Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 34 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 34 nicht durch Verwünschungen und nicht durch Fluche niedergeschmettert werden. Ki meroscli zurim ereuuu. Wenn ich in die Vergangenheit blicke und die Geschichte dieses Volkes studiere, so gewinne ich die Ueberzeugung, daß dieses Volk einzig in seiner Art dastehe und seinesgleichen unter den Heiden nicht zu finden sei. Während das Heidentum dem Materialismus huldigt, der Genußsucht fröhnt, steht das Judentum groß da, umflossen vom Strahlenglanze einer glorreichen Vergangenheit, geschmückt mit der Krone des Märtyrertums, und ein Volk, das für eine große, erhabene Idee, für die Gottesidee, nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben bereit ist, ist unsterblich, unverwüstlich und unbesiegbar. Mi mono Afar Jakob. Wer vermag die unzerstörbare Kraft des, Afar Jakob, tausendmal in den Staub getretenen Volkes Jakob zu messen? Tornaus nafscki maus jescborim. Ach, könnten auch wir uns mit der Krone des Märtyrertums schmücken, wären auch wir fähig für die erhabene Gottesidee uns bereitwilligst zn opfern, usebi acbrisi komobu,. dann würden auch wir gleich jenen einer glorreichen Znknnst entgegeugehen und nicht spurlos ans der Geschichte schwinden." . Ja, die Religion Israels ist es, die ihre Bekenner zn einem wackern, unzerstörbaren Heldenvolke herangezogen hat, die Thora ist es, die den Heldenmut als eine der schönsten Tugenden und die Feigheit als eine der häßlichsten und verachtenswerten Untugenden bezeichnet. Die aus den Krieg Bezug habenden Vorschriften und Maßregeln der Thora lauten: „Wenn du gegen deine Feinde zu Felde ziehest imd stehest Roß und Wagen eines an Zahl, Macht und Größe dich weit überragenden Volkes, so fürchte dich nicht vor ihnen, denn der Ewige, dein Gott, der dich aus Mizraim geführt, aus dem Rachen der grausamen Pharaonen befreit hat, steht dir bei. Wenn ihr nun zum Kampfe herannahet, so soll der Priester hervortreten und folgende Ansprache an das Volk j halten: „Höre Israel! Ihr ziehet jetzt wider euere Feinde in den Krieg, euer Herz verzage nicht; fürchtet euch nicht, seid nicht mutlos oder niedergeschlagen vor ihnen; denn der Ewige, e n e r Gott, i st e s, der mit euch geht, f ü r e u ch in i t eueren Feinden zu kämpfen rtud euch Hilfe zu leisten." Hierauf sollen die Amtslente folgende Anrede an das Volk halten: „Welcher Mann ein Hans neu erbaut und noch nicht bezogen hat, der gehe und kehre nach Hause, daß er nicht im Kriege nmkomme und ein anderer es beziehe. Welcher Mann einen Weinberg gepflanzt und die erste Weinlese noch nicht gehalten, der gehe und kehre nach Hause, daß er nicht im Kriege umkomme und ein anderer die erste Weinlese halte. Welcher Mann sich mit einer Frau verlobt, die Heirat aber noch nicht vollzogen hat, der gehe und kehre nach Hause, daß er nicht im Kriege umkomme und ein anderer sie heirate." Die Amtslente sollen fortfahren an das Volk zn reden und sprechen: „Welcher Mann furchtsam und verzagten Herzens ist, der gehe und kehre nach Hanse, damit er nicht das Herz s einer Brüd er so feig mache, wie das seinige ist." Wenn die Amtsleute ihre Reden an das Volk beschlossen, so sollen einige Heerführer an die Spitze des Volkes treten und die Musterung vornehmen." (5. M. 20.) Ebenso haben die Propheten unaufhörlich dem schwer geprüften Volke eingeschärft, den Mul unter keinen Umständen zu verlieren und selbst in Momenten, wo schwarze Gewitterwolken den Horizont ihres Lebens zu verdunkeln drohen, nicht zu verzagen, sondern fest und unerschütterlich auf die Allmacht Gottes zn vertrauen. So z. B. ruft Jesaias dem rief betrübten, hart heimgesuchten Volke tröstend im Namen Gottes zu: Hasisehkacb ischoh ulob meracbem ben Bitnob. „Hat je eine Mutter ihres Kindes, das sie unter ihrem Herzen getragen, mutwillig vergessen?" Garn eie siscbkaebno weonochi lau escbkocbecb. ..Und gäbe es auch unter Millionen Müttern eine, die ihr Kind mutwillig verleugnet und vergißt, Gott aber vergißt nicht und verleugnet . nicht." (Jes. 49.) (Fortsetzung folgt.) Der Krieg ,r»d die Psalmen. Jetzt, wo der Kriegsgedanke alle Seelen erfüllt, wo ganz Europa sich in ein Kriegslager umwandelt hat, wie es bisher die Welt nicht gesehen, wo täglich Gebete für den Sieg der Unfrigen und den Untergang unserer Feinde zum Himmel emporgesandt und dabei Psalmen rezitiert werden, dürfte es wohl nicht uninteressant sein, zu untersuchen, welche Stellung die Psalmen zur Kriegsidee einnehmen. Es ist eine in der Weltliteratur bekannte Tatsache, daß die Poesie des. Bibelkanons trotz ihrer mannigfaltigen Formungen und Gestaltungen, wie sie sich in den einzelnen in den-prosaischen Büchern eingesprengten Liedern oder in selbständigen poetischen Büchern wie Psalmen, Jesaias, Jeremias, Hiob nsw. vorfinden, kein Drama besitzt und selbst das Epos nur spärlich kennt. Wenn man selbst das Buch Hiob als Epos auffaßt, wie manche christliche Bibelforscher, die alles ans der Welt, daher auch poetische Geistesprodnkte gerne schnlmäßig in ein gewisses System einschachtelu, es tun, so geschieht dies wohl mehr wegen der Form des Buches als wegen des Inhaltes, der mehr philosophisch, didaktisch y,ls episch ist. Ein Heldengedicht, ein sogenanntes Kriegsepos, wie z. B. die griechisch-klassische Literatur in der Jliade oder Odyssee, die römisch-klassische Literatur in der Aeneide aufweist, kennt die biblistische Poesie nicht. Das ist eine bekannte Tatsache. Selbst in den Psalmen, dieser nahezu 3000jährigen hebräischen Literatursammlung, die sich in sämtlichen monotheistischen Liturgien, ja selbst in der Weltliteratur noch immer einer besonderen Wertschätzung erfreut, obwohl einige Kapitel ans der Vorgeschichte Israels epischen Inhaltes sind, finden wir keine Schilderung von Kriegshelden oder kriegerischen Szenen. Das ist auch ganz natürlich. Der poetische Boden, auf dem die Psalmen entsprossen, war der der Menschenliebe, des Gottvertranens, dem Ideale von Recht und Gerechtigkeit, von Wahrheit und Tugend, von Gottesdank, der immer in das Halleluja (lobet Gott) ausklingt. Ein solcher Boden ist allerdings für Völkerstreit und Völkermord, für Kriegsschilderungen und Heldengesänge nicht geeignet. Selbst das Wort Krieg (Milcbomo) ist in den Psalmen nur dort anzutreffen, wenn vom Kriegshandwerk die Rede ist, wie z. B. in Psalm 18, Vers 25 und 40, dann Psalm 144. Letzterer Psalm, der mir noch von meinen. Knabenjahren bekannt war, namentlich die Eingangsstelle „Ladowid borucb adonai zuri, bamelamed jodai lakroi ezbeoissi. lamilcbomo“, tönte mir in der letzten Zeit gar oft in den Ohren wieder, da ich denselben regelmäßig am Sabbathschlnsse in der Synagoge vortragen hörte, so daß nicht nur der Text, sondern auch die Melodie in meinem Gedächtnisse haften geblieben ist. Ich machte mich jetzt als 80 jähriger, der das Psalmstndium als Sport betreibt, au das Studium desselben. Je weiter ich in diesem Studium vordraug, desto interesianter erschien er mir in seiner ganzen Anlage, in seinem Gedankengange, in seiner Bildersprache, sowie in seiner Kleinmalerei. Insbesondere war er mir dadurch interessant, daß er mir manche Hinweisung oder doch manche Anklänge auf den jetzt die Welt bewegenden europäischen Krieg und die gegenwärtig ganz günstige wirtschaftliche Lage Mitteleuropas aufzeigte, und daß mir namentlich der Schluß Gelegenheit ' bot, dem Gefühle der Hocbverehrnng, das heute das Herz aller getreuen Oesterreicher für unseren teuren Monarchen, diesen altehrwürdigen Tngendhelden durchströmt, Ausdruck zn geben. Ich habe mich bei dieser Uebersetzung möglichst genau an den hebräischen Urtext und dessen Verseinteilung gehalten und nur hie und da, um des Reimes willen, einen Satz eingeschaltet und selbst der Mendelssohnschen auch die Vulgata (lateinische) sowie die Luthersche und Käutschische Uebersetzung sowie die Kralitzer Bibel zn Rate gezogen. Hiebei habe ich gefunden, daß die prosaische Uebersetzung Mendelssohns die getreueste ist, weil er eben durch sein feines Sprachgefühl die poetischen Gedanken des Originals auch in prosaischer Form 'wiederzugeben verstand. Auch