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Die Wahrheit · 1914-08-14 · Heft 31 (14.8.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 31 (14.8.1914)
Date
1914-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31. Die Wahrheit Seite 5 Sasanow jetzt noch, die Strafaktiou Oesterreich-Ungarns gegen Serbien einen „Vorwand zum Krieg gegen Rußland" zu nennen. Heiter wirkt es, wenn Sasanow in der Reichsdmna behauptet, Oesterreich-Ungarn sei durch innere Wirren zerrissen und führe deswegen den gefährlichen Kampf gegen Rußland. Trifft diese Behauptung nicht wahscheinlicher auf Rußland zu? Nun wir müssen uns auf harte Zeiten gefaßt machen, aber das Recht und die Moral ist im kommenden Kriege aus Seite Oesterreich-Ungarns und des Deutschen Reiches. Der Kriegsbeginn läßt stich gut an. Alle Einbrüche der Russen und Franzosen in die Gebiete der Verbündeten wurden bisher tapfer abgeschlagen, aber ihre Heere sind in Oft und West vorgedrnngen. Mit Recht erklären die in Russisch-Polen eingedrnngenen Verbündeten, sie wollen „die Schranken sprengen", welche den Verkehr der Polen in Rußland mit den Errungenschaften der westlichen Kultur behindern. Mit voller Berechtigung wird diesen Bewohnern des russischen Reiches von den Siegern „Gerechtigkeit und Menschlichkeit" versprochen, die ihnen unter der moskowitischen Knute bis jetzt vorenthalten wurde. Die jüdischen Krieger, welche in diesen Entscheidungskamps ziehen, sind wahrlich von Gott begnadet, besonders dann, wenn es gegen die Russen geht. Sie dürfen mithelfen, den gefährlichsten Würger aller Volksrechte und Freiheiten, das frechste Vorbild aller Judenfeinde, die Veranstalter der feigen Judenpogrome und Entkeimung der Inden in Rußland, deren Zahl 5 Millionen übersteigt, zu züchtigen und zu demütigen. Nun ist für die Juden, ja für alle rechtlich denkenden Menschen, keine Zeit zum Jammern und Winseln! Der große geschichtliche Moment soll und muß auch das entsprechende große Geschlecht finden! Nur dann, wenn die Menschheit die Krasl anfbringt, die kommenden Hanen Zeiten wacker zu überdauern und die moskowitische Niedertracht zu Boden zu strecken, kann wieder die Sonne des Friedens und des Völkerglückes das Kriegsgewölk durchbrechen. Auch die znwartende Haltung Italiens und Rumäniens brailcht uns vorläufig nicht zu schrecken. Schließlich entscheidet nicht die Zahl der Feinde und der Weltenschöpfer lenkt heute noch die Geschicke aller einzelnen Menschen und Völker. Nur keine übermäßige Angst, sondern der Zukunft fest und wacker entgegengeschritten! „Siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels!" R. L. Gottlied Keitelheim. Jäh und unerwartet traf uns die Kunde, daß der in den weitesten Kreisen des Wiener Judentums bekannte Präsident des Tempelvereines im IX. Bezirk Gottlieb Bettelheim Donnerstag den 6. d. M. nach kurzem Leiden im 69. Lebensjahre verschieden ist. Einer der Braven und Wackeren ist mit ihm dahingegangen, ein Mann von ausgeprägtem Gemeinsinn, dessen Betätigung unvergängliche Beweise zurückläßt, ein eifriger Förderer von Kunst und Wissenschaft, ein aufrichtiger Freund der Armen und Bedrückten. So oft in den letzten Jahrzehnten in der Wiener Knltusgemeinde ein Werk der Nächstenliebe erstanden ist, hat Gottlieb Bettelheim seinen Teil dazu beigetragen, an zahlreichen gemeinnützigen Institutionen und sozialen Fürsorgeakten hat er verständnisvoll mitgeraten und mitgeschaffen, unzählige Vereine erfreuten sich seiner Hilfe und Gönnerschaft und niemals hat man vergebens an sein helfeusfreudiges Herz appelliert. Groß war sein Interesse an allen Vorgängen in der Wiener Kliltusgemeinde, aber mit ganz besonderer Hingebung widmete er sich dem Tempelverein „Chewra Beth Hatfillah" im IX. Bezirke, dessen Werden und Gedeihen ihm Jahrzehnte lang am Herzen lag und den er durch unermüdliche, opferfreudige Arbeit von kleinen Anfängen zu seiner jetzigen anerkannten Bedeutung emporführte. Die geradezu väterliche Liebe, die er dem Verein bezeugte, wurde ihm hundertfältig vom Vorstande und den Mitgliedern desselben vergolten. Stolz blickten sie auf ihren Führer und unendlich war das Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachten. Nun ist er jäh dahingegaugen, gerade in dieser ernsten Zeit, da es der Hingebungsvollen und Opferfreudigen so sehr bedarf, und doppelt schwer wird daher sein Dahinscheiden empfunden. Tröstlich mag seiner Familie und allen, die ihm im Leben nahestanden, nur der Gedanke sein, daß der Heimgegangene durch seine vielen, guten Werke sich ein unvergängliches Andenken gesichert hat. Er ruhe in Frieden! * . * ' ' y- Von der Zeremonienhalle der israelitischen Abteilung des Zeutralfriedhofes aus fand am 9. d. M. um 11 Uhr vormittags das Leichenbegängnis des am 6. d. M. verblichenen Herrn Gottlieb Bettelheim statt. Außer der Witwe Regina Bettelheim, ihren Kindern, der Familie und vielen Vereinen, die der als Wohltäter bekannte Mann gefördert hat, wohnten der Trauerfeier bei : Rektor magnificus Hofrat Professor Dr. v. Wettsteiu, die Universitätsprofesforen Dr. Hnpka, Dr. Benedikt und Dr. Ehrmann mit Gemahlin, der Vizepräsident der Kultusgemeinde Hofrat Dr. Rappaport mit vielen Mitgliedern des Vorstandes, die Bethausvorstände Karl Freund und Wasservogel, Ersterer Sekretär kais. Rat Dr. Lieben, Militäroberrechnungsrat Wollner, der Präsident des humanitären Vereines B'nai Brüh „Eintracht" Dr. Schnabl, der Obmannstellvertreter des Tempels im IX. Bezirke Dr. Schnepp mit allen Vorstandsmitgliedern, die Präsidentin des Seehospizes Frau Dr. Sofie Grünfeld mit vielen Vorstandsmitgliedern des Vereines, die Vorstandsdamen des Vereines „Frauenhort", die Obmänner aller Tempelvereine in Wien, eine Abordnung der jüdischen nrsn3a academica, dann: die kaiserlichen Räte Paul Lemberger, Dr. Krüger und Kauders, kön. Rat Dr. Mittler, Gemeinderat Architekt Melcher, ehemaliger Reichsratsabgeordneter Wrabetz, Professor Josef Sulzer, Bezirksrat Hiller, Kommerzialrat Leinkauf, die Industriellen Karl Lemberger, Kommerzialrat Mvriz Hacker, Kremenetzky, Jacques Karpeles und kaiserlicher Rat Alexander Engel von Janosy, kaiserlicher Rat Frankl, zahlreiche Aerzte und Advokaten, Rechtskonsulent Dr. Adler, Feldrabbiner Dr. Koliusky (Pilsen), Bahuoberiuspektor Engel, Notar Dr. Bermann rc. Oberkantor Kläger trug in erhebender Weise die rituellen Gebete vor; dann sprach Rabbiner Dr. Feuchtwang die üblichen Trauergebete. Hierauf sprachen: Hofrat Vizepräsident Dr. Rappaport für den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Vizepräsident Dr. Schnepp für den Tempelverein im IX. Bezirke, Präsident Dr. Jakob Engel namens der Tempelvereine, Professor Dr. Benedikt für den israelitischen Frauenhort, dessen Gründer Bettelheim war, Herr Lampe! für den israelitischen Krankennntersttttzungsverein im IX. Bezirke, Rabbiner Dr. Kaminka für das „Beth Hamidrasch", Herr Ignaz Frankl für den Wiener Kredit- und Vorschuß- Verein und Kantor Mayrowitsch namens der Beamten. Alle Redner rühmten den Wohltätigkeitssinu des Verblichenen für arme, in Not und Bedrängnis geratene und kranke Menschen. Eine herzerhevende Erhörte. Bekanntlich werden, einem diesbezüglichen Aufträge des Präsidiums der Kultusgemeinde gemäß, bei den samstägigen Gottesdiensten in allen Tempeln und Bethäusern Wiens im Anschlüsse an das Kaisergebet. Gebete für den siegreichen Ausgang des Krieges gen Himmel gerichtet. Diese Gebete erhalten durch deren Inhalt und beim Einheben der Thorarollen in die Bundeslade erhöhte Aufmerksamkeit und werden stets mit den herzlichsten Wünschen für deren vom Allmächtigen gewährten Erfolge seitens der Andächtigen begleitet. Eine besotiders tief zu Herzen gedrungene und deshalb mit wahrhafter und aufrichtiger Rührung angehörte Exhorte war die von Rabbiner Dr. Kaminka am letzten Sabbath in der

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