Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-09-11 · Heft 35 (11.9.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 35 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063760--09226-3076460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ketafttou und yibmiulftrotiDii: Wien. II , Nvvaragafie 27 SeUBbou: Utedattiou 5509/iV. Anakhängige * Zeitschrift für Mische Äuiizlährig.li >4. - Halbjährig. K 7. - abmiiiiftraiion 4998 II. X. t. aftcrr. 9!ofttuarfafla. Satck-Konio Sir. 100.918. ilrtere^eu. Mc Niiltusbriiiutr: ihrig. K Io - )n lernte: Dir viermal gcivaltcuc ktonparciile-Zelie 25 Hr»e:. Erschein 1 jeden Ir ei tag. {(-in: AuSlmid: AdonnemeillS- »uv 3u,mioii<s- (Mmijiaoriu.s ««."' beträgt äub tu Wien juoloar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t> iliiiott ober lit ftrc*. Ur. 33. Wien, II. September Inhalt: Deren Mund spricht falsch und deren Rechte eine falsche Rechte ist. — Wie die Soldaten von den Juden in Kolomea bewirtet wurden. — Au die Juden in Polen. — Die Juden Rußlands unter Nikolaus II. — Besitzen die Inden Heldenmut? — Verschiedene Nachrichten. — Oesierr.-nngar. Kantoren-Verein. An unsere Krser! "WZ Seit Jahren besteht in jüdischen Kreisen die schöne Gepflogenheit, anläßlich des jüdischen Neujahrsfestes an Stelle der schriftlichen Gratulationen an Freunde und Bekannte Enthebnngsgratnlatiouen in den jüdischen Blättern zu veröffentlichen und den für die Einschaltung an das betreffende Blatt zu entrichtenden Betrag einem wohltätigen Zwecke zu widmen. Angesichts der durch den Krieg entstandenen großen Notlage wäre es angezeigt, die Eingänge für diese Gratulationen den jüdischen Notleidenden znzuwenden und wir sind gerne bereit, von unseren Lesern Anmeldungen für Enthebnngsgratnlationen, die in der nächsten, knapp vor dem Neujahrsfeste erscheinenden Nummer veröffentlicht werden sollen, entgegenznnehmen und die uns zugehenden Beträge für die Einschaltung an die Kassa der Wiener Israelitischen Knltnsgemeinde zu gedachtem Zwecke abzuführen. Die Redaktion. „Deren Mund spricht falsch und deren Rechte ist eine falsche Rechte". (Psalm 144.) Zum Grauen aller einigermaßen intelligenten Menschen, welche die Weltpolitik während der letzten Jahrzehnte aufmerksam verfolgten. vollzogen sich scheinbar unglaubliche Allianzen und Bündnisse zwischen Weltmächten, die einander kurz vorher als Feinde gegenübergestanden waren, zur „Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichtes, zur Erhaltung des Status qiio." Deutschland, Oesterreich-Ungarn nnd Italien gruppierten sich 1879 zu einem mitteleuropäischen Dreibunde nnd die denkbar größten Gegensätze, das republikanische und freiheitliche Frankreich, schloß mit dem Tyrannenherrscher Rußlands, mit dem alle Volksfreiheit mordenden Zaren, eine innige Allianz, ein Schutz- und Trntzbündnis, obgleich dieses Reich, noch unter dem Dritten Kaiser-Reiche Rußland wacker gegen alle versuchten Vorstöße nach Westen, ja sogar gegen die morsche Türkei, bekämpft halte. Dem. russischen Bären sollte nur gegen Osten, gegen Wen, ein ferneres Wachstum möglich bleiben und selbst das meerbeherrschende England half seinerzeit mit, den Dardanellenvertrag zusammenzubriugen, der einen Ring in der Nase des russischen Bären bedeutete, weil er die russischen Kriegsschiffe vom Mittelländischen Meere absperrte. Zum Mißvergnügen Englands nützte nun der moskowitische Riese seine Ellbogenfreiheit gegen Osten derart aus, daß seine Gewalt am Beginne des 20. Jahrhunderts sich bereits bis zum großen Ozean und weit hinein ins türkische und persische Reich erstreckt hatte. England verspürte die russische Nachbarschaft in Asien sehr unangenehm und das britische Reich fühlte sich entlastet, als der russische Riese endlich au Japan einen großen Gegner fand. England bekundete seinen dankbaren Beifall bekanntlich durch sein Freundschaftsbündnis mit Japan. Noch gefährlicher erschien dieser Handelsnation die Konkurrenz des mächtig aufstrebenden Deutschen Reiches, das nun ebenfalls im fernen Afrika und auf Inseln im Großen Ozean Kolonien errichtete und ihm auch durch einen ungeahnten inditstriellen Aufschwung im Welthandel gefährlich wurde. Die Nervosität Englands wurde auch durch das Anwachsen der nordamerikanischen Union gesteigert, die Kuba und sogar die fernen Philippinen verspeist hatte. So kam es, daß auch England durch Furcht und Neid den richtigen Maßstab verlor und sich Frankreich nnd Rußland als Dritter im Bltnde anfchloß, weil es diese zwei Staaten als innerlich geschwächt betrachtete, die ihm selbst seiner Meinung nach nicht ernstlich schaden können, aber deren eventuelle Hilfe gegen das unliebsam erstarkte und mit großer Energie ausgestatteie Deutschland sehr nützlich werden konnte. Nur durch die geschilderte politische Weltkonstellation wurde es den russischen Umtrieben möglich, die Türkei im europäischen Gebiete bis aus einige Rudimente znm Schwinden zn bringen, die kleinen Balkanftaaten erheblich zn vergrößern nnd den kleinen serbischen Gernegroß zn frechen und verbrecherischen Angriffen auf den großen nub starken österreichisch-ungarischen Nachbar zit ermuntern. Die Friedensliebe des geliebten österreichischen Kaiserpatriarchen und eine kurzsichtige innere Handelspolitik mag den Wagemut Serbiens, das infolge des russischen Schutzes alle schützenden Hemmniffe verloren hatte, bis zur Unsinnigkeit gesteigert haben, bis es endlich durch Züchtung einer südslawischen Jrridenta in österreichisch-ungarischen Gebieten nnd staatliche Vorbereitung und Unterstützung des verbrecherischen Prinzenmordes zn Sarajevo alle Geduld durchriß und das österreichisch-ungarische Ultimatum vom 23. Juli l. I. hervorrief.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.