Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-09-29 · Heft 37 (29.9.1914) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 37 (29.9.1914)
Date
1914-09-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063762--09250-3076486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wahrheit Seite 5. Nr. 37. Philipp Bak, Franz Günther und Edmund Hoffman», endlich des Kommerzialrates S. Rosenzweig ein Komitee gebildet, welches diese Frühstücks- und Jausenausspeisnng auf sich genommen hat. Dieses Komitee hat die Kosten bis heute ans Eigenem bestritten und war der Anblick der armen Flüchtlinge, namentlich der Frauen und Kinder, nach dieser Labung so rührend, daß es geradezu sündhaft wäre, dieselbe mangels entsprechender Mittel einstellen zu müssen. Es ergeht also hiemit au alle Menschenfreunde die dringende Bitte, zu diesem speziellen Zweck durch edle Spenden beizutragen, um dieses wohltätige Werk bis zur Repatriirung unserer besonders hart betroffenen Flüchtlinge fortsetzenzu können. Denke jedermann, wenn er behaglich seinen Morgenkaffee oder Tee schlürft, daran, daß Tausende und Tausende, die es vor kurzer Zeit ebenso hatten, jetzt in improvisierten Masseuquartieren meist ohne Nachtmahl ans ihre Strohsäcke gehen müssen, und wenn sie ihre sorgenvollen Häupter des Morgens erheben, hungernd das geschenkte Mittagmahl abwarten sollen. An die Herren Cafetiers ergeht die besondere Bitte, freiwillig je einer Anzahl von Flüchtlingen während der Kriegsdauer dieses notwendige Frühstück, eventuell auch die Jause, zu verabfolgen, und kann jeder sicher fein, daß Gott die heißen Dankgebete der Gelabten erhören und die gute Tat belohnen wird. Sam. Körner. Kaufmann, 2. Bezirk, Haidgasse Nr. 7, erster Präsident; B. Zeller, Kaufmann, 2. Bezirk, Glockengasse Nr^ 6, zweiter Präsident; Bernhard Wolken, Kaufmann ans Lemberg, Vizepräsident; Josef Goldstaub, Kaufmann, 2. Bezirk, Glockengasse Nr. 14, erster Schriftführer; Oskar Berkowitz, Prokurist, 2. Bezirk, Hammer-Pnrgstallgasse Nr. 4, zweiter Schriftführer; Benno Czaczkes, Jmvelier, 2. Bezirk, Glockengasse Nr. 6 und Max Gansl, Fabrikant, 2. Bezirk, Haidgasse Nr. 5, Kassiere; Leopold Deutsch. Kaufmann. 2. Bezirk, Lilienbrnnngasse Nr. 6 und D. Schramek, Kaufmann. 2. Bezirk. Leopoldsgasse Nr. 10. Kontrollore; Emil Benczer. F. Fleischmann, Weingroßhändler Karl Fuchs, B. Goldenberg, Sig. Gnttwald, Ingenieur ans Lemberg, Mor. Hahn, Cafetier Hern Löwy, Osw. Reicher ans Lemberg, Jakob Singer aus Lemberg, Dr. Hch. Wechsler, Komiteemitglieder. Sitz des Komitees: Grand Cafe National, Wien, 2. Bezirk, Taborstraße Nr. 18. Edle Spenden und Anmeldungen von Frühstücks-und Jansenverabfolgttugen wolle man an die mit Adressen gefertigten Komiteefnnktionäre oder an die Administration dieses Blattes richten. Mitbürger! Helfet den Aermsten der Armen, eine der empfindlichsten Entbehrungen zu ersparen. Wien, 20. September 1914. Interkonfessionelles Hilfskomitee zur Frühstücks- und Jausenansspeisung unserer Flüchtlinge ans Galizien und der Bukowina. Die Haltung der amerikanischen Inden. Der „Jewish Exponent" vom 21. August 1914 schreibt: Der Krieg und die Judenfrage. Der Krieg wird natürlich für die Judenfrage in Europa von ganz besonderer Bedeutung sein. Viele Inden aus den kriegführenden Ländern dienen selbstverständlich in den Armeen neben ihren Landsleuten. Rußland, das ihnen die einfachsten Rechte verweigert, besitzt nichtsdestoweniger die Kühnheit, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Eine in den Tageszeitungen veröffentlichte Schätzung besagt, daß etwa 250.000 Inden in der russischen Armee und über 60.000 in anderen Heeren dienen. Die russischen Zahlen sind übertrieben, die der anderen Mächte werden sich wohl noch erhöhen. Der Krieg wird zweifellos über die Frage des Gleichgewichtes der Mächte in Europa entscheiden und gleichfalls bestimmen, welchen Weg die Entwicklung der Zivilisation gehen wird. Wenn die Tripleentente einen entscheidenden Sieg erringen wird, so wird dies alles andere bewirken, als eine Eindämmung der russischen Ausdehnung nach dem Osten und nach dem größten Teil von Zentraleuropa. Diejenigen, die sich in dem Gedanken einer solchen Möglichkeit sonnen, mögen ihren Wahn hegen, bis man sie davon heilt. Aber es steht noch gar nicht fest, daß die Tripleentente siegen tvird; im Gegenteil, es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß' der Kampf unentschieden bleiben wird. In beiden Fällen würde das Los der russischen Inden weiter so hart bleiben wie bisher, und selbst die geringen Milderungen, die man ihnen jetzt zugesteht, werden widerrufen werden, und die Hooligans und Reaktionäre werden die Dinge nach ihrer Methode regeln. Andererseits würde die entscheidende Niederlage Rußlands das baldige Ende des jetzigen Regimes und die Errichtung einer Regiernngsform zur Folge haben, die liberalen Ideen weit zugänglicher wäre, als irgend ein Regiernngssystem, dessen sich das russische Volk bisher zu erfreuen gehabt hat. Dies würde notwendigerweise zur Befreiung der Juden von der Knechtschaft führen, in der sie bis jetzt geschmachtet haben. Die Niederlage Rußlands würde natürlich Unheil für England und Frankreich mit sich bringen, aber dieser Umstand würde keilten Einfluß auf die Judenfrage haben, abgesehen davon, daß die Schwächung des Einflusses des englischen Handels zweifellos zu einer größeren Beschränkung der Einwanderung führen wird. Die Stellung der Juden in England ist gesichert; sie sind so patriotisch wie irgend ein anderer Teil der Bevölkerung und sie werden der Fahne ihres Landes folgen, wie immer es kommt und so viele voll ihnen auch das Bündnis mit Rußland mißbilligen werden. Delltschlands „Platz an der Sonne" würde durch eine Niederlage verloren gehen, während ein Sieg den Kaiser und sein Land an die Spitze der europäischen Nationen bringen würde. Deutschland scheint zu fühlen. daß es einen Kampf für seine Existenz allsficht, itnd zrt welchen Anstrengungen es unter solchen Umständen fähig ist, hat es in den Befreiungskriegen gegen Napoleon vor 100 Jahren gezeigt. Seine Antisemiten geben vor, die eigentlichen Patrioten zu sein lllid ein Sieg des Kaisers würde zweifellos ihre Anmaßung noch verstärken. Indessen wird voraussichtlich der Kaiser feiner Politik zustimmen, die eine Beschränkung der jüdischen Rechte zum Ziel hat, denn niemalld lveiß besser als er, wie immer das Ende des Krieges sein wird, die geschäftliche und indnstrielle Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung zu schätzen, die zur Wiedererrichtnug des Landes erforderlich ist. Ein Sieg Rußlands würde wohl Deutschland eines Teiles seines politischen Besitzes berauben und würde zweifellos ein großes Stück Galiziens von der Doppelmonarchie abreißen. Die zahlreiche jüdische Bevölkerung dieses Landes würde bei diesem Wechsel der Hauptleidtragende sein. Die Verhältnisse in Galizien sind keineswegs ideal, aber sie sind ungemein besser, als sie irgeitdwie im Falle eines russischen Sieges sein würden. Dies ist eine Skizze der Lage, wie sie sich zur Zeit darstellt. Es ist nicht gut, wenn die Juden in diesem Kampf als Inden Partei ergreifen. Es ist im Gegenteil zlt wünschen, daß die Jttdeu tluseres Landes treu und ehrlich die Neutralitätserklärung befolgen, die Präsident Wilson abgegeben hat. Ein Land gibt es, daß alle Juden außerhalb seiner Grenzen verabscheuen und verwünschen; - aber selbst unter diesem Gesichtspunkt sollet! den Juden unseres Landes die Pflichten der amerikanischen Bürgerschaft höher stehen, eines Landes, daß sich sehr wohl dazu entschließen kann, eine Politik des wachsamen Abwartens einznnehmen und die Zukunft entscheiden zu lassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.