsliebe von keiner Partei übertreffen lassen, sichern sie sich zugleich in ihrem Vaterlaude die Zukunft". „Die Sozialisten müssen verstehen, daß ihnen hüben und drüben nichts anderes übrig bleibt, als ihrem eigenen Volke in jener Weise zu dienen, die unter den gegebenen tragischen Verhältnissen die einzig mögliche ist." „Sie müssen sich aber dabei mit allen Verstandesk rüsten frei halten von allen Ausbrüchen ch a uvin isti scher Lei d e n s ch ast und blind em Fremdenh a s s e." „Nicht die Ueberzeugung von der sittlichen Verworfenheit fremder Völker har uns in diesen schrecklichen Kampf hineingetrieben, sondern die Liebe zum e i g e n e n Volke, dem wir die Schrecken einer Niederlage ersparen wollen." „Wir wollen uns nicht in den Aberglauben verstricken, daß ein europäischer Staat von Ungeheuern bevölkert sei." „Wir wollen den Völkerfrieden, und können wir heute noch nichts tun, um ihn herbeizusühren, so bindet uns doppelt die Pflicht, jedes selbstgewollte Handeln zu vermeiden, das seinen Eintritt verzögern, seine Zukunft gefährden könnte." Diese Sprache der internationalen Sozialdemokraten berechtigt zu frohen Hoffnungen, der Genins der Menschheit blickt bereits zwischen den Latten der Völkerscheiden zu den wahren Menschen herein nnd erquickt das Herz aller Humanen. . Hoffen wir, daß auch die Angst vor bösen Folgen, das böse Gewissen, alle mächtigen Kriegsmacher, alle gewissenlosen Kriegshetzer, bald schon von weiterer Fortsetzung ihres bösen Vorhabens abhalten werde. Wenn die jüngsten Meldtingen der Presse richtig sind, nach denen die russische Diplomatie nun nach der im Schwarzen Meere erlittenen Schlappe erklärt haben soll, der Seekamps wäre einem „Mißverständnisse" entsprossen, müßte dies als günstiges Symptom für die eingetretene Kampfmüdigkeit Rußlands aufgefaßt werden. Die Ermannung der islamitischen Welt, welche nun in Wien und Berlin aufrichtigen Jubel ausgelöst nud die entschiedene Haltung der uordamerikanischeu Union gegenüber den englischen Uebergriffen zur See dürste auch den weiteren Kampfeifer des britischen Krämerstaates wesentlich dämpfen. Diesen Weltkrieg hält die Welt auch nicht mehr lange aus, denn die Summen, die derselbe täglich verschlingt, spotten jeder Berechnung nnd auch die glücklichen kriegführenden Staaten können Hunger und Massenelend nicht ruhig herankommeu lassen, die eine lange Kriegsdaüer unfehlbar herausbeschwören müßte. Die Augen der gesitteten Welt sind im gegenwärtigen Momente mit Erwartung und Spannung auf die weiteren Entschließungen der Majorität des französischen und englischen Volkes gerichtet, das mit der Kriegseröffnnng keineswegs vollzählig einverstanden war. Das unglückliche französische Volk hatte bereits reichlich Gelegenheit, die tatsächliche Schwäche seiner Verbündeten nnd namentlich des englischen großmäuligen Nachbars kennen zu lernen und das traurige Schicksal Belgiens droht auch ihm. Wünscht es nun den Frieden, dann können ihn die professionellen Kriegshetzer daselbst um so eher nicht Hintertreiben, als Reichsdeutsche und Oesterreicher im gegenwärtigen Momente zu einem billigen Friedensschlüsse mit Frankreich wohl geneigt sein dürften, wenn durch ihn der weitere Bestand der unnatürlichen Tripelentente gesprengt, und die drohende Uebermacht des barbarischen Nnssentums beseitigt wird. — R. L. Gin Weltriitjel. Als der jetzige Krieg ausbrach, war alle Welt erstaunt über die Metarmophose, die plötzlich Frankreich — gleich ihm auch England — vorgenommen. Man fand es unbegreiflich, daß ein Kulturvolk wie Frankreich, daß vor mehr denn hundert Jahren für die Menschenrechte, für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit wacker gekämpft, gemeinsam mit England, dessen Liberalismus sprichwörtlich geworden, den Entschluß fassen konnte, sich mit einem Barbarenvolke, das seit laugen Zeiten Haß nnd Lüge in der Welt aussäet und nunmehr fast die ganze Welt in Brand gesteckt, um die Anstifter des Fürstenmordes schützen zu können — zu vereinen, zu verbünden und gleich ihm Gräueltaten mannigfacher Art anszuüben'? Der Schlüssel zur Lösung dieses Räthsel dürfte meines Dafürhaltens nicht schwer zu finden sein. Der reine geläuterte Gottesglanbe kultiviert, zivilisiert, veredelt, vergeistigt und vervollkommnet den Menschen, er verleiht ihm Kraft und Mut, um sich beherrschen, seine Leidenschaften bezähmen, den höchsten Gipfel der Gottähnlichkeit erklimmen und sich seiner hohen Aufgabe als höheres im Ebenbilde Gottes geschaffenes Wesen in würdiger Weise entledigen zu können. Der Fanatismus hingegen verleitet den Menschen zum Aberglauben und zur Abtrünnigkeit, denn der Aberglaube ist die Mutter des Unglaubens, des Skeptizismus. Der Ungläubige, der Gottesleugner, kennt kein Gefühl, überhaupt kein höheres Ideal, denn er ist von Scheitel bis zur Sohle Materialist. Ein Materialist ist derjenige, der die Materie, den Stoff abgöttisch verehrt, der vor dem Goldklumpen hinfällt nud ansrnft: Salli umzudoti! mein Fels! mein Schutz! mein Alles! Das Erwerben großer Reichtümer, um ans großem Fuße zu leben, der Genußsucht stöhnen, -seinen'"'unbezähmbaren Ehrgeiz wie seine Herrschgier befriedigen und; jeden anderen Glückbegünstigen überflügeln zu können, erv achtet er als seine einzige Lebensaufgabe. Der Materialist ist - vorzugsweise ein Praktiker. Er kennt das praktische Leben,; kennt die Kniffe und Schliche der Welt,, besitzt die Fähigkeit I durch süße heuchlerische und frömmelnde Redensarten, Leute,! die ihn nicht näher kennen, zu berücken und zu bestricken. : Kein Mittel ist ihm zu schlecht, so. es gilt sein sich gestecktes Ziel zu erreichen. Er der sonst alles Heilige und ' Religiöse, alles Göttliche und Ideale, alles Edle und Erhabene verhöhnt, verlacht und verspottet, ist zuweilen im- . stände, als fromm, religiös und gottesfürchtig zu erscheinen, : so er hiedurch einen materiellen Vorteil zu erringen glaubt. Wenn ihn aber , das Glück verläßt und alle seine Unternehmungen mißlingen, so ist sein .ganzes Dichten und Trachten. Forschen und Grübeln, Fühlen Und Wollen dahingerichtet diejenigen, denen das Glück günstiger war als ihmvollständig zu vernichten. Lügen, Fälschungen, Verleumdungen und Verdächtigungen sind die herrlichen Mittel, die er anwendet,'-um'-unschuldige- Menschen ins gräßliche Unglück - stürzen zu können. Gram li gam loch lau jiheje. „Wenn

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