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Die Wahrheit · 1914-09-18 · Heft 36 (18.9.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 36 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Teile 6 Die Wahrheit Nr. 36 „Euer Hochwohlgeboren! In einer so ernsten Zeit helfen anch noch so gut gemeinte Trostesworte nicht. So Dill ich denn Euer Hochwohlgeboren lediglich nachstehende Tatsache mitteilen. Fähnrich Pick ist am 30. August gegen 6 Uhr nachmittags als Held gefallen. Er stand an meiner Seite und hat sich in aufopferndster und mustergültiger Weise derart hervorragend ausgezeichnet, daß feine Beförderung zum Offizier und einer a. h. Auszeichnung wohl zu erwarten gewesen wären. Ich habe diesen selten tapferen jungen Mann bewundert und das ganze Bataillon war stolz auf ihn, der sich als erster im Regiment innerhalb nenn Tagen seiner Wirksamkeit bereits eine Belobung im Regimentskommandobefehl erworben hatte. Fähnrich Pick erhielt einen Schuß durchs Herz und hat überdies zwei weitere Verletzungen, anscheinend von Schrapnellstücken herrührend. Wir haben ihn zur letzten Rnhe geführt. Das Heldengrab bleibt dauernd bezeichnet. Wenn etwas sie trösten kann, so sei es die Versicherung. daß ihr Sohn einen raschen, viel beneideten Soldatentod gefunden hat und daß feine Kameraden, die den bescheidenen jungen Mann herzlichst liebten, ihn zeitlebens das ehrendste Andenken bewahren werden. Die Versicherung innigsten Mitgefühls! Weitere Auskünfte werde ich, wenn möglich, persönlich geben." Alle Prophe;eUsnngen und Hoffmmgeir. Kaum einige Werst entfernt von dem heißumstrittenen Platze, wo die Kanonen weitumher die Erde erbeben machen, wo die Maschinengewehre knattern^ und ihre Kugeln gleichsam wirren Schneeflocken die Lüfte dnrchschwirren; von wo aus die Russen zu frühzeitig Siegesboten nach allen Weltrichtnngen hinansschickten, wo sie jedoch stündlich Niederlage um Niederlage erleiden und von unseren tapferen reichsdentschen Waffenbrüdern aufs Haupt geschlagen und wieder hinausgejagt werden, stand einst meine bescheidene Wiege. Ich aber verließ längst, längst meine .Heimatscholle und leistete vor mehreren Jahren bereits den Eid, ein guter, patriotisch-gesinnter österreichischer Staatsbürger zu werden, ein Eid, der mir hochheilig ist! Meine Gebnrtsstadt K—ja, die nun auf allen Landkarten. die uns den Kriegsschauplatz an der ostpreußischen Grenze zeigen, ersichtlich ist, ist von mehr als dreiviertel Juden bewohnt. Sie zählt etwa 13.000 Einwohner und liegt am Flusse Szesznpa. Die jüdischen Bewohner dieser Stadt befassen sich mit Handel, größtenteils jedoch mit dem Handwerk. Der Schmied, der Ofensetzer, der Maurer, ja selbst der Schornsteinfeger ist Jude, nicht minder aber der Holzspalter, der Wasserträger und der Steinklopfer. An dem östlichen Eingang der Stadt befindet sich ein ganz bedeutendes Gefängnis, in welchem auch viele politische Verbrecher untergebrachl sind und aus welchem allwöchentlich (am Samstag) eine Etappe nach Sibirien abgeht. Dieses Gefängnis, hieß es bei uns allgemein, wurden vor vielen Jahrhunderten von den Preußen errichtet. Wenn wir, Kinder, hierüber sprachen, wie schlecht es uns Juden ergehen wird, sobald Alexander der HI. das Erbe seines Vaters antreten wird (Alexander der H. war den Juden ein überaus wohlwollender Regent, während Alexander der HI., der in einem Kloster großgezogen wurde, schon als Kronprinz, als fanatischer, durch und durch verpfaffter Mensch galt), so sagten wir uns: Aber Gott wird uns Juden schon helfen, entweder wird indessen der Messias kommen, oder wird der deutsche Kaiser durch Schwertstreich unsere Gnberni an sich reißen. . . . Die erste Eventualität war freilich nicht zn Erfüllung, aber, daß meine Gebnrtsstadt K—ja bald an Preußen kommt, ist nach dem jetzigen Stand nicht unwahrscheinlich. Oberkantor M—tsch. Das Märchen von den „lieben Inden". Zn Beginn des Krieges machte bekanntlich durch die europäische Presse ein Aufruf des Zaren die Runde, der an „meine lieben Juden" gerichtet war. Diese Kundgebung erregte umso berechtigteres Aufsehen, als darin auch ein Passus enthalten war, in dem Väterchen Zar auf die „Wohltaten" hinwies, die die Juden unter den Romanows erfahren hatten. Ein sehr interessanter Silnationsbericht des „Berliner Börsenkurier" bringt nun die überraschende Feststellung, daß dieser von Güte und Liebe triefende Aufruf des Zaren in Rußland selbst gar nicht bekannt war! Er handelte sich offenbar nur um eine ganz plumpe Stiinmungsmacherei in Europa für das „Kulturland" im Osten. Der Bericht des „Berliner Börsenkurier" lautet: Der Lügenseldzng der alliierten Mächte, der mit so großem Erfolg im Gegensatz zum Schlachtfeldzug geführt wird, bewirkte es, daß man außerhalb Rußland an eine bereits erfolgte Besserung der rechtlosen Lage der russischen Inden glaubte. Es tauchte sogar in sehr bestimmten Formen das Märchen von einem Manifest des Zaren „an seine lieben Juden" auf. Es scheint öoit russischen Agenten speziell für das Ausland fabriziert worden zu sein'. In Rußland selbst weiß man nicht das geringste davon. Namentlich in Amerika gibt man sich dem Glauben hin, daß die politische Gleichstellung der Juden eine bereits vollzogene Tatsache sei. Alle diese Annahmen entbehren jeder tatsächlichen Grundlage. Im Gegenteil: Die Lage der russischen Inden hat sich infolge des Krieges noch hundertfach verschlechtert. Alle mittelalterlichen Härten und Grausamkeiten, die die Judengesetzgebuug in Rußland mit sich führt, treten gegenwärtig doppelt scharf hervor. Der Ausiedlungsrayon besteht nach wie vor. Sogar jetzt werden zahllose jüdische Familien aus ihren Heimatsorten, die von der korrupten russischen Polizei als außerhalb des Rayons liegend gedeutet werden, ausgewiesen. Während der Krieg an der östlichen Grenze, dem Hauptsitz der jüdischen Bevölkerung, tobt, während 350.000 bis 400.000 jüdische Soldaten für düs „Väterchen Pogrom" kämpfen, werden ihre Angehörigen außerhalb des Rayons nicht geduldet. An den alten Orten können sie nicht bleiben, ins Innere des Reiches dürfen sie nicht kommen. Als Rußland vom Eingreifen Englands in den Krieg noch nicht völlig überzeugt war, trug sich die Regierung mit der Idee, den Ausiedlungsrayon anfzuheben und noch ein paar andere liberale Reformen zu versprechen, um auf die liberale öffentliche Meinung einznwirken. Dies erwies sich aber überflüssig, denn England beeilte sich, seinen Anschluß an das Kosakentnm knndzngeben. „England hat leider zu früh ja gesagt" — seufzte mancher fortschrittliche Russe. Kol lisnoorim! Der Gottesdienst f ü r Kinder! Bald beginnen die Schulen wieder ihre Tätigkeit und der Verein „Kol haneorim“, der es sich znr Aufgabe gestellt, Gottesdienste für die Jugend an den hohen Feiertagen „Rofch haschouo" und „Jom Kippur" und an den „Scholosch regolim" „Peßach, Schewuot und Sukot" zu errichten, beginnt wieder seine segensreiche Wirksamkeit. Einen besonders interessanten Anblick bietet der große Tempel in der Tempelgasse im II. Bezirk mit den beiden Amtshäusern, die rechts und links das Gotteshaus flankieren. In den Tempel treten Vater und Mutter ein — zum Gottesdienste. Im Hanse Nr. 3 ist Gottesdienst und Predigt für Mädchen, im Hause Nr. 5 Gottesdienst für Knaben. In der alten orthodoxen Zeit waren in den Gotteshäusern nach dem Muster, des Orients die Andachtsstätten der Frauen . versteckt und mit Vorhängen verhüllt, mit Gitter versehen. In unserer modernen Zeit ist das längst abgetan. Ein ein-

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