Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 35 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr. 35. Die Wahrheit Milch, Wein, Sodawasser, Limonade usw., die ihm von allen Seiten gereicht wurden. Aber auch den Soldaten und mitsahrenden Bauern erging es nicht besser. Ein wahrer Sturmhagel von Obst, Semmeln, Bäckerei und Zigaretten ging auf sie nieder. Von allen Seiten streckten Hände labende Getränke bin, ja sogar für die Pferde schleppte man Heubündel her. Inzwischen hatte man erfahren, daß auch mit der Bahn Militär angekommen war. Hilfsbereite Leute eilten sofort dorthin, um Erfrischungen und Labemittel zu bringen. Das währte bis spät in den Nachmittag hinein. Man dachte gar nicht mehr an Mittagmahl und Sabbathrnhe. Auch Onkel Schmaje hatte eine Labestation errichtet. Er verfügte über besondere Spezialität: aus den nächsten Gassen hatten ihm alle Frauen ihre für Sabbathnachmittag bestimmten Sauermilchtöpfchen abgeliefert und erwarteten nun die Soldaten. Leider konnte ich mir den Empfang selber nicht ansehen, weil ich zurück ins Spital mußte. Heute sind hier aus Kolonien 1800 ruthenische Pfadfinder abgegangen, vorige Woche polnische und jüdische. In den Gassen ziehen lauter Freiwillige herum uud singen: „Hurra, chlopci, hurra ha! Od Warszawy, do Petersburga! Za moskalamy, marsz, marsz .. .u Auf Deutsch: „Hurra, Jungens, hurra los! Aus Warschau, dann nach Petersburg! Auf die Russen los, marsch, marsch ... An die Inden in Polen. Die folgende Proklamation wird, wie das „Berliner Tageblatt" berichtet, in Polen in hebräischer Sprache und im Jargon verbreitet: „Die heldenmütigen Armeen der mitteleuropäischen Staaten Deutschland und Oesterreich-Ungarn sind in Polen ein gedrungen. Der wuchtige Marsch unserer Armeen hat die despotische Regierung zur Flucht gezwungen. Niemand wird sich ihnen entgegenstellen. Unsere Fahnen bringen euch Recht und Freiheit, gleiches Bürgerrecht, Glaubensfreiheit, die Freiheit, ungestört auf allen Gebieten des ökonomischen und kulturellen Lebens in eurem Geiste zn leben. Zu lange habt ihr unter dem eisernen moskowitischen Joche gelitten. Als Freunde kommen wir zu euch' das barbarische, fremde Joch ist vorbei. Eine neue Aera zieht für Polen herauf. Wir werden alle unsere Kräfte ins Werk setzen, damit die gleichen Rechte auch für Juden auf festen Fundamenten errichtet werden. Laßt euch uicht durch schmeichlerische Versprechungen betören, die ihr schon oft gehört habt. Hat denn nicht der Zar 1905 den Juden gleiche Rechte versprochen, und hat er denn nicht dieses sein Versprechen mit dem höchsten Manifest bekräftigt? Wie hat er sein Wort gehalten, das er vor aller Welt verpfändet hat? Gedenket der furchtbaren Ausweisungen, die gegen die großen jüdischen Massen in Anwendung gebracht werden. Gedenket der Städte Kischiuew, Hömel, Bialystok, Siedler und der übrigen Hunderte von Pogromen. Gedenket des Beilis-Prozesses und der Anstrengungen der, barbarischen Negierung, die schreckliche Lüge des Blutmärchens zu verbreiten. Also hielt der Zar sein kaiserliches Wort, welches er gegeben hat, als er in der Not war. Auch jetzt befindet er sich zwischen Hammer und Ambos, und das ist die Ursache seiner Versprechungen. Eure heilige Pflicht ist es, jetzt sämtliche Kräfte anznspanneu, um an der Befreiung mitznarbeiten. Sämtliche Kräfte: eure Jugend, eure Gemeindem. eure Vereine müssen, wie ein Manu anftreteu, der heiligen Sache zn helfen. Wir erwarten, daß ihr eure Gesinnung und Ergebenheit durch Tatsachen dokumentieren werdet. Wendet euch mit der größten Zuversicht an die Kommandeure unserer Heere in den Orten, die euch am nächsten sind. Alle Arten Lieferungen werden prompt und ordentlich bezahlt. Bahnt den Weg, um den Feind vollständig zn bezwingen, um damit der Freiheit und Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. __ Die Inden Rußlands unter Uikolnns II.*) Von Dr. Arthur Werl, Straßburg. Der Straßburger Post entnehmen wir folgenden überaus interessanten und höchst aktuellen Artikel: Die Geschichte der Juden unter der Herrschaft der Zaren ist eines der traurigsten Kapitel in der Leidensgeschichte Israels und es klingt wie eine Ironie der Weltgeschichte, daß sich das Schicksal der Juden gerade unter der Herrschaft des „Friedenszaren" am blutigsten gestaltet hat. Mit Recht schrieb unlängst die in Paris erscheinende „Tribüne Russe" : Jamais la rage antisemite ne fut aussi furieuse, aussi aveugle, aussi bestiale que sous le regime du Coup d’Etat de juin. Uud welche Hoffnungen hatten sich die Juden Rußlands beim Regierungsantritt Nikolaus H. gemacht! Hatte er doch in seinem Thronbesteigungsmanifest erklärt, sein einziges Ziel sei: die Beglückung aller treuer Untertanen. Und wirklich, der Anfang schien verheißungsvoll. Zur Krönungsfeier in Moskau im Jahre 1895 wurden auch drei Rabbiner offiziell eingeladen und erhielten vom Staate jeder eine Reisevergütnng von 600 Rubel. Derartiges war weder unter Nikolaus I. noch unter einem der Alexander vorgekommen. Eine Abordnung der jüdischen Gemeinden überreichte dem Zaren eine große Gruppe aus Silber, die den Erdball zeigte, desse Frieden durch Rußland gestützt wird. Die Wünsche waren aufrichtig und die Hoffnungen schienen berechtigt. Ein Wink von oben wirkte auf die Beamtenschaft itnd die Presse, die, wenn auch knirschenden Herzens den netten Kurs mitmacheu mußten. Juden wurden — gegen frühere Verfügung — nunmehr als Ingenieure angestellt, als Rechtsanwälte zugelassen. Juden durften auch in Apotheken in größerem Prozentsatz beschäsligt werden; jüdische Soldaten durften sogar zu Unteroffizieren befördert werden. Noch mehr aber bedeutete für russische Verhältnisse, daß Professor Chmerkin, ein Christ, 1897 ein Buch zur Verteidigung der Juden veröffentlichte. Er wies darin nach, daß die Vertreibung der Juden aus den nicht zum Rayon gehörenden Gouvernement, wie dies seit 1881 der Fall mar, recht schlimme wirtschaftliche Folgen für Rußland gehabt habe. Doch zunächst ein Wort der Aufklärung über diesen osteuropäischen Begriff Ansiedlungsrayon, der die Judenfrage Rußlands in den letzten Jahrzehnten beherrschte uud noch heute beherrscht. lieber 95 Prozent der 6 Millionen russischer Juden sind von Staats wegen gezwungen, innerhalb dieser sogenannten Ansiedlungsrayons zu wohnen. Dieser Rayon macht lj23 des Zarenreiches aus. Wahrlich ein ungeheures Ghetto! Dieser Rayon entstand dadurch, daß Rußland sich um Provinzen vergrößerte, die dicht mit Juden bevölkert waren. Diese jüdischen Massen konnten zwar nicht auf einmal ausgerottet werden, aber die russische Regierung ging *) Als Literatur kommt in Betracht: Sucieu Wolf. The legal sufferings of the Jecos in Russia. Verlag Fischer Unmut, London. Ferner: Die Judenpogrome in Rußland, von der zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission. Köln. Jüdischer Verlag 1910. Bon allem aber: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes von Prof. Martin Philippson.