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Die Wahrheit · 1914-08-07 · Heft 30 (7.8.1914) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 30 (7.8.1914)
Date
1914-08-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 30. Die Wahrheit Israel imd Juda. In einer Artikelserie der „Mitteilungen" wurde kürzlich die Th. Fritsch'sche ethnologische Unterscheidung zwischen Israel, ans das er alle guten, und Inda, auf das er alle schlechten Nasseneigeuschafteu des „orientalischen Fremdkörpers" zurückführt, als reichlich rabulistisch bezeichnet, ohne auf die wissenschaftliche Haltlosigkeit dieser ganz willkürlichen Hypothese näher einzugehen. Da jedoch eine theologische Autorität von dem Range Prof. Königs-Bonn in seiner bereits kurz erwähnten Streitschrift gegen den Antisemitismus*) sich die Mühe nicht verdrießen läßt, auch dieser Behauptung mit unanfechtbarem wissenschaftlichen Material entgegenzntreten, so seien hier aus seiner Entgegnung einige interessante Stellen wiedergegeben. Fritsch hatte den Unterschied zwischen Israel und Inda folgendermaßen formuliert: „Allem Anschein nach haben wir es in den Israeliten mit einem in Palästina ansässigen Hirten- und Ackerbanerstamme, einem Volke von offenbar tiefer Gemütsart, starker Frömmigkeit und religiöser Phantasie zu tun, mit welchem sich erst später die einwandernden Inden vermischen, derart, daß die letzteren (nämlich die eigentlichen Jakobs-Nachkommen, schließlich den Namen der Jsraelitell für sich beanspruchen." Prof. König hat alle Quellen durchforscht, aber nichts .gefunden, was diese phantastische Behauptung 511 stützen geeignet wäre: „Nicht die geringste Spur davon kann gefunden werden, daß Inda den eigentlichen Jakobs-Nachkommen repräsentiere. Wenn von einem solchen überhaupt gesprochen werden dürfte, könnte man ja eher Josef als solchen hinstellen, denn dieser wird in den alten Sprüchen Gen. 49, 3—27 und Deut. 33, 6 ff. der „Auserlesene Fürst" (mein W. B. 270 b) unter seinen Brüdern genannt (Gen. 49, 26; Deut. 33. 16). Doch auch dies wäre selbstverständlich falsch. Also in. den Quellen gibt es keinen Anhalt für die Behauptung, daß Inda der eigentliche Jakobs-Nachkomme sei, sondern eher das Gegenteil ..." „. . . Von einer Anmaßung des Namens „Israeliten" durch Inda darf also nach den Geschichtsquellen nicht die Rede fein; Nach ihnen war der Name Israel von altersher eine Bezeichnung des gemeinsamen Stammvaters aller Stämme Gesamtisraels und erscheint so auch tatsächlich, indem z. B. „das Land Israels" statt,Kanaan gesagt wird in 1. Sam. 13, 19 usw." Auch was Fritsch über die angeblichen Nasfengegensätze zwischen Israel und Inda und die „zwei verschiedenen Geisteswelten" sagt, verweist -König in das Reich der Fabel; es handle sich höchstens um eine gewisse Rivalität der einzelnen Stämme eines Volkes, -wie sie ja auch heute noch vorkomme: „Aber ist es denn nicht auch z. B. zwischen Bayern und Preußen weithin der Fall oder der Fall gewesen, daß sie sich „verschieden .fühlten" Und etwa ein Bayer bei Gelegenheiteinmal von einein,„Malefizpreußen" sprach? Mußten sich nicht auch z. B. die Sachsen, ehe sie bei St. Privat usw. ehrenreich neben der "preußischen Garde gefochten hatten, vielfach „eine verächtliche. Meinung" über sie gefallen lassen?**) Ans solchen Rivalisiernngen Und gelegentlicher gegenseitiger *) Das antisemitische Hauptdogma (Verlag M. u. E. Weber, Bonn.) ° ' . **) Auf der anderen Seite war bekanntlich Richard Wagner ein eingefleischter sächsischer Pärtikularist. Für ihn 'war der Sachse die feinste Blüte des Deutschtums. In einem dieser Tage veröffentlichten Briefe, den Wagner am. 7. April 1868 in München an seinen Freund Constatin Frantz geschrieben hat', heißt es n. a.: „Sie haben recht ist allem, was Sie von dem sächsischen Wesen sagen, und dieses ist mir neuerdings durch historische Studien, wie der englischen Geschichte von Uenem recht bedeutungsvoll aufgegangen. Mir ist erschienen, daß von allen Deutschen nur die Goten und die Sachsen wahre unvertilgbare Kulturanlagen hatten, wogegen namentlich die Franken sehr abstehen. So dünkt es mich auch hvffnnngsverheißend, daß die neueste Wendung gerade die alten sächsischen Stämme zu etwas Kraftbewußten vereinigt hat und ich meine fast, sie sollten es Bismarck verzeihen,' daß er dieses vorläufige dynamische Resultat auf seinen imaginären preußischen Weg zustande gebracht; was weiß das Werkzeug vom Werke, das es verrichtet." D. R. Herabsetzung folgt aber kein Rassengegensatz. Und nun höre man doch die Worte, die in jenem Artikel zuletzt über den Fragesatz von 2. Sam. 3, 8 geschrieben sind: „Es ist höchst verwunderlich, wie diese so verräterische Stelle hat stehen bleiben können, trotzdem die jüdischen Redaktoren mit allem Fleiß daran gearbeitet haben, die israelitischen Religionsurkunden sich zu assimilieren und für eigene Geisteserzengnisfe auszngeben. Die Verschmelzung der beiden Geisteswelteu hat also doch nicht so ganz gelingen wollen!" (S. 11o.) Ist das nicht die reine Tirade, die jemand anstimmt, um die Dissonanz zn übertönen, die zwischen den tatsächlichen Aussagen der Quellen und seiner vorgefaßten Meinung besteht? Nein, jener Fragesatz ist gar nicht „verräterisch" und es ist keineswegs „verwunderlich", daß er in den Geschichtsbüchern Israels steht. Aber darüber mnß man sich verwundern, daß ohne Anhalt in den Quellen jemand von „jüdischen Redaktoren" sprechen kann, die darnach gestrebt hätten, die „israelitischen" Religionsnrknnden für „jüdische" anszugebeu." Fritsch „psychologisches Feingefühl" hat bei dem Studium der einschlägigen hebräischen Literatur zn folgender „Erkenntnis" geführt. „Was an kultnrellen und geistigen Leistungen aus jener Zeit zn verzeichnen ist, darf nickt ohne weiteres ans das Konto der Hebräer gesetzt werden. Wer nur einiges psychologisches Feingefühl besitzt, dem enthüllt sich die Verschiedenartigkeit der alttestamentlichen Schriften an vielen Stellen. Er kann anch heranssühlen, was vom alten echten Israel stammt und was von den Inden. Elfteres dürste besonders von den Büchern der Propheten gelten." Pros. König erwidert daraus: „Nun darauf kann der Verfasser jenes Artikels sich verlassen, daß wir alttestamentlichen Fachgelehrten mehr von den Verschiedenheiten des althebräischen Schrifttums wissen, als er. Auch die Unterschiede, die zwischen der mosaischen Gestalt des alttestamentlichen Religionswesens und der prophetischen Gestalt desselben bestehen, sind uns wohlbekannt, wie er z. B. aus meiner Geschichte der alttestamentlichen Religion, S. 312—342, ersehen kann. Aber das ist ja gar nicht die Frage, sondern dies, ob die prophetische Gestaltung dieser Religion und Geisteskultnr überhaupt ein Weiterban auf altem Grunde, die Fortbildung eines alten geistigen Besitztums der Gesamtnation Israel oder die Leistung einer besonderen Rasse von Menschen gewesen ist. Das letztere kann niemand durch „psychologisches Feingefühl" wahrnehmen. Das kann nur der behaupten, der von allen oben kritisierten, und als unbegründet erwiesenen Sondermeinungen des Antisemitismus ausgeht. Als Haupttrumps hatte dann jFritsch noch ein rein äußerliches Moment angeführt: „Die heutigen Inden wissen recht wohl, wie wenig die alten israelitischen Propheten mit ihrem Stamm zn tun haben, denn so gern sie sich heute noch mit alttestamentlichen Namen nennen, io nennt sich doch kein Jude Jeremias, Jesaias, Amos. Abadja, Hesekiel usw. Sie wissen, daß es sich hier um Männer eines fremden Stammes handelt, um Leute, die nicht ans Inda kamen, und die eine tiefe Kluft vom jüdischen Denken und Empfinden schied: Das ist natürlich eine rein willkürliche Kombination des großen Religionsforschers Fritsch, und Prof. König leuchtet diesem religionswissenschastlichen Charlaran denn auch gehörig heim: . „Man muß lächeln, nm sich nicht gar zn sehr über die anmaßende- Willkür dieser Behauptungen zn entsetzen. Oder kann solche Vermeidung von Wiederholung alter Prophelennamen, soweit sie wirklich vorkommt, nicht anch andere Gründe haben? Kann sie nicht geschehen, weil diese Namen zn deutlich an bestimmte Drohungen oder ans den (christlichen) Messias bezügliche Verheißungen erinnern? Daß die Heutigen Inden diese Propheten nicht zn ihren Religionsgeuossen rechnen, daran ist ja gar nicht zn denken. Neben den Abschnitten des mosaischen Gesetzes, dessen spätere Betonung natürlich anch in meiner Geschichte usw. (S. 421 ff.) nach-

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