Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 35 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Hx. 35. Seite 7. Die Wahrbeit zugeben, daß einzig und allein das feste, unerschütterliche Gottvertrauen es war, das stets in den Herzen der Israeliten den Heldenmut wachgernfen und rege erhalten habe? Der Umstand, daß weder Verlockungen und Verführungen, noch grausame Verfolgungen und Folterqualen imstande waren, die Inden vom Glauben der Väter abtrünnig zu machen, wie die unleugbare Tatsache, daß Israel se i t Jahrtausenden einer Welt in Wasfen zu trotzen vermochte, so daß es heute noch aufrecht unter den Völkern dasteht, ungebeugt und ungebrochen, beweist klar und deutlich, daß Die am Sinai geoffenbarte Lehre diesem Volke unbesiegbare, unzerstörbare Lebenskraft verliehen hatte. Wenn jedoch die sogenannten „Aufgeklärten" steif und starr behaupten, daß nicht die Religion, sondern die fortschreitende Kultur es war, die die Emanzipation der Juden gefördert habe, so dürften die neueren, besonders die allernenesten Weltereignisse sie eines besseren belehrt haben. Mächtige, weit fortgeschrittene Kulturstaateu haben sich mit den m o d e r.11 e u Pharaonen im finsteren Rußland verbündet, um die Anstifter der Fürstenmorde schützen zu können. Zwanzig Millonen Menschen, die Blüte und die Kraft der Völker, werden zur Schlachtbank geführt, ohne das Jammern, Seufzen und Stöhnen zahlloser -Eltern, die ihre Söhne, zahlreicher Frauen, die ihren Ernährer und unzähliger unmündigen Kinder, die ihren Vater verlieren werden, .zu beachten. Sollen etwa das die Errungenschaften der modernen, weit fortgeschrittenen Kultur sein? Wer vermag dieses Welträtsel zu lösen? Wahrlich, man wäre versucht zu behaupten, daß die Kultur die Menschen nicht veredelt, sondern verwildert habe, und dabei auszurnfen: „Alle meine Herren, laßt euch sagen, die „Kultnr" habe den „Kultus" erschlagen. Die altehrwürdige österreichische Monarchie und Deutschland führen keine Angriffs-, sondern bloß Verteidigungskriege, während Rußland, England und Frankreich auf Eroberungen losgehen. Das heißt gegen die Gesetze Gottes und der Natur gehandelt. Wenn die h. Schrift den Israeliten entschärft, sie sollen sich stets durch Heldenmut auszeichnen, so hat das nur Bezug ans Verteidigungskriege. Das Judentum ist eine Religion des Friedens, seine letzten Ziele können nur im und durch den Frieden erreicht werden. Wenn es jedoch angegriffen wird, so soll es nicht zaghaft sein, sondern sich heldenmütig und unerschrocken verteidigen, wacker kämpfen und den Feind unschädlich machen. Nach der Lehre des Judentums sollen die Bekenner desselben sich nicht bloß im eigenen Laude, sondern auch in anderen Ländern, wenn das Geschick sie dahin geführt hat, durch Opferwilligkeit, Heldenmut und Patriotismus auszeichnen. So z. B. hatte der Prophet Jeremias den Exulanten, die nach der Zerstörung des ersten Tempels nach Babylonien geführt wurden, im Namen Gottes zugernfen: „Bauet Häuser und richtet es euch dort bequem eiu, pflanzet Gärten und genießet deren Früchte usw. Fördert das Heil und Wohl des Staates, wohin ich euch versetzt habe und flehet für ihn zum Ewigen, denn in seinem Heil und Wohl wird auch euer Wohl sein." Dieser Appell blieb nicht wirkungslos. Zur Zeit, als König Achaschwerosch den persischen Thron in-ne hatte und dessen Kanzler Haman,. der berüchtigte Blutmensch von Susan, nichts Geringeres im Schilde führte, als sämtliche Juden im großen Perserreiche an einem Tage schonungslos niederschmetteru zu lassen, haben zwei königliche Hofbedieute, Bigson und Teresch — echte Perser — sich verabredet, den König zu ermorden. Allein dieser scheußliche Mordplan wurde durch den gelehrten Inden Mordechai vereitelt nnd dadurch das Leben des Königs gerettet. Aehnliche Fälle haben sich im Laufe der Zeiten öfters ereignet. Um dies beweisen zu können^ gestatte ich mir für heute bloß einen Fall, und zwar ans den der.Lebensrettung Kaiser Otto des Zweiten durch, den Inden: Kalonymos hinznweisen. Es wird hierüber folgendes berichtet: lieber die Schlacht, welche Kaiser Otto II. am 13. Juli 982 in Calabrien, südlich von Kotraue, gegen die Araber verlor, und die unter dem Namen der Schlacht bei Basantelto berühmt ist, hat uns der Bischof Thitmar von Merseburg (gest. i. I. 1018) in seiner Chronik einige ebenso merkwürdige als gl a u b en s w er te Nachrichten aufbewahrt. Wir heben ans denselben folgende Notiz heraus, durch die jener Bischof die rühmliche Tat eines unserer Glaubensgenossen für immer der Vergessenheit entzogen hat. In jener Schlacht nämlich geschah es, daß Kaiser Otto, dessen Heer die Araber bereits besiegt hatte, mit seinen Mannen unausgesetzt den Feind verfolgend, plötzlich von unermeßlichen Schwärmen aus den Gebirgen hervorbrechender Araber angegriffen, in die Enge getrieben und umzingelt wurde. In dem mörderischen Kampfe, der sich entspann, wurde die Blüce der deutschen Ritterschaft teils medergehauen, teils geriet sie in schmähliche Gefangenschaft. Rings von ben wütenden Feinden umgeben, wäre auch der heldenmütige, junge Kaiser, das weltliche Oberhaupt der abendländischen Christenheit, in die Gewalt der Sarazenen geraten, hätte nicht einer seiner untergeordnetsten Diener ihm in der größten Gefahr die g r ö ß t e T r e u e bewiesen und Rettung g e b r a ch t. Dieser ein Jude, namens Kalonymos, eilte, als die Not am höchsten war, seinem erschöpften Herrn zu Hilfe und lieh ihm sein Noß. Auf demselben gewauu der Kaiser in beschleunigter Flucht das Meeresufer, „und wie er," fährt Bischof Thietmar fort, „in der Ferne ein Schiff, eine sogenannte Salandria erblickte, schwamm er auf dem Rosse des Juden Kalonymos darauf zu. Das Schiff aber fuhr vorüber, ohne ihn aufnehmen zu wollen. Als er dann wieder nach den Schutzwänden am Ufer zurückkehrte, fand er den Juden noch daselbst stehen, indem er in voller Angst abwartete, wie es seinem geliebten Herrn ergehen möchte. Als nun der Kaiser die Feinde herankommen sah, fragte er den Juden traurig, was nun wohl aus ihm werden sollte. In dem Augenblicke aber erblickte er ein zweites Schiff, und bemerkte ans demselben einen ihm bekannten Ritter. Behend schwang er sich wieder auf das Roß, das ihn zum zweiten Male rettend durch die Wellen an das Bord des Schiffes trug. Wirklich erkannte auch der Ritter, auf den der Kaiser seine Hoffnung gesetzt hatte, seinen Herrn, nahm ihn ehrerbietig auf, und bewog die Schifflente durch Versprechungeu. gegen Rosfam zu steuern. Als man hier angelegt hatte, eilte der Kaiser in die Stadt zu seiner Gemahlin, mit den Seinen Gott für die wunderbare Rettung dankend. Die Treue und Hingebung des Juden Kalonymos blieb nicht nnbelohnt. (W. Jahrb. 1859). Ja inan braucht nur die Geschichte des Judentums fleißig zu lesen und man gewinnt die Ueberzeugnng, daß die Juden aller Zeiten, selbst in trüben und düsteren Tagen, wo Haß nnd Lieblosigkeit, Unduldsamkeit und Verfolgung sich gegen das Volk der Geschichte verschworen hatten, entsprechende Proben und Belege ihrer Loyalität, Patriotismus, Opferwilligkeit geliefert, daß sie, so oft es galt, auf dem Felde der Ehre für Thron und Vaterland heldenmütig zu kämpfen, ihren nichtjüdischeu Mitbcüdern nicht im entferntesten nachstanden. Was nun unreife Burschen über jüdische Feigheit faseln, ist nichts anderes, als ein leeres, hohles Geschwätz. Fr. Verschiedene Nachrichten. Wien. Gottesdieilst im Tempel der Inneren Stadt, Seirenstettengasse 4. Freirag abends um 6 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Armand K a m i n k a. Wien. Freilag den 11. September 1914, 6 Uhr abends, finden für die Einrückenden und deren Angehörige in den nachbenannlen Gemeindetempeln Gottesdienste statt und zwar: I.. Seitenstettengafse 2. II., Tempelgafie 3, XV., Tnrnerqafse 22, XVI., Hubergasse 8, XVTH., Schopenhanerstraße 39, XXI., Schindlergasse 4. Wien. (Tempelverein des VIII. Bez. der Stadt W i e n). Im Josefstädter Tempel VUL, Neudeggergafse 12, werden seit Beginn des Krieges jeden Freitag abends beim Gottesdienste Bekandachten für unsere im Felde stehenden Krieger abgehalten. Wien.' Das k. n. k. Militärkommando in Wien hat an die israelitische Kultus gemeinde in Wien folgende Zuschrift gerichtet: