Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 32 (31.8.1914)
- Date
- 1914-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5 Nr. 32. Die Wahrheit in Wahrheit, der deutsche, derfranzösische und der panslavistische Chauvinismus von der moralischen Mitschuld an den barbarischen Ansbrüchen der nationalen Bestie in den Balkanländern, in französischen und russischen Gebieten, an dem gegenwärtigen Weltkriege schuldlos erklären? Besonders der Rassenhaß ist jedes Kulturvolkes unwürdig. Derselbe entbehrt auch der inneren Berechtigung, denn keine Nation hat die Rassenreinheit bewahrt. Es ist erfreulich, daß gegenwärtig im Deutschen Reiche der Judenhaß tatsächlich im Abstauen, ja im Verschwinden begriffen ist. So wie die reichsdeutschen Juden gegenwärtig für ihr geliebtes Vaterland opferwillig Gut und Blut zur Verfügung stellen, so taten sie es auch im Jahre 1870. Deutscher Judenhaß war nie berechtigt, denn Geschichtskenner wissen, daß die Juden ihr Deutschtum sogar in slavischen Ländern so lange Iren bewahrten, bis mau sie gewaltsam davon abdrängte. Oesterreich-Ungarn, das sich ganz besonders durch die Mannigfaltigkeit seiner Nationalitäten und Konfessionen auszeichnet, kann sich ohne Schaden noch weniger den Luxus erlaitben, solche partikularistische und volksverhetzende Bestrebungen zu unterstützen. Die Kraft und die Macht dieses Staates liegt vielmehr in der friedlichen Zusammenfas s u n g aller seiner, wenn auch verschieden gearteten Staatsangehörigen, wie dies sein geliebter Kaiserpatriarch bereits beim Regierungsantritte äußerte: „Viribus unitis“. Die Katzbalgereien zwischen Deutschen und Tschechen und die Rechtsverkürznugen der jüdischen Staatsbürger müssen nun ein Ende nehmen, nicht nur momentan im Interesse der Schlagfähigkeit gegen die äußeren Feinde. Deutsche, Magyaren, Slawen und Juden überbieten nun einander an opferwilligem Patriotismus und Oesterreich-Ungarn hat gegenwärtig genug an den verheerenden Wirkungen der Kriegsbestie zu tragen, eine etwaige konkurrierende Aeußerung der nationalen oder konfessionellen Bestie kann unser geliebtes Vaterland nicht ertragen. Deutschland sendet seine Kriegsscharen wacker nach Ost und West über die Grenzen, desgleichen Oesterreich-Ungarn nach Ost und Süd. Wenn also das Kriegsglück dem eng verbundenen Zweibund treu bleibt, um das auch die Juden täglich zu Gott beten, dann mögen seinerzeit auch günstige spezielle Friedensgarantien erzielt werden, zumal durch diese Erfolge auch säumige Bundesgenossen, wie Italien und Rumänien, wenn auch verspätet, aber doch, zu uns kommen. Die wertvollsten Friedensgarantien werden aber in Oesterreich-Ungarn erst dann geschaffen werden/ wenn daselbst dem allgemeinen Mens ch ent u m' eine höhere Wertschätzung eingeränmt wird, als den einzelnen Nationen und Konfessionen. Nur wenn dies geschieht, werden auch tendenziöse einseitige Gesetz es a ns l egun g eu, durch welche namentlich in Wien und Niederösterreich in den letzten Jahrzehnten unzählige jüdische Staatsbürger geschädigt wurden, ihr Ende finden. Nur dann, wenn die Majestät der geltenden Gesetze uneingeschränkt^ anerkannt und dieselben ungebeugt ansgeführt werden, befestigt man die w i r k s a m st e n Friede n sgärautien im Jnueren des Reiches. Gegen äußere Feinde, köitnen aber erst dann wirksame Friedensgarantien geschaffen werden, wenn alle Vertragsbrüche und alle Verletzungen des Völkerrechtes ohne Rücksicht darauf, von wem und gegen wen sie begangen wurden, gleichmäßig und sofort geahndet werden. Nur daun, wenn die allgemeine ' menschliche M o r a l und nicht der egoistische Standpunkt der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit allein die diplomatischen Maßnadmen aller Staaten und Nationen lenkt, können wirksame internationale Friedensgarantien geschaffen werden. ' Die Inders welche diese allgemeine Friedenshoffnung der Menschen seit den ältesten Zeiten Hochhalten, nähren diese Hoffnung auch jetzt, trotz allgemeinen Kriegsbrandes. Vielleicht zeitigt der gegenwärtige, gigantische Weltkriegdnrch seine eisernen Erziehungsmittel die allgemeine Erkenntnis der. Notwendigkeit solcher Friedensgarantien. R. L. Des Kaisers Geburtstag. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers fand im Leopoldstädter-Tempel ein solenner Festgoltesdienft statt, an welchem sämtliche in Wien weilenden Mitglieder des Kuliusvorstandes mit dem Präsidenten Dr. Alfred Stern und den Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und Hosrat Dr. Rappaport, sowie Delegierte aller Bezirkskommissionen und fast sämtlicher jüdischer Vereine und ein mehrtansendköpfiges Publikum teilnahm. Die Beamtenschaft der Kultnsgemeinde erschien unter Führung des Ersten Sekretärs kais. Rat Dr. Theodor Lieben und des Sekretärs Dr. Emil Adler. Die liberalen Gemeinderäte sowie die Bezirks Vertreter der Leopoldstadt waren korporativ erschienen. Das Korpskommando entsendete eine Deputation von Offizieren und eine Abteilung, israelitischer Mannschaft. Die Feftpredigt des Rabbiners Dr. Grnn wald übte auf die Anwesenden einen mächtigen Eindruck. Oberkantor Morgenstern sowie der Chor unter Leitung des Chordirigenlen Julius H eimann, unterstützt vom Organisten Professor Storch, besorgte in erhebender Weise den kanioralen Teil der Feier. Die Feier schloß mit der Absiugung der Volkshymne. Im Anschlüsse an den Festgottesdienst fand eine öffentliche Fest-Plenarsitzung des Knltnsvorstandes statt. Nachdem Präsident Dr. Stern die zahlreich Versammelten begrüßt hatte, hielt er folgende Ansprache: „Wir kommen vom Gottesdienst. Unabweisbar drängt sich Mts das Empfinden auf, all die guten Wünsche, welche wir dort für unseren herzlich geliebten Kaiser im Gebete zu Gott richteten, hier neuerlich in dieser Festversammlung in solenner Festsitzung des Kultusvorstandes zu bekunden. Und nicht allein für unseren Wiener Vorstand, für unsere 200.000 Wiener Juden stehe und spreche ich hier; dem Empfinden, das alle unsere Glaubensbrüder in diesem weiten Reiche beseelt,- gebe ich Ausdruck in dem innigen, heißen Herzenswünsche, Gott segne, erhalte, beschütze unseren Kaiser Franz Josef I. Ereignisse von welthistorischer Bedeutung ziehen an uns vorüber. Als wir vor 4 Jahren aus Anlaß des 80. Geburtstages, vor 6 Jahren aus Anlaß des 60 jährigen Regierungs- Jubiläums unseres Kaisers in der Reihe der ihm Huldigenden erschienen, sprachen wir unseren ehrfurchtsvollen, tiefgefühlten Dank aus für die reichen Segnungen, mit denen er uns beglückt, für die väterliche Liebe, mit welcher sein edles Herz alle Bürger dieses Reiches, ohne Unterschied der Abstammung und des religiösen Bekenntnisses, umschließt. Und wohl mochte der einstimmige Hymnus der gesamten gebildeten Welt, der Dank für die Erhaltung des Friedens, der Dank an den Friedenskaiser sein mildes Herz mit Freude und Genugtuung erfüllen. Und nun, nachdem unser erhabener Herr in seiner unerschöpflichen Friedensliebe bis an die äußerste Grenze gegangen, heute den Kampf anfnehmeu mußte gegen unversöhnliche Feinde, gegen eine haßerfüllte Koalition und alle seine Völker zu den Waffen ruft, zur Verteidigung von Thron und Vaterland, heute vereinigen sich wieder alle Völker, alle Stämme dieses weiten Reiches und wir österreichischen Inden, gleich ihnen allen, zu fester, euggeschlosseuer Phalanx der Treue. Wie in den Stunden der Trauer, wie in den Tagen der Freude und den Jahren des segensvollen'Friedens fühlt sich die Judenschaft dieses Reiches auch jetzt in dieser schweren Zeit eins mit allen Bürgern dieser Monarchie, kämpft sie Mann für Manu, Schulter an Schulter mit allen treuen Söhnen dieses Reiches, für die Ehre des Vaterlandes, setzt sie ihr Leben ein für Kaiser und Reich, opfert sie Gut uut> Blut für die Mehrung des Ruhmes unserer Waffen, für das Glück unseres geliebten, weisen, gerechten Kaisers und seiner Lande! Unsere Söhne ziehen in diesen Krieg mit erhöhter Begeisterung. Uns ist es, als ob das gütige Geschick unseren-