Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 38 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rc.. 38. Die Wahrheit Seite 7. Spitzer das Wort zu einer überaus gediegenen und gehaltvollen ’ Ansprache, in der er das Verhältnis der Kultnsgemeiude zum Mariahilfer Tempel-Vereine beleuchtete, an die er treffende . Worte über die Pfllchteütrene des neuen Seelsorgers knirpfte. > Ans diese Ansprache erwiderte! der ehrwürdige Rabbiner j in einer zündenden und eindrucksvollen Rede, in der er der; ruhmreichen Wirksamkeit der altehrwürdigen Wiener Kultus- - gelueinde, der gottbegeisterten Tätigkeit jener Männer gedachte,; Hie den Mariahilfer Tempel geschaffen und erhalten und seines j von ihm hochverehrten Vorgängers gedachte, in dessen Wegen? zu wandeln ihm eine Herzenspflicht sein werde. Sodann wurde Se. . Ehrwürden von dem gesamten Vorstände in den Tempel geleitet, wo er durch Orgelkläuge; und ein uom Sangmeister OberkantorDünmann herrlich vorgetragenes „Boruch habou begrüßt wurde. Im Laufe des; 'Gottesdienstes hielt der neue Seelsorger seine Antrittsrede? über „Die Pflichten eines Seelsorgers in Israel", die die ■ chochgespannten Erwartungen des alle Räume des Tempels; füllenden sachverständigen P.ibliknms nach jeder Richtung zu ’ befriedigen vermochte. Albert Cohn. Zu seinem hundertsten Geburtstage. Albert Cohn! Ich sehe ihn noch vor mir stehen, den mittelgroßen, korpulenten Herrn, mit dem mächtigen Haupte und den klugen scharfblickenden Angen. den treuesten Freund und Verehrer — Salomon Sulzer's! Während seiner Universitätsstndien in Wien fehlte er bei keinem Gottesdienste und zwischen dem damals jungen Salomon Snlzer und Albert -Cohn entstand ein Frenndesbnnd für das ganze Leben. Ich selbst natürlich habe Herrn Albert Cohn erst viel später zum ersten Male gesehen, und zwar als ich Chorsänger im Wiener Stadttempel war. Dchnals kam Albert Cohn von Jerusalem und hielt im Wiener Seitenstettentempel, noch voll von den ^Eindrücken des heiligen Landes, einen Vortrag über Palästina und Jerusalem, welchem alle Anwesenden mit Ergriffenheit lauschten. Der Erfolg war ein solcher, daß große Beträge für die armen Glaubensgenossen in Jerusalem zuflossen. Als Albert Cohn als „Gräuel Almosinier“ zu Baron James Rothschild nach Paris kam und später Mitglied des Consistoire de France wurde, war seine erste Tat, den Schir Zion seines Freundes Salomon Snlzer vorznlegen und den Antrag zu stellen, daß die Snlzer'schen Gesänge in allen Synagogen Frankreichs aufs wärmste zu empfehlen seien. Seine Aufmerksamkeiten nahmen kein Ende, als die Snlzer'schen Kinder in Paris lebten. Als Snlzer 70 Jahre alt wurde, sandte das Hans Rothschild in Paris durch Albert Cohn ein -silbernes Teeservice mit schmeichelhafter Widmung. Salomon Snlzer verheiratete seinen Freund Albert Cohn mit einer Tochter des Patrizierhanses Löwengard in Hohenems. Der Stammvater der Löwengard hieß Moses Hirsch Löwy und -stammt ans Langenargen in der Nähe des Bodensees; letzterer als Schntzjnde der Grafen von Hohenems war der Begründer der Textilindustrie in Vorarlberg. Im Jahre 1805, unter bairischer Regierung, erweitern sich seine Nachkommen Löwengard. Einer der Söhne des Moses .Hirsch zog nach Frankfurt a. M. und dessen Nachkommen gehörten als Aerzte, Rechtsanwälte und Bankiers ersten Kreisen an. Ein anderer Sohn zog nach Mannheim, nannte sich Josef Hohenemser und hatte dort sein eigenes Palais. In .Hohenems befindet sich noch ein altes Löwengard'sches Hans, in welchem zwei alte hochfeine Damen leben, welche Originalbriefe von Heinrich Heine besitzen. Die eine der übrigens sehr schöngeistigen Damen überreichte Seiner k. k. Hoheit Erzherzog Engen, als er Höchstkommandiereuder von Tirol und Vorarlberg war. ein altes antikes Werk und erhielt vom Erzherzog eine Brillantenbroche mit höchstdessen Initialen. Albert Cohn war der Begründer des schönen Tempels in der Eue de victoire in Paris und des Rothschildspitales in Jerusalem! Er sprach vorzüglich hebräisch und seine Predigten im gelobten Lande fanden sogar den Beifall her strensten Orthodoxen. welche seine Bestrebungen nicht nur förderten, sondern dessen Namen noch heute Hochhalten. Die Bilder von Albert Cohn siind sowohl im heiligen Lande, wie allenthalben in Oesterreich-Ungarn stark verbreitet und er wird mit Ehren neben Montefiore, Rothschild, Baron Hirsch. Ludwig Augnst Frankl als Philantrop genannt. Emil Frankel, Religionsprofesiot. Ans dem rnlsttch - prenMche» Grenzgebiete. Jllgenderimierllllgeil aus dem Gouvernement Suwalki. Wenn Sie mich, Verehrtester, fragen : Wie lebt der echt russische Mann? so kann ich Ihnen antworten: Mfcschewo! — nicht sonderlich, es macht sich, oder was noch alles der Russe mit diesem Doppelworr zu sagen glaubt. Weuu Sie mich jedoch fragen: Wovon lebt der Russe? Herr, da brächten Sie mich in Verlegenheit! Man kann doch nicht einfach — ohne Räuspern — etwa sagen: Bon' Bestechung und Diebstahl! Ja, man kann doch auch nicht eine ganze, große Nation mit zwei Worten abtun und aburteilen, noch volkstümlicher ansgedrückc: alle in einen Topf werfen! Und doch sind diese zwei Worte die Grundpfeiler, auf denen sich das Riesengebände stützt . . . Wer zu stehlen versteht, kann es in Rußland zu etwas Ordentlichem bringen (vorausgesetzt, daß man Russe vou echtem Schrott und Korn ist) und wer es zu was Ordentlichem brachte, darf zuversichtlich hoffen, daß er bestochen werde — von genug Leuten! — Allerdings gibts im Stehlen genug Abstufungen, die bis in das Feinste uüanziert werden: man stiehlt grüne Gurken am Felde und man leert ganze Militärmagazine und Depots ans .... Und das Bestechen! Wenn Sie sich, Verehrtester, über dieses Kapitel genau informieren wollen, dann bitte ich Sie. den „Revisor" des echt russischen Dichters Gogol nachzulesen. Allerdings schicke ich voraus, daß Gogol ein Satiriker war, währendder Schreiber dieser Zeilen ein gewöhnlicher Sterblicher ist, der eine Sache so schildert, wie sie einfach ist und dem das Raffinement des Hinzudichtens und Uebertreibens ganz abgeht .... An der ostprenßischen Grenze — von Wilkowischki bis Wirballen im Gouvernement Suwalki, lebten in meiner Kuabenzeit unzählige Familien vom Schmuggel. Seide, Wollstoffe besonders aber Ottschischtsclieni (reiner Spiritus) wurden vou masurischen und litauischen Bauern über die Grenze geschafft und an den Mann gebracht. Außerdem befaßte man sich mit der „Personenbeförderung", die oft — wenn man bedenkt, daß kein russischer Untertan die russische Grenze ohne Gonverneurpaß. der etwa 30 Rubel kostet, überschreiten darf, daß die Grenzbehörde ganz genau unterrichtet sein maß über Zweck und Ziel — ein sehr einträgliches Geschäft ist. Vom Nad8irate1(Grenzoffizier) bis zumRakjeeolrt3cbiL (Grenzsoldat) ist freilich alles bestochen und man kann ja eigentlich ganz sicheren Schrittes seinen Weg gehen; allein auch für eventuelle Zwischenfälle — höhere Revision nsw. — ist vorgesorgt und zwar in folgender Weise! Jedermann, der im engen Grenzgebiete lebt, ist im Besitze eines Grenzbüchleins, womit er nnbeanständet die Grenze passieren darf. Nun mich diese Legitimation auch für andere Leute „passen"; und paßt das Büchel des Jura nicht, so paßt das des Andre eben. Hier gewinnt das Tauschgeschäft großen Spielraum. Der „Passagier" liegt beim Bauer einige Tage verborgen und lernt seine „Generalien" auswendig. „Du heißt, verstehst Du? Jura Sinkntsch, hast Weib und zwei Kinder . . . ." „Wer hat Weib und zwei Kinder?"