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Die Wahrheit · 1914-08-31 · Heft 32 (31.8.1914) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 32 (31.8.1914)
Date
1914-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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-kidaktion und NdmnUftralion; Wie«, 11,, Nvvaragasse 27 Telephon: Nedaktiou bbvS/lV. Anakhängige Heitfchnft für jüdische ÄiUijltthkig.K 14.— .K 7 — Ndministrarioii 4SS8 N. K.!. Sfterr. SUoftluattafta. kcheek-Konio Nr. 100.018. Interessen. Für JViiÜnSbeuiiite: iMuiifliiillriii ...... K Ii».— Inserate: Die UterinaL gefallene -toupareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Alreitng. Für VIUrlaub: Adounrmeiu»-- und Aniertions- <»..u»livöriii.» «I»re -«rüge sind in Wien zayiünr und klagbar. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ü »tiibft oder IO ftrcS. Ilr. 33. Wien, 31. August Inhalt: Ans der Woche. — Friedensgarantien. — Des Kaisers Geburtstag. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Russische Lockungen an die Inden. — Ben Kisma. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Rußland hat seit Beginn des Krieges durch verschiedene Proklamationen und Erklärungen die Welt überrascht. Es hat z. B. durch ein amtliches Communiqus der russischen Gesandtschaft in Sophia feierlich versichert, daß es einen Krieg begonnen, der lediglich das Ziel verfolge, „die Sicherung der politischen, moralischen und wirtschaftlichen Emanzipation der kleinen europäischen Staaten" zu bewerkstelligen. Den Polen,, die in dem Zaren bisher den Patron und Gönner ihrer Henker und Kerkermeister erblickten, hat Kaiser Nikolaus das herrliche Versprechen gegeben, ihnen ihre Autonomie, ihre Freiheit und überhaupt alles, was ihr Herz begehren kann, zu gewähren. Und noch von ähnlichen, wunderschönen Ennnziationen des Zarentums hörte man. Wen wird es da noch überraschen, daß die I u d e u i n Rußland z u r b e g e i st e r t e n Teilnahme am Kriege a n f g e f o r d er t w urde n, i n d e m m an sie a u d i e Wohltaten erinnerte, deren sie sich unter dem g e g e n w ä r t i g e n R e g im e zu erfreue» hatten. (?) * * * Der Zar als Wohltäter der Inden! Die Sprache ist zu arm, um die grauenhafte Heuchelei zu geißeln, die in dieser Proklamation schamlos zum Ausdruck gelangt. Kann man dreister der Wahrheit ins Antlitz schlagen,, als indem man — um nur eines hervvrzuheben — wagt, denselben | Zaren als Wohltäter der Inden zu preisen, der die Veranstalter von grauenhaften Jndenmassakers durch Orden auszeichnete! ' Wahrhaftig, der einzig vernünftige Gebrauch, der von diesen Ordensbändern gemacht werden könnte, wäre der gewesen, die Arrangeure der Pogroms daran aufzuhängen .. . Man war — und nicht blos in Rußland — an das eigenartige Wöhltnn des, Zaren gegenüber seinen unglücklichen jüdischen Untertanen schon so gewöhnt, daß es niemand mehr auffallend fand, als auch alle Amtspersonen, die in dem Prozeß Beilis für die Verurteilung des unschuldigen Juden eingetreten waren, von dem Zaren ausgezeichnet wurden. Sie hatten so redlich das Ihre getan, damit das Blut eines Unschuldigen vergossen werde, an ihnen hatte es nicht gefehlt, daß der Pogromversnch im Gerichtssaal nicht so gelang, wie der, in Kischinew und in den vielen anderen russischen Orten, deren Namen in der Geschichte der Juden in Rußland mit Blut verzeichnet ist. Zar Nikolaus, der die Mörder von Inden mit seinen Sympathien und Orden beehrte, mag dereinst in der Geschichte welchen Namen immer tragen, unter dem eines Wohltäters der Juden dürfte er kaum auf die. Nachwelt kommen. 4- --- * In der Proklamation, welche den Zaren als Wohltäter der Inden preist, werden die unglücklichen russischen Juden daran gemahnt, daß es ihre heilige Pflicht sei, Gut und Blut für ihren Kaiser zn opfern. Merkwürdig, ähnliches, wenn auch nicht mit denselben Worten, haben die Huligans anläßlich der vielen Pogroms von den Inden verlangt. Auch damals wurden die Mordgesellen, angeblich im Namen des Zaren, auf die Juden gehetzt... Nur hieß es damals nicht, daß der Zar dies als Wohltäter der Juden fordere. * -r- * Und doch ist es, trotz alledem und alledem, zweifellos, daß die armen, gehetzten, selbst in ihrem Leben stets bedrohten Inden in Rußland, nur nach Besiegung eines harten, schweren Seelenkonflikts dahin gelangen können, in den Armeen, die die Despotie Niederschlagen, auch mit Freuden ihre Befreier zu begrüßen. Das jüdische Religionsgesetz fordert eben von seinen Bekennern Treue und Gehorsam gegenüber der Regierung des Landes, in dem sie wohnen ... Freilich sollten auch russische Monarchen, denen es gar wohl bekannt ist, daß die Juden nichts inniger und sehnlicher wünschen, als treu ihrem Vaterlande dienen zu dürfen, mit diesen Gefühlen keinen Mißbrauch treiben.. . Da erinnert man sich an das Wort des hochherzigen Macaulay, des großen englischen Historikers, der einst den Herrschern, die Vorwände für ihre Despotie suchen,, zurief: »Man muß Regenten nicht in dieser Weise ihrer feierlichen Verantwortung sich entledigen lassen. Es paßt nicht in ihren Mund, zu sagen, daß ein Volk oder eine Sekte nicht patriotisch ist. Es ist ihre Sache, sie patriotisch zu machen." Nun. die Mittel, mit denen der Zar die Polen, die Finnen, die Juden, die Ukrainer usw. „patriotisch" zu machen bestrebt ist, haben wir schaudernd kennen gelernt: Knute, Galgen. Sibirien — das sind die russischen Erziehungsmittel, die zum Patriotismus führen sollen... *

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