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Die Wahrheit · 1914-09-11 · Heft 35 (11.9.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 35 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 35. Nim suchte Rußland durch Entstellung der Tatsachen und bewußtes u g e einerseits die Lokalisierung der österreichisch-ungarischen Strafexpedition gegen das verbrecherische Serbien zu vereiteln, andererseits seine unerträgliche Blutschuld an einem europäischen Weltkriege abznschwächen. Bekanntlich ersrechte sich der Zar. die österreichischungarische Aklion gegen Serbien eine Provokation (!l) zu nennen, welchen Ausdruck auch der französische Minister des Aeußeren, Herr Delcasss. am 1. August I. I. nachznsprecheu sich nicht schämte. Nun vom schwer schuldbeladenen Zaren, der sich infolge seiner unzähligen, an seinem eigenen Volke begangenen Verbrechen in buchstäblichen Sinne des Wortes nicht auf die Gasse traut, kann man Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht erwarten, ebensowenig von jenen französischen Staatsmännern, die nur mehr ans der Hand des bluttriefenden Zaren ihre Hilfe und Heil erwarten und infolge dessen vor diesem Gewaltgötzen platt auf dem Bauche liegen, aber das höchste Maß von Empörung und sittlichem Ekel muß es auslösen, wenn englische Staatsmänner, die sich allezeit als die patentierten Rechtsschützer hinstellten, nun ebenfalls diese verwerfliche Methode der bewußten Entstellung der Tatsachen und Umlngnng wählen. Bei einer am 5. September l. I. in London stattgefundenen patriotischen Kundgebung, an welcher auch Minister reilnahmen, erinnerte Premierminister Asqnilh daran, daß er vor drei Jahren noch für das Einvernehmen mit Deutschland gesprochen hatte. Er knüpfte daran die Frage: „Welches wäre heute die Stellung einer Nation, wie die uusrige, wenn wir niedrig genug gewesen wären, einer Einschüchterung, der Berechnung unserer Interessen, einer Schwächung des Ehr- und Pstichtgefühles nachzngeben und nuferen Freunden das Wort zu brechen?" Aber des mächtigen Deutschen Reiches wäre dieselbe Tat wohl angemessen gewesen? Herr Asqnith fuhr dann folgendermaßen fort: „Wir würden als g l e i ch g i l t i g e Zuschauer die an friedlichen Bevölkerungen verübten Unbilden, Räubereien und Erpressungen betrachten. Wir ziehen es vor, das Land ans der Geschichte gestrichen zu sehen, als daß wir schweigsamer Zeuge des Triumphes brutaler Gewalt über die Freiheit bleiben sollten. Die Verletzung der belgischen Neutralität war der erste Schritt einer schamlosen Politik, die auch Holland und die Schweiz getroffen hätte." Hierauf schob Asguith Deutschland die alleinige Schuld au dem Weltkriege zu, der nach Bonar Law das größte Verbrechen in der Weltgeschichte darstelle. Dagegen drängen sich folgende Gegenfragen naturnotwendig auf: „Wie konnten die so gerechten und sittlichen Engländer dann g l e i ch g i l t i g z n s ch a u e h, als Rumänien trotz des auch vom patentierten englischen Rechts- und Vectragsschützer garantierten „Berliner Vertrages" seinen jüdischen Einwohnern gegenüber nicht enthielt und dieselben frech entrechtete?" „Wie konnten diese Rechts- und Freiheitskämpfer bei den vorgekommenen bestialischen Judenpogromen der frechen und schamlosen Unterdrückungen aller Volksrechte in Rußland, den grauenhaften politischen Verfolgungen schweigsame Zeugen bleiben?" „Bedeuten die englischen Gewaltstreiche in ihren Kolonien, die englischen Opinmkriege gegen China etwa nicht in weit größerem Maßstabe eine schamlose Politik, als der durch die Falschheit der Gegner und die Kriegsnot hervorgernfeue deutsche Einmarsch in Belgien?" „Wer gab England die Machtvollkommenheit zur tatsächlichen Annektierung Aegyptens?" Die Leiden, welche der gegenwärtige Weltkrieg über die ganze Menschheit bringen wird, sind gar nicht abznschätzen, und es ist vermessen vom englischen Marineminister Churchill, wenn er so sicher den englischen Sieg von der starken Kriegsflotte erwartet. Erst die „Tripelentente", diese moderne Gewalt- und Raubgesellschast,. hat den selbst nach den englischen Aussprüchen Oesterreich-Ungarn aufgedrängten Krieg gegen Serbien zu einem Weltkriege ansgeweitet, um etwa dann im Trüben. Fischen zu können. Noch lebt der gewaltige, alte Gott, dessen Existenz die gegenwärtigen gottlosen Staatslenker, sogar der blutige Zar, mit den Lippen scheinheilig bekennen, aber in Wahrheit nicht glauben. Aber die voir so vielen und gewaltigen Feinden bedrohten, nun in wahrhafter Treue mit einander verbündeten mitlelenropäischen Staaten können nun mit innerer Be-? rechtignng das uralte Gebet sprechen: „Der seinen Diener! David vom bösen Schwert errettet, rette nnd erlöse nun auch mich ans der Hand der fremden Barbaren, deren Mnn d nur Falsch spricht nnd d e r e n R e ch t e e i u e falsche Rechte ist." R. L.! Wie die Saldalen van den Inden in Katvmen bewirtet wnrden. Das „Nene Wiener Journal" erhielt einen interessanten Brief, den ein Einjahrig-Freiwilliger ans Kolomea an seine in Wien lebenden Eltern gerichtet hat. Das Schreiben liefert einen Beitrag zn dem erhebenden Kapitel über die freudige Opferwilligkeit, durch die sich die ganze Bevölkerung der Monarchie der großen Zeit würdig erweist. Der Brief lautet: Kolomea, am 29. August' 1914. Teure Eltern! Obwohl ich euch heute schon ein mal geschrieben habe, so tue ich das noch einmal, um euch intqxessante, echt jüdische Taten zu erzählen. Heute, Samstag, habe ich vormittags Urlaub gehabt und war. in der Stadt. Schon beim Näherkommen zum Ringplatz fiel mir das, trotz der Kriegszeiten ungewöhnliche Treiben auf. Endlich erblickte ich in der Rndolssstraße, das ist die Straße, in der die Lokalbahn fährt, eine riesige Menschenmenge. Ich erkundigte mich nnd erfuhr, daß die Nachricht eingelangt war, Militär werde durch Kolomea marschieren, und zwar iverde es seinen Weg durch die Rndolssstraße nehmen. Da hättet ihr nun sehen sollen, wie die jüdischen Familien, die ja hier das Gros der Bevölkerung bilden, auf langen Tischen alles Eßnnd Trinkbare auf die Straße geschafft hatten, um die durchziehenden Soldaten zn beteilen. Ueberall standen Frauen und Kinder in Sonntagskleidern nnd schnitten Kuchen und Brotstücke, um sie mit Butter oder Eingesottenem zn bestreichen. Inzwischen schafften die Männer trotz des Sabbaths und trotz des Feiertagsgewandes Fässer und Krüge voll Wasser heraus. Es war ein bezeichnender Anblick, vor einem Hanse eine Gruppe älterer Juden, ebenfalls im Seidenkaftan, mit aufgeschürzten Hemdärmeln um ein Faß stehen zn sehen. Die einen hackten Eis in kleine Stücke nnd warfen sie ins Faß voll Wasser, die anderen schnitten Zitronen in dünne Scheiben und zerkleinerten einige Hüte Zucker, Ein alter, ehrwürdiger Jude mit weißemBart rührte inzwischen mit einem langen Löffel die erfrischende Limonade. Man merkte es den Leuten, lauter besseren Geschäftsleuten, an. daß sie. am liebsten ihr ganzes Hab und Gut hingegeben hätten, um die zn erwartenden müden Soldaten zu laben. Ans einer Gasse kam eine alte Jüdin mit einer Schüssel voll gebratener Aepfel. Auch sie wollte etwas beitragen. Bei einem Tische ging es besonders hoch zu. Junge, jüdische Mädchen standen da, in ihrer feinen Promenadetoilette und machten kleine Pakete, in denen je ein Kuchen, zwei Brotschnitten (lauter riesige Kriegsportionen) mit Butter bestrichen, zwei saure- Gurken, einige Stücke Bäckerei nnd zehn Zigaretten sich befanden. Ich sah einen ■ Haufen von etwa 500 Paketen und noch immer wurde gepackt und noch immer wurde neues Material gebracht. Die Sodawasserfavrikanten, durchwegs Inden, hatten auch-das Ihrige getan und große Sodawasierstationeu errichtet. Plötzlich erblickte man von einer anderen Richtung, vom Bahnhof her, eine lange Proviäntwagenkolonne, die von Trainsoldaten eskortiert wurde. Sofort lief alles auf die Ankommenden zn und dem voranreitenden Offizier wurde die Wahl schwer unter den verschiedenartigen Getränken, wie

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