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Die Wahrheit · 1914-10-30 · Heft 40 (30.10.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 40 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 40. Deutschland mußte anfangs seine ganze Kraft gegen Frankreich richten, weil es in Belgien und Nordfrankreich, eine Reihe von starken Festungen bezwingen mußte, sollte der Kriegsschauplatz ins Feindesland verlegt werden nnd der Weg nach Paris gangbar werden. Es gab daher selbst bekanntlich Ostpreußen dem Eindringen des russischen Riesen preis und wenn derselbe damals sofortseine ganze Kraft gegen Deutschland gerichet hätte, würde er vielleicht nahe an Berlin herangekommeu sein, was die Franzosen sehnlichst wünschten und erwarteten. Aber die' Russen richteten ihre Hauptmacht gegen Galizien und die Bukowina. Dort hatten sie den Rubel maßlos rollen lassen nnd zahlreiche „Rnssophilen" erworben. Die russische Flut ergoß sich über das arme Galizien und die Bukowina in einer Stärke, welche die österreichisch-ungarische Militärmacht dreimal übertraf. Die Kosaken gelaugten bis nach Ungarn, welch scheinbar unsinniger Kriegsplan wohl auch nur mit dem russischen Rubel und der Spekulation mit dem Panslavismus der slavischen Nordungarn Zusammenhängen mag. Der österreichisch-nngarische Kampseifer im Heere vermochte "aber trotzdem diese feindliche Ueberflntnng monatelang zu,, verzögern, bis der reichsdeutsche Verbündete die stärksten Festungen Belgiens und Nordfrankreichs bezwungen hatte und dadurch die Möglichkeit gewann, beträchtliche militärische Kräfte nach Ostpreußen unter dem genialen Heerführer Hindenburg gegen die eingedrnngeuen Russen zu dirigieren, welche eine katastrophale Niederlage erlebten. Nun konnten auch die schwerbedrängten österreichischungarischen Heere wieder anfatmen, im Vereitle mit den verbündeten Reichsdeutschen drangen sie tief in Russisch- Polen ein, die österreichische Besatzung in Przemysl, die wochenlang von unzähligen Russen eingeschlossen und aufs heftigste angegriffen wurde, hielt sich Heroenhaft gegen die russische Uebermacht unter der tapferen Leitung ihres Kommandanten und die großsprecherische Anffordernng des bekannten Bulgaren und in russische Dienste getretenen Generals Radko Dimitriew. welcher die Berennnug Przemysl leitete, zur Uebergabe der Festung, wurde von demselben gebührend beantwortet. Die betreffende Ablehnung lautet lakonisch: „Herr Kommandant! Ich sinde es unter meiner Würde, auf Ihr schimpfliches Ansinnen eine meritorische Antwort zu erteilen. Der Kommandant der Besatzung Przemysl". Heute ist die wackere Festung bereits entsetzt, die Russen wurden nicht nur ans Ungarn wieder hinausgeworfen, sondern sie werden auch energisch wieder ans Ostgalizien und der Bukowina hinausgedrängt, Jaroslan, Borislaw und Czernowitz sind bereits wieder in den Händen der Oesterreicher und die Heere der Verbündeten bedrohen bereits Warschau, dessen Einnahme ebenso nur eine Zeitsrage ist, wie der Einmarsch der Deutschen in Paris. Der bedrängte Zar greift nun, nach Meldungen des österreichischen Kriegspresseqnartiers, zu der niedrigsten und schändlichsten Methode, sich ans der Klemme zu ziehen. Es wurde ein Preis von 80.000 Rubel auf den Kopf eines österreichisch-ungarischen Armeebefehlshabers ansgesetzt, was bereits ein zum Glücke erfolgloses Attentat aus den betreffenden Kommandanten zur Folge hatte. Damit deklassiert sich der Pogromzar, der alle politischen Gefangenen in den Kerkern feige quälen und töten läßt, moralisch zum Range des Königs Peter von Serbien, denn er erklärt den erkauften Meuchelmord zu einem tauglichen Krlegsmittel. Was werden nun die Franzosen, was die Engländer dazu sagen? Weder in Frankreich, noch in England wurde die Beteiligung au diesem Wellbrand von allen Ministern und Parteien gut geheißen. Viele Männer schämten sich in diesen Ländern schon vor Ausbruch dieses allschädigenden Krieges der innigen Freundschaft mit dem barbarischen Rußland. Die Kriegshetzeritt den genannten Ländern sind nun wahrlich nicht zu beneiden. Sie haben über ihr Vaterland nicht nur unermeßliches Unglück, sondern auch Schande gebracht. Nach Beendigung dieses opserreicheü Krieges wird und muß strenges Gericht mit diesen unverantwortlichen Radanhelden abgehalten werden! Vom Zaren NikolausÜ. wird erzählt, er soll erklärt haben, er werde, wenn es schief gehe, diesen Krieg nicht früher beenden, bis nicht der letzte kampffähige russische Bauer auf das Schlachtfeld gebracht wäre. Der Tyrann möge sich hüten wie auch die Eisenfresser in den Länden der mit ihm Verbündeten! Auch die Lammgednld der in Verzweiflung getriebenen Völker hat ihre Grenze. Auch der russische Mnschik kann ebenso wie die übermütig geschädigte britische Nation schließlich ans den Gedanken kommen, den kliegslnstigen Zaren oder den englischen König ans dem Altäre des Vaterlandes zu opfern. Sie waren nicht genötigt, diesen Weltkrieg anznzetteln. Die treuen Völker der Verbündeten und von. allen Richtungen angegriffenen mitteleuropäischen Staaten werden aber begeistert das Schwert ergreifen, so oft dies ihre Herrscherin diesem blutreichen Kriege heischen und alle Bestechungen und Mordstistnngen der Gegner müssen an dieser beispiellosen Treue und Vaterlandsliebe zu Schanden werden. R. L. Zmn ersten Iahr;etttage. D r. S ch m i e d l im L e o P o l d st ä d t e r Tempel. Mit bangem Herzen horchten wir vor Jahresfrist ans die Berichte vom Krankenlager des hochbetagten ehrwürdigen Rabbiners Dr. Adolf Schmiedl. Ein Leben voll nnd gesättigt von Geist und Herzlichkeit, von tiefer Ehrfurcht vor seinem Gotte, von inniger Liebe zu seinem Judentum, ging seinem Ende entgegen. Wehmütig dachten wir an den schlichten, allzu bescheidenen Greis, dessen Anwesenheit im Tempel genügte, um gleichsam die Schechina, die ans dem geehrten Lehrer, dem weisen Führer in dem herrlichen Gotteshanse ruhte, zu schauen. Wir erinnern uns gerne und mit dankbarem Empfinden an seine, liebliche, angenehme Stimme, die so milde war, die zu mt» so freundlich und angenehm sprach, wir denken gerne an die Auslegungen der Bibelstellen, die er in unvergleichlich schöner Weise zu allen Zeiten mit leicht merklichen Gleichnissen nnsschmückte. Sein nnerschöpsticher Wissensqnell, sein Anknüpfen an die alten Meister der Hagada mußte ihn jedermann zum Bewunderer seiner Rednergabe machen. Wie kein zweiter in seinem Berufe war er von der Heiligkeit desselben durchdrungen. Wenn er predigte, tat er dies mit Liebe, mit Hingebung; keine Zeit, keine Anstrengung bedenkend, war er immer bereit, ein Volkslehrer zu sein. Wie im traulichen Heime der erzählende Großvater zu seinen Enkeln von seinen Erfahrungen und Erlebnissen spricht, so brachte Dr. Schmiedl an Sabbaten und Feiertagen, ja auch an Trauernnd Gedenktagen seinen Gemeindekindern alte Erfahrungen zur Kenntnis, so plauderte er mit seinen Zuhörern, Groß und Klein, Männern, Frauen und Kindern. Da er zu uns in die Leopoldstadt kam, war er 74 Jahre alt, aber die ehrliche und treue Pflichterfüllung in seinem heiligen Dienste machte ihn jugendlich stark, von seinem Herzen begeistert, begeisterte er die Herzen und nahm alle für sich gefangen. Wer sieht ihn nicht noch auf seinem Platze, er stand immer, denn die Majestät Gottes hatte ihn nicht zum Sitzen geladen und er stand gebeugt in Andacht und in Anbetung des Ewigen. Etn herzerquickendes Empfinden gewann jeder, der mit dem greisen Seelenhirten sprach. Wer ihn in seiner Wohnung oder in seinem Sommeranfenthalte besuchte, konnte eines lieben Empfanges gewiß sein, denn er war überaus gastfreundlich. beschäftigte sich gerne mit seinem Gaste, hörte dessen Ansprache und mit Ruhe auch die Ansichten von Laien der Thorawissenschaft. Hier zeigte er seine nicht genug hervorznhebende Bescheidenheit und wies jedes Lob, jede Anerkennung für sein Wirken in geziemender Weise zurück.

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