Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 38 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063725-3063763--09259-3076496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
^«l-alkton inib Jfibinijiiftruiton : LI ,?uM)QrflijaflS 27 ') >,|>Q0»: Jiebaftioit 5509;IV. Hbmmiftraiioii -1938 II. 1 9. t. fifletr. i'oütuarfafta. Sq,«k-Ko»lo Nr. 1UÜ.918. Iiireratc: Dl- Btermal gcivall-u- Xonvurelltk-Zelic 2o Heller. AOov.nmuui*. imb ^nltxnüiiö- J-'.Tdg« nilb in 3Ukh jaoioar I»d {UlQDlU. Zakhäugige Aertschrift für Mische Anteressen. Erscheint jeden Areita;;. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!1 Vernl»»t>rels: (i>rtiijlaf)vifl.1t »*.— H»lb>I,hri„. K 7.- Flir ikiiltttSdiuinte: iMiiiujiibviii. K Iii. - Mir AiiSliliid: lÄ»»zIÜVri,l.8 'Jllutf 6 IMuQel ober I» Ur. 38. Wien, 16. Oktober 1»I4. Inhalt: Ernste Zeiten. — Der europäische Wellkrieg nnd die Inden. — Pogrome in Rußland mit englischer Duldung. — Für die Einheit der nngariscken Judenschast. — Die Weissagung eines Wunderrabbi. — Amtsantritt des neuen Seelsorgers im Mariahilser Tempel. — Alb-rt Cohn. — Aus dem russisch-preußischen Grenzgebiete. — Verschiedene Nachrichten. — Oesterreichischer Kantoren-Verein. mm 1 mm\ Aborinements-Einlcrdung. Are geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Monnements für das amt. Hktoöer 1914 begonnene lV.Huartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Blattes keine Zlnterörechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Ganzjährig Kr. 14.— Kalöjäyrig Kr. 7.—, vierteljährig Kr. 3.59. K. k. Postfparkassen-Konto 1VV.S18. . Probenummern gratis zur Verstigung. Ernste Zeiten. Seit Ausbruch des Krieges zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien einerseus und zwischen unserer Monarchie und Rußland andererseits herrscht die größte Begeisterung in allen Teilen des großen Reiches. Alles, groß und klein, alt und jung, arm und reich, sühli, daß eine ernste, aber große Zeit für die Döppelmonarchie au der Donau herangebrochen ist. Alles fühlt und hofft, daß gutes Recht gegen eine heimtückische'barbarische Mente siegen wird, nnd mit Liebe, Bewunderung und Anhänglichkeit blicken 52 Millionen zu unserem erhabenen, greisen Monarchen auf, der, wie ein göttlicher Patriarch, inmitten seiner großen Völkerfamilie steht und das Schwert zum Schutze und Heile seiner Landeskinder schwingt. Wer waffenfähig ist, ist begeistert dem Rufe des Landesvaters gefolgt und feit langer Zeit kämpfen ohne Hader die zahlreichen Völker des Reiches gemeinsam gegen rohe,, undankbare Feinde. Mit ihnen kämpfen mit einer bewundernswerten Tapferkeit auch die Juden Oesterreich- ‘ Ungarns, die über 200.000 wehrhafte Jünglinge und Männer ins Feld stellen. Die aber zu Hanse blieben, wetteifern in Liebesgaben und Geldspenden mit den christlichen Mitbürgern, die vielleicht in diesen ernsten Zeiten, wenn auch nicht offen, so doch im Stillen anerkennen werden, daß der Jude kein Staatsbürger zweiten Ranges ist, sondern wohl verdient, in erster Reihe, sagen wir es ganz offen, in allererster Reihe zu stehen, wenn es sich um Opferwilligkeit, um Entbehrung, um Erdulden von Strapazen handelt, wenn es gilt, für Kaiser und Vaterland zu kämpfen, wenn es gilt, Ruhm nnd Heldentum unserer Armeen zu betätigen und zu beweisen. Und die vor dem mit Uebermacht eiubrechenden Feind znm Herzen der Monarchie geflüchtet sind? Verachtet sie nicht als Feiglinge, denn es sind Helden. Wer nicht in Angst und Schrecken, fein Liebstes umklammernd, die tosenden Kanonenschüsse in nächster Nähe, nur eine Nacht durchgemacht hat, der hat kein Recht, über diese bejammernswerten Opfer zu urteilen. Sie ließen eine emsige, jahrelange, mit Mühe nnd Schweiß errungene Arbeit, Geschäfte mit Waren, Wohnungen mit Möbeln, Kassen mit Wertpapieren, Kästen mit Kleidern, Kammern mit Vorräten zurück, um nur das nackte Leben zu retten. Die gestern stolz und wohlhabend znm gedeckten Tisch gingen, stehen heute zitternd und bleich, in Regen und Kälte, warum? Weil sie es nicht über das Herz bringen konnten, sich dem Feinde auszuliefern und dem alten, guten Kaiser, dem lieben Vaterlande untreu zu werden. Saget nicht, daß sie ihr Leben vor dem Judenfeinde retten wollten. Der Feind ist grausam, er vernichtet das Heer des Gegners, aber wehrlose Männer. Frauen und Kinder läßt er in Ruhe und Frieden, wenn sie sich ihm ergeben. Haben das die Juden getan? Haben sie, wie die elenden Ephialtesnaturen, die niedrigen Russophilen, ihre Heimat verraten? Nein, sie ließen alles stehen und liegen, sie gingen dem Ungewissen, sie gingen dem Tode vielleicht entgegen, aber dem Feinde wollten sie sich nicht ausliefern. Nein, sie sind keine Feiglinge. Flüchtlinge ans einer Grenzstadt erzählen, daß einer den Vorschlag machte, man sollte mit feindlicher Fahne nnd Salz und Brot den herannahenden Gegner empfangen — ein Schrei der Entrüstung war die Antwort. Der diesen Vorschlag machte, war kein Jude, denn der Jnde ist dankbar nnd kennt keinen Verrat am eigenen Lande. Viele erzählen, daß feindliche Truppen bereits im Orte waren, daß sie ihnen zuriefen: „Fürchtet nicht, Inden, ihr werdet bei uns bleiben." Die Juden aber suchten, wie sie waren, ohne an Hab nnd Gut zu denken, den Lockungen der Feinde zu entgehen. Es ist nicht Zufall,