Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 38 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 88. daß unter den zahllosen Flüchtlingen die Mehrzahl dem, Judentnme angehört, es ist die natürliche Folge des jüdischen Auhänglichkeitsgefühles, der jüdischen Dankbarkeit. Wohl hat mau in mancher Beziehung die Inden auch hier zurückgesetzt, aber Ruhe hatten sie in Heim und Hof, ihre Kinder wurden keine Gesandten und Generäle, wenn sie darin auch ihren Mann hätten stellen können, zum Ruhm und Wohl des Vaterlandes, aber sie konnten immerhin ihren Berns frei Wählern Das ist -es, was den Inden an die Scholle hindet, die Dankbarkeit, daß man ihn in Ruhe läßt. Diese Dankbarkeit aber löst in ihm eine ewige Anhänglichkeit und Treue aus, die für das Wenige, das man ihm im Frieden bietet, in Zeiten der Not hundertfach und tausendfach vergilt. Die ernsten Zeiten sind noch nicht vorüber, aber schon sehen wir in allen Gesellschaftsklassen Anzeichen einer beginnenden Entspannung. Die Not läßt keinen Platz für Hader und Eifersüchteleien, aber sie schafft auch Freunde und ringt dem Feinde Anerkennung ab. Hoffen wir, daß diese ernsten Zeiten, in denen wir leben, die maßgebenden Kreise über den wabren Wert der jüdischen Staatsbürger belehren werden. Auch wir verdienen einen Platz im Ruhmesblatt unserer Monarchie. Wir haben ihn mit unserem Blute errungen. Dr. Land-Au. Der europäische Weltkrieg und die Jude«. Die gesamte Judeuheit der Welt blickt mit gespanntester Aufmerksamkeit auf den Verlauf des Weltkrieges, denn sie hofft und erwartet von ihm bessere Zeiten und die Juden im Osten, in Rußland und Rumänien, sind es ganz besonders, welche ihre Erlösung aus tiefster Schmach erhoffen und erwarten. Einige lichte Vorboten eines solch günstigen Resultates dieses noch nie dagewesenen Völkerringens erhellen gegenwärtig schon den sehnsüchtigen Ausblick der jüdischen Märtyrergemeinschaft. Sowohl der Zar als auch die Heeresleitungen der verbündeten reichsdeutschen und österreichischungarischen Armeen erkennen öffentlich die hohe Bedeutung der Jndenschaft in Russisch-Polen an, indem sie sich in freundlichster Weise in Proklamationen an die dort zahlreich ansässigen Juden wenden und es nicht verschmähen, mit „den lieben Juden" sogar hebräisch und jüdisch-deutsch zu sprechen. Unter dem Titel: „Die Hoffnungen der russischen Inden" brachte das Abendblatt der „Arbeiter-Zeitung" eine kleine Abhandlung, in welcher, sie die Bedeutung der dort wohnenden Inden für die künftige Gestaltung Osteuropas behandelt. Das Deutsche Reich interessiert sich nun für diese früher gering geachteten und geschmähten Inden ganz besonders, denn nach dem Berichte des angezogenen, früher eben auch nicht philosemitischen Arbeiter-Blattes schreiben deutsche Blätter: „In West- und Süd-Rußland wohnen sechs Millionen Juden, die von der Regierung des Zaren in. der grausamsten Weise unterdrückt und verfolgt werden. Dieses jüdische Element ist für Deutschland insofern von besonderem Interesse, als es durchwegs deutsch versteht. Diese merkwürdige Tatsache erklärt sich dadurch, daß die Juden im Mittelalter über Deutschland nach Polen gewandert sind und seit dieser Zeit die deutsche Sprache beibehalten haben. Sie sprechen den „Jargon" oder das „Jiddisch", eine ans dem Mittelhochdeutschen st a m m e n d e M n n d a r t, die mit slavischen und hebräischen Worten nur wenig vermischt ist. Wenn die russischen Inden durch die kriegerischen Ereignisse der Gegenwart von dem Drucke der russischen Herrschaft befreit und einer gesunden Entwicklung entgegengeführt würden, so werden sie zweifellos ein wirtschaftlich außerordentlich nützliches Element darstellen, das für die Verbreitung der deutschen Sprache und des dentschen Wirtschaftseinflusses überall von größter Bedeutung sein wird." Die deutschen Blätter erkennen min erfreulicherweise die rührende Anhänglichkeit der russischen Inden an, welche durchgängig von Deutschland stammen und die deutsche Sprache durch Jahrhunderte als Muttersprache in fremdem Lande treu bAvahrten, denn dieser Konservativismus der russischen Inden kann ihnen nun sehr nützlich werden, aber sie machen sich' einiger historischer Ungenauigkeiten schuldig. Nicht freiwillig sind im Mittelalter die Inden über Deutschland nach Polen gewandert/sondern bestialische Verfolgungen und- Massenmorde ans finsteren Gründen; wie Beschuldigung der Hostienschändnng, Brnttnenvergiftnug, des. rituellen Blntgennsfes usw. haben sie ans der geliebten deutschen Heimat vertrieben. Die deutsche Nation hat sich im Mittelalter an den Inden schwer verschuldet, sie hat aber gegenwärtig in diesem heiligen Kriege gegen den moskowitischen Barbarismns reichlich Gelegenheit, diese alte Schuld wegzutilgen. Wenn es mit Gottes Hilfe den Reichsdeutschen und Oesterreichern gelingt, die russische Gewaltherrschaft zu zerschmettern, dann haben sie die Schuld der Vergangenheit gesühnt und sich noch überdies die Dankbarkeit der gesamten Judenschaft erworben. Die wärmsten Sympathien aller Jltden wirken gegenwärtig für die Heere der zwei mitteleuropäischen verbündeten Staaten, denn die jüdische Solidarität ist auf der ganzen Welt voll wirksam. Sehr erfreulich für die Inden ist die Tatsache, daß infolge des Weltkrieges die früher in bedauerlicher Weise wirksame Antipathie gegen die jüdische Glanbensgenoffenschaft nicht nur innerhalb der Regierungen und Verwaltungsbehörden, sondern auch innerhalb der arischen V o l k s m a s s e n Mitteleuropas selbst rasch im Abklingen begriffen ist. Die Wiener und niederösterreichische christlichsoziale Presse z. B., die vor Ansbruch dieses Krieges noch von rohen Angriffen gegen die jüdische Bevölkerung strotzte, befleißigt sich seither eines auffallend anständigen und objektiven Tones in dieser Richtung. Die christlichsozialen Verwaltnngsbehörden begehen auch nicht mehr jene dreisten Rechtsbrüche, jene gehässigen Verkürzungen rechtlicher Ansprüche jüdischer Mitglieder der Gemeinschaft wie vor kurzer Zeit. Streicht die christlichsoziale Partei den gewiß nnchriftlichen Judenhaß ans ihrem Programm, dann hat die Jndenschaft als solche auch keinen Grund, diese Partei künftig mit solchem Eifer wie bisher zu bekämpfen. Eine nicht zu unterschätzende, für die Juden erfreuliche Konsequenz dieses massenmordenden Weltkrieges ist die Tatsache, daß er die - gemeinnützige Bedeutung alter, jüdischritueller Satzungen, die namentlich von nnreligiösen, g a n z gescheiten Elementen der Judenschaft häusig als veraltet und zelotisch verspottet und nicht beachtet wurden, nun vor -aller Welt enthüllt. Die gesamte Presse fordert öffentlich auf, überall Waschgelegenheiten mit Handtuch bei den Türeingängen einzurichten, damit alle von der Gasse Eintretenden wegen der bereits bestehenden Choleragefagr ihre Hände gründlich reinigen können. Diese Prozedur wird auch b e i m V e r l a s s e n d e r B e d ü r f n i s am st a l t e n dringend empfohlen. Nun bildet das Reinigen der Hände. bei den frommen Inden bekanntlich vor jedem Gebete, vor jedem Spei seng en usse und nach jeder Verrichtung der Notdurft ein religiöses Gebot. Fromme Inden sind also schon durch Befolgung ihrer Religionsvorschriften vor Ansteckung durch S e u ch e n w i r ks am ges ch ütz t. Diese auffallende Tatsache mag im finsteren Mittelalter das Mißtrauen der ungebildeten Volksmassen, während Seuchen grassierten, gegen die sichtlich verschonten Juden gelenkt und die bekannten Beschuldigungen der Brnuneuvergiftung um so mehr hervorgerufen haben, als sie in dieser Richtung von gewissenlosen Hetzern gehetzt und angestiftet wurden. Bon denkenden und vorurteilslosen Menschen müssen nun diese uralten, spezifisch jüdischen Gesetze als wohlbegründet erkannt werden. Auch die jüdischen Speisegesetze werden nun nicht mehr so hochmütig belächelt und verspottet werden.