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Die Wahrheit · 1914-09-11 · Heft 35 (11.9.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 35 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Leite 6 Die Wahrdeir Nr. 35 seit Jahrzehnten planmäßig darauf ans/ ihnen jeden geregelten Erwerb zn unterbinden, sie durch Verkleinerung des Ausiedlnngsrayous immer mehr zusammenzupferchen, damit sie ohne Licht und Luft verkümmerten. So wurden und. werden bisweilen Städte in Dörfer umgewandelt — natürlich nur fiktiv — mir um die Juden, die ja in Dörfern nicht wohnen dürfen, vertreiben zu können. Nur vier Klassen von Juden haben theorelhisch das Recht, in ganz Rußland zu wohnen: 1. Leute, die Soldaren gewesen sind; 2. die Inhaber akademischer Grade; 3. die Kaufleute erster Gilde; 4. die Handwerker. Nur lhevreusch haben diese vier Klassen das Wohnrecht; praktisch hängt auch für sie das Recht ab von der Anzahl der Rubel, die sie den Beamten, den niedrigsten wie den höchsten, einznhändigeu imstande sind. Nur eine einzige Klasse hat Freizügigkeit im ganzen heiligen russischen Reich: die Prostituierten! Jüdische Sludentinnen, die die Möglichkeit haben wollten, in Petersburg zu studieren, ' ließen sich den „gelben Zettel" geben, doch als die Polizei feststellte, daß sie sich dem Studium statt der Schande Hingaben, wurden sie eiligst aus der Hauptstadt ausgewieseu! In den ersten Jahren der Regierung Nikolaus II. schien es den Juden, als ob auch auf dem Gebiet des Wohnrechts eine Erleichterung eintrelen sollte, aber es zeigte sich bald, daß der schwächliche Zar dem Einfluß des allmächtigen Pobjedouoszew, Prokurator des Heiligen Syuods, nicht zu widerstehen wußte. Immer mehr verfiel er feiner pauslawistischen orthodoxen Umgebung. Auch die Beamtenschaft erhob wieder mächtig ihr Haupt. Sie. die nur von Bestechung lebt, hatte au geregelten Verhältnissen kein Interesse. Im Gegenteil, jedes neue Ausnahmegesetz w.ar für sie eine neue Handhabe, Geld von den Juden zn erpressen. Der verheißungsvolle Frühlingsmorgen verdüsterte sich immer mehr. Derselbe Zar, der die Friedenskonferenz im Haag berief, war es auch, unter dessen Regime den Inden das Leben zur Hölle werden sollte. Es folgte die Revolution. Die Juden, deren Anteilnahme an der revolutionären Bewegung von seiten der russischen Regierung gewaltig übertrieben wird, sollten an allen Wirren schuld sein. „Wir werden", sagte der Minister Plehwe, einer jüdischen Abordnung, „eure Lage in Rußland so unerträglich machen, daß ihr bis auf den letzten Mann Rußland werdet verlassen müssen." Das war die Zeit in der Pobjedonoszew den zynischen Ausspruch tat: Ein Drittel der Juden werden wir zur Auswanderung zwingen, ein Drittel lassen wir verhungern und ein Drittel schlagen wir tot. Den Worten folgte die Tat. Der Russisch-Japanische Krieg bot willkommene Gelegenheit, sich der unbequemen Juden massenhaft zu entledigen. 33.000 Juden 'haben in der mandschurischen Armee gestanden; 8 Prozent des ganzen Heeres, während die Juden nur vier Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Bon den Reserveärzteu, die ins Feld geschickt wurden, waren neun Zehntel Juden. Man wollte sich - dieser freisinnigen Elemente entledigen. Die Heldentaten der jüdischen Soldaten erkannten sogar ihre Gegner an. Doch wie hat man die Vaterlandstreue belohnt! Die verwundeten Juden, die nach der Heimat zurückbefördert waren, warf man aus den Lazareten aller derjenigen Orte heraus, wo die betreffenden kein Wohnrecht hatten. Rußland belohnte die Tapferkeit der Inden auch noch in anderer Weise. Es wurde das Gerücht verbreitet, die Juden allein sind schuld an. dem Mißerfolg des Feldzuges! Die Regierung wollte die Unzufriedenheit des Volkes von sich ablenken. Sündeubock wurden die Inden. Jedes Mittel war der korrupten Beamtenschaft willkommen, sich am Ruder zu halten. Besonders mußte das Ritualmordmärchen herhalten die Menge gegen die „Feinde Christi" zu fanatisieren. Es folgte die Zeit der blutigen Pogrome oder Judenmetzeleien, unter der offenen Mitwirkung der Regierung. Es war die Antwort der Beamtenschaft auf das Oktobermanifest des Zaren. Die Freiheitspartei sollte durch die Massenabschlachtung der Juden, die als Fortschrittler galten, abgeschreckt werden. Hier die Bilanz dieser Pogrome, die in 725 Orten des Ansiedlungsrayons stattgefnnden haben: 1000 Juden wurden getötet, 7000 bis 8000 verwundet oder zu Krüppeln geschlagen. 400 Witwen, 1700 Waisen waren ihres Ernährers beraubt. 201.000 Inden waren um 62,700.000 Rubel geschädigt worden, und dies alles in der Zeit vom 18. bis 29. Oktober! Einige der „echt russischen Leute" wurden „pour la forme“ vor Gericht gezogen, um dem Ausland zu zeigen, daß es in Rußland noch eine Gerechtigkeit gibt. Einige der Hooligans wurden. zum Schein verurteilt, vom Väterchen Zar sofort begnadigt, und diejenigen Offiziere, die sich gegen die Pogrome ausgesprochen hatten, wurden streng bestraft, lluterdesseu wurde die erste Duma gewählt. Unter den Abgeordneten luami 12 Juden. Die zweite gefügigere Duma hatte nur noch zwei Juden aufznweiseu als Vertreter von sechs Millionen Stammesgenossen; so gut hat der Wahlapparat der russischen Beamtenschaft gearbeitet. Die blutigen Pogrome hörten plötzlich auf, denn Rußland brauchte Geld, viel Geld und spekulierte ans den Geldbeutel der ausländischen jüdischen Hosfinanz. Leider nicht vergebens, aber Bedingung war: Die Pogrome müssen aufhören. Jedoch für die unglücklichen Juden war nicht viel gewonnen, die russische Beamtenschaft verfugte noch über andere Machtmittel. Es folgte die Aera der Ausweisung. Vom 1. Juli 1905 bis 30. Juni 1906 wauderteu 107.000 russische Juden allein nach New Jork aus, ebensoviel in den folgenden Jahren. Im Frühjahr 1910 wurden 10.000 ans Kiew vertrieben, und noch .kurz, vor Ausbruch des gegenwärtigen Krieges haben 40.000 Juden aus Kiew den Ausweisungsbefehl erhalten. Und da wagt es der Zar heute, sich mit schönen Worten an die Inden zu wenden! Mer damit nicht genug: an Stelle der blutigen Pogrome, die Rußland vor dem Ausland bloßgestellt haben, ist im Programm der „Patrioten" der unblutige Progrom gesetzt worden. Graf Wladimir Bobrinsky hat es in der Duma öffentlich ausgesprochen, worin dieses neue System besteht: Es wird keinem Juden das Leben genommen, es wird ihm nur das Leben unmöglich gemacht. Durch Beschränkung der Erwerbsmöglichkeiten soll er niedergehalten werden in materieller und vor allem in geistiger Hinsicht. Die /neue Lösung lautet: Herabdrückung des Kulturniveaus der Juden unter das des rnssischen Volkes. Daher die „prozentualen Normen", die in den letzten Monaten in ganz Rußland durch einen kaiserlichen Ükas festgesetzt wurden: 5 bis 15 Prozent in Mittelschulen, 3 bis,10 Prozent in den Hochschulen. Die höchste Norm von 15 Prozent gilt für Städte des jüdischen Ansiedlungsrayons, in denen die Juden vielfach 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Eine große Anzahl von Bildungsanstalten ist für die Juden gänzlich gesperrt, wie z. B. die medizinische Hochschule in Petersburg, und diese auch für getaufte Juden und ihre Nachkommen bis zum vierten Gliede! Sogar solche Anstalten, die die Juden aus eigenen Mitteln errichtet haben, Gymnasien und Mittelschulen, sind ihnen jetzt vielfach gesperrt. Das ist Geist vom Geiste Pvbjedonoszwes. Die russische Beamtenschaft hat es erkannt, daß Wissen Macht ist, daß Aufklärung des Volkes das Ende des ruisischeu Absolutismus bedeutet. Sie hat es erkannt, daher hält sie ihr Regime mit verzweifelten Mitteln aufrecht. Deutsche Truppen stehen au der russischen Grenze. Möge mit ihnen Recht und Licht eindringen in das dunkle Zarenreich, damit auch die sechs Millionen unglücklicher Juden das erlangen, was ihnen seit einem Jahrhundert versagt worden ist — Menschenrechte! Kesttzen die Inden Hetdennml? (Schluß). ' Ferner: Eli hetorim jemuscliun. „Es mögen wohl Berge weichen, Hügel wanken, Umwälzungen mannigfacher Art stattfinden, meine Gnade aber soll von dir nicht weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken." (Jbid 54.) Welcher gläubige Jude wird es nicht bereitwilligst

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