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Die Wahrheit · 1914-10-30 · Heft 40 (30.10.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 40 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gelte 6 Wie Mchrheit_M. 40 t Ich gehe weiter, de» Bergeil zu. .Der Abend kmnmt; die Dämmerung; ich möchte mich anschmiegen an sie, ich habe sie lieb. — — Ueber den Weg huscht etwas. - Wie verklärt sieht er einen Augenblick aus. Ich. schaue, auch. .Ein Licht zittert im Strom! Irgendwo in der Ferne ward es entzündet, r— Ein zweites Licht huscht in das Wasser, Viele danach, unzählige. Alle seine Lichter zündet der Strom an. Die kleinen, armen, die reichen, mächtigen; zuckende Kerzen, flammende Fackeln. “' ' Wo sah ich gleiches schon? Ich sinne, sinne — und' gehe Plötzlich durch die -Ghettos Mährens, Ungarns und Galiziens. Wo am Abend, wenn 8er Sabbat kommt, Lichtlein Neben LichNein in den Häusern ansflammt, nnd glimmenden Feuerschimmer über die Straßen wirft. — Freitag abend ist heute. — Ich will ins Judenviertel! Zu den Flüchtlingen aus Galizien und Belgien. Will bei ihnen sein, wenn der Sabbat kommt! * Vor dem Hanse, in der Straße abseits, steht eine Menge Menschen. Männer^ Frauen, Kinder! Ich war gestern schon hier, und viele Tage vorher. Und es ist immer das gleiche, als wäre ich eben erst fortgegangen, Kleider, Wäsche Schuhe werden hier an jüdische Flüchtlinge verteilt. .Hunderte, Hunderte kommen täglich und der.Vorrat in den Speichern geht nicht aus. Denn jeder schenkt : de eine von seinem Ueberfluß. der andere von dem, das, was er entbehren kann. So seltsam ist das! Man kann das Sinnen nicht lassen. Dort durch das Tor ziehen die Menschen, die schenken; hier durch dqs zweite die Armen, die der Gaben bedürfen. — In langen Reihen stehen sie hier und vor dem Hause in der Seitenstraße, in dem Geld verteilt wird. Wer früher kommt, zuvorderst, die späteren danach. Und während sie sehnsüchtig nach dem Eingang blicken, ungeduldig, daß an sie schon die Reihe komme, ziehen die Beschenkten rasch, beglückt davon. — Die andern sehen ihnen nach, voll Zweifel, voll Angst: wird für sie auch noch etwas bleiben? * Es ist.still geworden. — Die Straßen, in denen noch vor einer Stunde Tausende von Flüchtlingen standen, sind fast einsam. Sabbat! Es kam so rasch, so unerwartet für diese Armen, daß sie sich gar nicht vorhereiten konnten. — An einem kleinen Bechans komme ich vorbei. Trete Der kleine Raum war über und über voll. — Und ich vergesse alles, was ich eben gesehen, fühle mich plötzlich eingehüllt in die Weihe, die hier herrscht. Etwas Heißes, Fieberhaftes liegt in den Zügen der Menschen! Das leise Gemurmel erstirbt. — Es ist still. — Die Stille hat etwas Schweres. Drückendes! An daheim denken sie wohl! Ihr Heim taucht vor ihnen auf, das Heim des'Juden, "das sein höchstes Glück bedeutet. Sabbat ist's! In ihrer Stube sehen sie sich nach mühevoller Woche, mit denen, die ihnen lieb nnd teuer sind! Wohin schwand dies alles? Glühender Haß steigt auf gegen den Feind! Vergeltung für die jahrzehntelangen Qualen und Martern! O vernichte nusersn gräßlichsten Feind, das russische Volk! O Ewiger! Irgendeiner stöhnt es: O Ewiger! Und das Wort bricht die Stille! Ans den angsterfüllten Herzen quillt es gegen den Himmel: Ewiger! o hilf! —' —— In dem Bethaus nebenan, in der Synagoge auf dem weiten Platz, überall dasselbe. — Mir ist's, als reichten sie einander die Hand, alle> alle über die Stadt, das Land, über die weite Welt. — -- * Ans der Straße nach dem Gottesdienst! — Sie sind noch erfüllt vom Gebet! Treten aus dem Gotteshaus. Wollen heimeilen. Wohin? Und blicken so verwirrt, so haltlos in die Weite! Der lejse Abglanz schwindet ans den Gesichtern! Not und Unglück prägen sich darein! Einer sieht den anderen gn! Bin wie du! Und verstummt,! Einen Augenblick.stehen die Dänsende still. Unsagbar groß! .diese Unbeweglichkeit, dieses Schweigen! Sabbat unter freiem Himmel! Nur da. und dort droben ein flimmernder Stern. —, - Einige gehen in ihre Wohnung! In ihr Zimmer, in dem die ganze Familie Platz finden must. —- - : Einem großen Zuge Menschen schließe ich mich an. — In-die -jüdische' Volksküche ziehen sie; In vierfachem Tnrnns findet die Ausspeisung statt. Hier und in zahlreichen anderen Räumens — Die Helle, ’ bie Wärme, das Licht zaubern ihnen den Sabbat vor! Um die langen Tische sitzen die Hungernden! — Erquicken sich dann an Speise und Trank! Hunderte andere harren draußen, die Speisemarke in der Hand! — Sie alle kommen daran. Das Glück, das ich hier spenden sehe, bewegt mich so tief. Ich trete wieder auf die Straße. Der Knabe vor mir weint: er hungert! Ich schaffe ihm Einlaß! -r- Der Frau dort auch, die an der armseligen Marktbude lehnt.' — Andere konlmen auf mich zu. Ich gehe hastig davon: schwach, hilflos. An der Straßenecke stehe ich! Viele Flüchtlinge ziehen an mir vorbei. Sie machen einen dunklen, düsteren Eindrnck in den langen, schwarzen Kaftans. Einen von den anderen spreche ich an. — Es ist immer dasselbe. .Das gleiche, traurige Geschick! Alles ließen sie daheim, flüchteten vor dem Feinde hierher! Etwas Schönes, Leuchtendes ist in all den Geschichten: freudig wollen sie das Opfer bringeil, wenn der Feiltd nur besiegt wird, wenn sie ruhig heimkehren können. — Stolz, Kraft liegt in ihren Worten : wenn'sie von den Söhnen erzählen, die im Felde stehen. : - In ihren Angen leuchtet es': sie werden siegen! Ein Jude schleppt sich mühsam, ans seinen Stock'gestützt/ weiter. Bleibt stehen und spricht! einen anderen an. Eine kurze Weile; dann stelzt er weiter. Will ans mich zilkommem Ich mache ihm's leichter. „Was sucht Ihr", frage ich. „Mein Weib nnd mein Kind!" Und ich-kann ihm nicht helfen. Er war in der Nachbarstadt und flüchtete von bon. Konnte Weib und Kind nicht mehr erreichen. — Weiß niemand von ihnen? Sind sie noch am Leben? Sind sie geflüchtet? Er schleppt sich weiter. Jeden hält er an. „Herr, wißt Ihr nicht, wo sie sind, mein Weib und mein Kind?" Von der Nebengasse höre ich leise: mein Weib und mein Kind? Mitten durch die Menge geht ein Knabe/ Sechzehnjährig vielleicht. Mager, mit eingefalleneü Wangen, dunkle Löcken an der Stirn. In langen Kaftan gehüllt. Eine schwere Last am Rücken! Er'kommt eben vom Bahnhofe. Ist. viele-Tage lang am Wege. Und sucht Wohnnng.- Wie ich den Knaben dahinziehen sehe, die-Bürde am; Rücken, mahnt's mich so stark: „Wandere, Jude! Wandere weiter!" - - ' :; Wann endlich wirst du Ruhe finden?)- - £ Ein Jnbelruf! Zwei Menschen Hallen sich umschlungen.! so glücklich, so innig. — Zwei Inden aus demselben^Dorfe; haben sich getroffen! Waren einander im Dorfe fremd.' '- ‘■ Hier in der Stadt schließen sie sich inniger zusammen. Ist das nicht die Heimat, die sie.wieder fanden? * '' - - . Langsam werden die Straßen menschenleer« — Ich j gehe heim. Vorbei an den Marktbuden. Dort an der schwach - brennenden Laterne lehnt ein greiser.Jilde. Blickt' vertieft' in! sein Buch: er lernt! ' / ' " .! Leise, ihn nicht zu stören, gehe ich davon!

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