Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 32 (31.8.1914)
- Date
- 1914-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Seite 4. Die Wahrheit Es würde eine Bibliothek füllen, wenn mau alle die Reden, die in den Gotteshäusern der Monarchie anläßlich des Geburtstages, unseres Kaisers am 18. August gehalten wurden, veröffentlichen würde. Es liegt in den Verhältnissen, in denen wir jetzt leben, daß diesmal auch jüdische Prediger das Gebiet der Politik nicht ganz vermeiden konnten . . . Wir glauben daher, daß es nicht unstatthaft ist, wenn wir an dieser Stelle einen Passus aus der Ansprache eines Rabbiners veröffentlichen, der ausschließlich politischer Natur ist. Da heißt es u. A.: Als Israel, berichtet die Bibel, diese älteste Geschichtsurknnde, seine junge Freiheit nach Abstreifung der 400 jährigen Fesseln der Geistes- und Leibesknechtschaft. unter Moses anszog, um das Land Kanon, das Land der Freiheil in Besitz zu nehmen, da kam Amalek, das heißt ein blntsaugendes Volk herbei, um Israel, das ihm nichts zu Leide getan hat, nur deshalb den Garaus zu machen, weil es im Besitze seiner so schwer erkauften Freiheit war. Amalek richtete sein verderbenbringendes' Geschoß nicht gegen die wehrfähige Mannschaft allein, nein, auch gegen Frauen und Kinder. Diese Art des Angriffes, des Kampfes läßt es erklärlich erscheinen, daß die heilige Schrift, die doch vom Anfang bis zum Ende Humanität predigt und das Gebot: „Hasse nicht! Räche dich nicht!" einschärft, Amalek gegenüber eine Ausnahme macht und sagt: „Wenn du im Besitze deines Landes sein wirst, vergiß nicht, was dir Amalek getan! Merket Ihr, wie es kommt, daß ich, dessen Stellung und Beruf es ist, Frieden und Liebe zu predigen, von Haß-und Rachegefühlen zu Euch spreche? Es ist aber die Rache des beleidigten Menschentums, es ist der Haß des verletzten Sittlichkeitsgefühles. Wer Gott und Göttliches verehrt, muß im Kampf gegen Amalek sein. Das damalige Amalek aber ist das heutige Rußland, daher gilt von diesem wie vom alten Amalek: Vertilge sein Andenken! Der Fluch der Geschichte treffe ihn! Und er trifft ihn so gewiß als es gewiß ist, daß das Laster und die Sitienlosigkeit dem jetzt schon morschen, von Fänlniß zerfressenen nordischen Koloß über kurz oder lang —- denn ein Jahrhundert ist im Leben eines Volkes, was ein Moment im Leben des. Einzelnen — das Grab bereiten wird." * # * Die Rede, ans der wir diesen Passus mitteilten, hielt Rabbiner Dr. Ko Hut, einer der größten jüdischen Gelehrten, im Jahre ■— 1877 in Fünfkirchen. Nicht auf der Kanzel, sondern bei einem Meeting für die Türkei. Aber wir glauben, die Rabbiner hätten auch am 18. August des Jahres 1914 mit gutem Gewissen vor der offenen Bnndeslade, welche die Thorarollen birgt, die von Amalek erzählt, es ausrnfen dürfen : D a s d a m a l i g e A m a l e k ist das heutige R u ß l a u d. Maleachi. Friedensgarantien. Ist es wohl zeitgemäß, gegenwärtig, wo alle Staaten zum Schwerte greifen, alle Parteien, sogar die bisher überall so sehr für den allgemeinen Völkerfrieden eifernde internationale Sozialdemokratie für den Kriegsgott entschieden haben, Friedeusgedanken zu erörtern? Ja wohl, denn der Krieg bildet einen A n s u a h m s z N st a n d, den Staaten und Völker immer als das l e tz t e M i t t e l betrachtet haben, um den Frieden zu ermöglichen. Der Frieden bleibt als unumgängliche und nötigste Voraussetzung für den Fortbestand des Staates und' das Glück der Staatsbürger a n e r k a n u t. Nur dann, wenn durch gehässige und verbrecherische Umtriebe der Nachbarstaaten das Leben und Eigentum bereits im Friedenszustande unsicher und gefährdet erscheinen, muß auch der zivilisierteste Md friedliebendste Staat zum Schwerte greifen, aber der N o r m a l z u st and für die Staaten und Völker bleibt der Friede, den dieselben in dem Augenblicke mit aller Entschiedenheit wieder anstreöeU, sobald die zwingenden Kriegsursachen durch das Kriegsglück hinweggeschafft oder mindestens geschwächt erscheinen. Nach einem mörderischen Kriege: wird erfahrungsgemäß selbst dann wieder Friede geschlossen, . wenn 'seine Garantien nur notdürftig hergestellt erscheinen. ■ Wohl ist es richtig, daß ein' sogenannter fauler Frieden gemeiniglich keinen langen Bestand hat, wenn aber die allgemeine Not dnrch den allschädigenden Krieg -eine unmögliche Höhe erreicht hat, wenn der Krieg bereits alle im Frieden 8 durch angestrengte Arbeit erworbenen Güter, materielle , und moralische, zu vernichten droht, dann wird in der Regel um jeden Preis wieder Friede geschlossen. : . Der erbitterte Weltkrieg hat nun kaum erst begonnen und die Kampflust der kriegführenden Mächte befindet sich noch lange nicht im Abflauen. Doch kann ein solch furchtbarer 8 Weltkrieg, wie er gegenwärtig leider wütet, bei der gegenj markigen wahrhaft grauenhaften Höhe und Ausbildung der' 8 Waffentechnik zu Wasser und zu Lande unmöglich lange s andanern, denn er müßte sonst für alle an ihm beteiligten 8 Staaten und Völker zu einem allgemeinen M a s s e Ilse l b st m o r d e ansarten. Bei der beispiellosen Erbitterung,^ mit der leider'dieser Krieg geführt wird, müssen Sieger und Besiegte bald derartige Schäden davontragen, daß.wohl bald wieder die Neigung zum Friedensschlüsse allgemein werden muß. Würdigt man diese Wahrheiten, dann erscheint die Erörterung von Friedensgarantien im allgemeinen keineswegs verfrüht. Wohl verstanden, Mars wird voraussichtlich noch I geraume Zeit die Macht, behalten, Grundlagen für den 8 kommenden Frieden herzustellen und niemand ist deshalb § selbstverständlich bereits in der Lage, spezielle Friedens- I garantiert vorznschagen. Die Zukunft ist uns noch verhüllt I und wir können diesbezüglich nur vage Vermutungen anstellen, 1 aber der Rückblick in die V e r ga n g e n h e i t'steht I dem aufmerksamen Beobachter des historischen Geschehens offen und die Ursachen des gegenwärtigen Weltkrieges sind unschwer zu erkennen. Die unfähige zünftige Diplomatie, 'welche gegenwärtig noch in allen Staaten die auswärtige Politik leitet und sich in der Regel nur von Nachfragen bei Verfolgung ihrer Pläne leiten läßt, aber volksfremd und unpsychologisch dabei keine Rücksichten im moralischen, gesetzlichen und allgemein menschlichen Belange übt, muß als erste S ch u l d t r ä g e r i n an dem gegenwärtigen Wellbrande bezeichnet werden. Welch' empörende und beschämende Taten haben ' die .Herren Diplomaten nur in den letzten hundert Jahren am Gewissen! Der skandalöse Opinmkrieg Englands und Frankreichs gegen China treibt heute noch die Schamröte ins Gesicht aller rechtlich denkenden Menschen, ebenso die wahrhaft cynische Gleichgiltigkeit aller beteiligten „Garantiestaaten* gegenüber frecher Vertragsbrüche seitens kleiner Staaten (§ 44 des „Berliner Vertrages"), wie aNch die schreckliche Gleichgültigkeit aller europäischen Staaten gegenüber den serbischen Königsmorden und den russischen Judenverfolgungen, die man für „auswärtige innere Angelegenheiten" erklärte, in die man sich nicht einmischen müsse. ' ' Dnrch die letzterwähnten Vorkommnisse wurde nicht nur die faktische Straflosigkeit der serbischen Königsmörder, sondern sogar die glänzende Belohnung für diese Verbrechen Möglich. Warum bedachte man nicht rechtzeitig, welch verheerende. moralische Wirkung eine derartige Volserziehnng Nicht nur für die Völker der betreffenden Staaken, sondern weit über, alle Staatsgrenzen hinaus bei der heutigen Weltpresse und dem gegenwärtigen Weltverkehre nehmen muß? War es beispielsweise glaublich, daß die uyrdamerikanische Union durch ihre bekannten Ansnahmsgesetze. gegen die Einwanderung Angehöriger der gelben Meisichem-cisse die moralischen und Humanen Anschauungen ihrer Staatsangehörigen heben werde? Waren dann die bestialischen Ausbrüche des Haffes gegen die Negerrasse erstaunlich.? War z. B. in Oesterreich-Ungarn die nachsichtige Duldung des Nationalitätenhasses, des Judenhasses richtig und klug? Können sich jetzt