Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 31 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 31. rechtschaffen handelt. Gott und unser allergnädigster Kaiser wollen, daß Ihr zum Militär genommen werdet. Schicket Euch daher in Euer Schicksal, folget ohne Murren, seid treu aus Pflicht, und geduldig ans Gehorsam. Vergesset aber nicht Eure Religion. Schämet Euch nicht, Inden zu sein, unter so vielen Christen. Betel Gott täglich bei Eurem Anfstehen an. Gottesdienst geht vor allem. Der Kaiser selbst ist schuldig, Gott anzubeten und alle seine Diener, die gegenwärtigen und die abwesenden, beten täglich ihren Schöpfer an. (Indem der Rabbiner jedem Soldaten ein Paar Gebetriemen, ein Päckchen mit Schanfäden und ein kleines Gebetbuch reichte, fuhr er fort:) Schämet Euch dieser Zeichen der Religion nicht. Habet Ihr Zeit, so. betet täglich, was ein Jude zu beten verpflichtet ist. Habt Ihr aber nicht Zeit, so leset wenigstens das Schema. Den Sabbath könnt Ihr auch halten, indem ich höre, daß Ihr an diesem Tage meist rasten werdet. Die Wagen schmieret immer Freitag vor Abend. Tuet überhaupt alles, was sich tun läßt, am Freitag, bevor der Sabbath eingehr. Lebet in Eintracht mit Euren christlichen - Kameraden. Sehet, daß Ihr sie zu Euren Freunden macht, dann werden sie am Sabbath für Euch Dienste tun, Ihr aber werdet für sie am Sonntag, wo sie als Christen zu feiern schuldig sind, arbeiten. Der Kaiser war so gnädig, zu sagen, daß mau Euch nicht zwingen wird, Fleisch zu essen. Ihr könnet demnach immer von Butter, Käse und anderen erlaubten Speisen leben, bis Ihr zu Juden kommt, wo Euch dann Eure menschenfreundlichen Mitsoldaten erlauben werden, zu ihnen zu gehen. Sollte jemand von Euch krank werden, so trachte er, sich so lange mit Tee zu erhalten, bis es die Notwendigkeit erfordert, Fleischbrühe zu sich zu nehmen. Im übrigen seid Gott treu im Herzen. Weichet in keinem Falle von dem Glauben Eurer Väter und dienet unserem allergnädigsteu Landesfürsten mit gutem Willen und rastloser Tätigkeit. Erwerbet Euch und unserer ganzen Nation Dank und Ehre, damit man sehe, daß auch unsere bisher nuterdrückte Nation ihren Landesfürsten und ihre Obrigkeit liebe und im Falle der Not ihr Leben zu opfern bereit ist. Ich hoffe, daß wir durch Euch, wenn Ihr Euch, wie es jedem Untertan geziemt, pflichttreu aufführet, auch noch jener Fesseln entledigt werden, die uns zum Teil noch drücken. Und welchen Ruhm und welche Ehre werdet Ihr alsdann davontragen, bei allen rechtschaffenen Menschen so gut, wie bei Euren Mitbürgern. Und hiemit will ich Ench noch meinen aus innigem Herzen kommenden Segen erteilen." * ... * * Wir entnehmen den Wortlaut dieser Ansprache einer Broschüre, die im Jahre 1789 in Wien erschien und den Titel führte: „Soll der Jude Soldat werden?" Daß diese schlichte, von Vaterlandsliebe und Religiosität beseelte Rede mit großer Rührung aufgenommen wurde, darf man wohl gerne den Berichten glauben, die von Augenzeugen dieser Szene erhallen blieben. M a l e a ch i. Der Wettkrieg ans der Erdkugel. Die Befürchtung, der Mörder Princip habe mit seinen Schüssen einen allgemeinen Weltkrieg ausgelöst, ist unheimlich schnell von den Ereignissen als richtig bestätigt worden. Das perfide Albiou erweiterte den europäischen Krieg durch sein Eingreifen zu einem allgemeinen Weltkriege. Empörend wirkt dabei die moralische Pose, welche das britische Reich dabei nimmt. Es erklärt den Deutschen angeblich deshalb den Krieg, weil es als Schützer der Staatsverträge durch den angelündigten Einmarsch der reichsdeutschen Armee in Belgien hiezu gezwungen sei. Also die britische Regierung, welche als „Siguatarmacht" des „Berliner Vertrages" jahrzehntelang hiezu geschwiegen hat, als Rumänien den § 44 des genannten Vertrages seinen jüdischen Untertanen gegenüber frech verletzte, welche im letzten Jahre auch dann dazu schwieg, ja jede Aufforderung einer Intervention schroff abwies, als Rumänien von seinen Inden im letzten Kriege Gut und Blut in gleichem Ausmaße wie von allen anderen Rumänen heischte und hinterher die neu gegebenen Versprechen, ihnen die vollen Staatsbürgerrechte redlich zuzusprechen in empörender Weise abermals brach, will nun die Welt glauben machen, es sei moralisch gezwungen, einen Bruch eines Neutralitätsvertrages vom Jahre 1831 blutig zu rächen. Dies tut dasselbe England, welches seinerzeit im Bunde mit Frankreich die schändlichen Opinmkriege mit China führte, welches in Indien Millionen friedlicher Menschen unterjochte und ausuützte und welches erst vor einigen Jahren das biedere und tapfere Burenvolk in Südafrika - gewaltsam unterjochte. Dies tut dasselbe England, welches sowohldie russischen, als auch rumänische Pogrome, sowie die serbischen Königsmorde seinerzeit als auswärtige „innere Angelegenheiten" erklärte, in die man sich nicht hineinmischen müsse. Ach, wie tief ist ganz Europa gesunken! Wie tief ist Frankreich gesunken, das Reich, welches den europäischen Völkern die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" bringen sollte und zu dem die Augen aller Freiheits- und Knlturfreunde erwartungsvoll gerichtet waren! Nun ist es zum Helfershelfer des moskowitischen Barbarismns herabgesnnken, den es noch unter dem französischen Kaiserreiche tapfer niederdielt. Mit Staunen und Granen erfahren wir, wie wenig das allgemeine Menschentum bis heute noch imstande war, die nationale Bestie im Zaume zn halten. Nicht nur in Rußland, nein, auch in Frankreich und. Belgien erlebten wir es in den letzten Tagen, daß unschuldige Fremde vor der nationalen Bestie nicht einmal des Lebens sicher sind. Nur Oesterreich-Ungarn war tatsächlich durch den gräulichen Prinzenmord in Sarajewo gezwungen, Serbien gegenüber kriegerisch aufzutreten, aber die Mächte der Tripeleulente wurden zu ihren Kriegserklärungen tatsächlich nur durch Furcht und Neid getrieben. Der Koloß auf tönernen Füßen, das freiheitsmordende Rußland, macht seit dem russisch-japanischen Kriege die Politik der Verzweiflung. Das schuldbeladene russische Reich fürchtet wohl automatisch auseinander zu fallen,, wenn es die Aufmerksamkeit der Massen nicht noch rechtzeitig auf äußere Feinde lenkt — England und Frankreich werden aber durch den ungeahnten wirtschaftlichen, kulturellen und moralischen Ausschwung des Deutschen Reiches Jahrzehnte schon von Furcht und Neid in immer steigendem Maße gepeinigt. Die grauenhaften Würfel des Krieges sind gefallen, eines Krieges, dergleichen die Welt noch nicht gesehen. Wir befinden uns erst an der Schwelle desselben und schon grinsen uns allgemeine Geschäftsstocknng, Arbeitslosigkeit und Teuerung entgegen. Man muß sich wohl auf harte Zeiten gefaßt machen. Allgemeine Not kann aber nicht nur die schlechten, sondern auch die guten menschlichen Anlagen anslösen und aktiv gestalten. In Oesterreich-Ungarn ruht plötzlich aller Nationalitätenstreit, der demselben bekanntlich die Beschämung brachte, daß seine Völker nun nicht einmal in der Lage waren, ihre Opferwilligkeit in der Reichsvertretung vor aller Welt zn dokumentieren. Alle Volksschichten ohne Ausnahme ihrer sozialen, nationalen und konfessionellen Zugehörigkeit scharen sich opferwillig und freiwillig zusammen, um die drohende allgemeine Notlage zu mildern. Dies geschieht in Oesterreich- Ungarn nnd Deutschland mit einem heiligen Eifer, der gegen die Uneinigkeit in Frankreich und England seltsam absteht. Während sich in Deutschland eine Versöhnung des Kaisers mit der Sozialdemokratie vollzog, hat in Frankreich die nationale Bestie einen ihrer besten Männer, den edlen Friedenseiferer Jaurös, meuchlings ermordet. Derselbe Zar endlich, den Kaiser Wilhelm öffentlich der Unehrlichkeit zeiht, erlaubt feinem Minister des Aeußeren