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Die Wahrheit · 1914-10-30 · Heft 40 (30.10.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 40 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit Seite 5. Jedem mich dem einfachsten Diener kam er freundlich entgegen. ihm waren Stolz, Eigendünkel, Ueberhebnng fremde Begriffe für einen Seelsorger. Beim Durchlesen der Thora erinnert sich der aufmerksame Zuhörer Dr. Schmiedes seiner Aussprüche, seiner Erklärungen, die sich zuweilen auch auf einen Satz, auf ein Wort, ja sogar auf einen Buchstaben anlehnten und ihn zu geistreichen Erläuterungen, weisen Lehren, ernsten Ermahnungen veranlaßten.. Wer — der ihn gehört hat — sollte sich nicht erinnern, wenn der greise Rabbiner an Freitag-Abenden oder an Samstagen beim Einheben der Thorarolle oft nur in einigen Sätzen Aktuelles besprach, beim Maskir-Gebete voll eigener tiefer Ergriffenheit der Heimgegangenen in wehmütiger Weise gedachte, zu Neyla aufmnuternde, hoffnungsreiche Worte mit dem priesterlichen Segen für seine Gemeinde verband, bei Barmizwa-Festen dem Knaben einen beachtenswerten Spruch fürs Leben mitgab. bei Hochzeiten stets das Beste für die Gründung eines jüdischen Familienhauses wünschte oder auf dem Friedhofe auch bei dem einfachsten Leichenbegängnisse Trost und Zuversicht den Trauernden spendete, am Simchas- Thorafeste einen Rückblick auf die Festage warf und Segenswünsche voller Innigkeit für die rauhen Wintertage seinen Gemeindemitgliedern und deren Frauen und Kindern mitgab; wenn er bei Jltbilänmsfeierlichkeiten des Kaiserhauses, an den Geburtstagen des Kaisers, an frohen oder traurigen Gedenktagen, die von Vereinen veranstaltet wurden, in zu Herzen gehenden Worten seine Zuhörer begeisterte und durch eigene Spenden viel dazu betrug, daß Wohltätigkeit in reichem Maße gefördert wurde. Wer kennt nicht seine zur Treue fürs Judentum anffordernden Gedichte, die in dem von Dr. Schmied! besonders bedachten Vereine zur Unterstützung alter Männer rezitiert wurden. Er scheute in früheren Jahren keine Strapazen, um in wissenschaftlichen oder Wohlfahrts-Vereinen Vorträge abznhalten, die sich, stets des größten Zuspruches erfreuten. Wie frohlockte sein Herz, wenn er am ersten P.esachtage seine Predigt mit dem lauten Segensspruche „8oüsüeoüsjouu begann, wenn er am Rosch haschono die Indolenz im Judentum besprach, am Jaum Kipnr seine Zuhörer aufforderte, ans der Lethargie, dem krankhaften Schlafe, in dem sie während des ganzen Jahres sich befunden haben, aufzuwachen, am Schwuosfeste das Gebot von Kibud ow woem besonders den Kindern empfahl, am Snkotfeste die 4 Pstanzenarten des Feststraußes mit den Altersstufen des Menschen oder in anderer sinniger Weise bilderreich verglich, am Schemini Azeres bei Geschemgebete die göttlich hocherhaben über die menschliche Hilfe erläuterte; ja, wie er an besonders feierlichen Sabbaten vor Purim und Pesach oder an Channka immer eine minclio chadoscho brachte, wer null da nicht mit dankbarem Gemüte, mit wehmütigem Gedenken sich vornehmen, : auch nur einen kleinen Teil des Gehörten fürs ganze Leben als Erinnerung aufznbewahren und es seinen Kindern und Enkeln zu erzählen, daß der hochgelehrte und weise Rabbiner Dr. Schmiedl weiterlebt und das Psalmwort zur Wahrheit bringt, „lau omus ki echie, waassaper maasse joh.“ : Dr. Schmiedl ist nicht gestorben, nein, er lebt fort in der begeisternden Liebe, die er für das Judentum und seine Lehre empfunden hat, die er' aber auch in seiner Eigenart in Herzlichkeit und Liebe eingepstänzt hat in das Gemüt seiner dankbaren Zuhörer. . Sein ehrwürdiger Nachfolger erwirbt sich ein dankbares Verdienst damit, bei den Besuchern des Leopoldstädter Tempels, da er zeitweise in seinen Reden seinen verehrten . Vorgänger erwähnt, denn die Ehre, die er dem seligen Lehrer der Gemeinde damit erweist, ehrt auch ihn und ein großer Teil, der allgemeinen Beliebtheit, der sich Dr. Schmiedl zu erfreuen hatte, wird ihm dadurch zuteil i■: =; Rudolf Kraus. Amtsleiter. Zirm Jahr;eilstage weil. Ravviuer Dr. I. I. Uuger's Bon O. S. R. Moritz Antsrtzerl in Wien. Am 5. Marcheschwan, dem 25. Oktober d. I. jährte es sich zum zweiten Male, daß der Meister hebräischer Dichtkunst, der Verfasser der in 3 Anstagen erschienenen herrlichen Dichtungen „Higgajon bechinnor“, der ans jüdisch-literarischem Gebiete durch sechs Jahrzehnte unermüdlich arbeitende und fu der Jglauer Gemeinde 52 Jahre verdienstvoll tätige, hochgelehrte Rabbiner Dr. Joachim Jacob U n g e r, der auch lange bei unserem Blatte Mitarbeiter war, feine Angen für immer schloß. Am 25. November 1826 wurde er in Homona in Ungarn seinen frommen Eltern Baruch und Eta Unger geboren und tief ergriffen wird der Kenner hebräischer Poesie die Verse im oben genannten Dichtnngswerke lesen, die der begeisterte Poet dem Andenken seiner guten Eltern gewidmet hat. — Schüler und Freunde des Verewigten unterlassen es nicht bei ihrem Aufenthalte in der großen Jglaner Gemeinde sein Grab auf dem Friedhofe anfznsuchen, den der Entschlafene vor bald 45 Jahren feierlich eingeweiht und dessen Grabsteine er mit seinen klassisch schönen hebräischen Versen geziert hat. Seinem Andenken möge das nachfolgende bescheidene hebräische Akrostichon mit einer freien Uebertragung ins Deutsche gewidmet sein. mmnaa laa: naam ji“! ,1'1'abn 'ab»c pan b» n»n^ .mmKbi innau?ab imrb rrn np* ,m’pia nun» rrnab ibcr* »b men m£? inbnp nyn ,rra» um» ary nab .imp1 .maarr bnum mbaa bn: in-rJ? ,irrms cm icc bn:i pap : inaa: mnn a"nn nnsm mr rnba2 Den Lippen Dein, o Meister, stets Weisheit nur entquoll. Und Gottesfurcht Du prägtest unzähligen Schülern ein. Treu wärest Du den Deinen und teuer der Gemeinde — Gewaltige Ströme können die Lieb' in uns nicht löschen — So klagen heut noch viele: „Warum zogst Du von dannen, O Hirte, der uns führte in Frieden stets und Klugheit?" . So ruh' nun sanft, bis dereinst Dich Gott l ä ß t n e n erwachen! ktnchttinge. September im Verklingen. — Ein Tag, an dem ich den Herbst so stark empfinde. — Nicht, daß ich durch Gärten ginge, in denen das welke Laub mich mahnte; nicht, daß siechende Wiesen, Felder ohne Frucht mich erinnerten. Durch die Straßen der Stadt gehe ich. Müde, langsam. Es ist windstill. Dann und wann gleitet die Sonne durch die Wolken. Aber gerade diese Sonne mahnt mich so weh. Sie ist müde, traurig. Als wollte sie nns Trost spenden; aber sie glaubt nicht an seine Kraft. Wie, wenn ein Kranker sich mühsam aufrichtet, und lächelt: O nein, ich bin nicht krank! Und sinkt zurück. Und ich komme ans der ungarischen Tiefebene, wo die Sonne vor Tagen noch stammte, wo ich darin jauchzte und jubelte. — Die Sonne, die stirbt, zeigt mir den Herbst. — Längs des Stromes gehe ich, spinne mich ein iit traurige Gedanken. Alles Helle weicht, ich kann es nicht erhaschen.

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