Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 30 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 6. Die Wahrheit Nr. 30 ihm zustande kam. Auf einer Turuee vernahm sie, daß Lazarus in Freiberg krank und ohne Pflege darnieder liege. Sofort war sie bereit. Samariterdienste bei ihm zu verrichten und ihn ununterbrochen zu pflegen, bis er soweit dergestellt war, daß die Aerzte eine Reise nach dem Süden vorschlugen. Lazarus sprach den Wunsch aus, daß sie ihn dorthin begleiten möge. Um diesen Wunsch erfüllen zu können, -ließ sie sich von Dr. Lewin in der Synagoge zu St. Gallen mit ihn trauen, nachdem sie ihren Ueberlritt zum Judentum vollzogen hatte, bei welchen sie den Namen Ruth erhielt. Frau Nahyda ist begeistert vom jüdischen Familienleben und kennt alle religiösen Institutionen, an denen sie Gefallen findet. Beim Professor Dr. Stein in Bern weilte sie einige Tage, nm beim Beschneidungsfeste seines Sohnes anwesend zu sein. Beim Dr. Ungar in Jglau feierte sie den Sederabend. Sie zeigte mir Photographien von Lazarus ans verschiedenen Perioden seines Lebens, wie auch die seiner Freunde und deren ihm gewidmeten Werke — Herbert Zellen u. a. Frau Lazarus ist noch literarisch tätig und Mitglied vieler humanitärer Vereine. Zunächst widmet sie sich Akten der Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten, dem sie oberhalb des Einganges der Villa Rmh eine Marmortafel zur Erinnerung an den zehnten Todestag des Begründers der Völkerpsychologie errichtete. Sie gab auch seine ihr diktierte Autobiographie „Aus . meiner Jugend" heraus, in welcher Lazarus seinen Bildungsgang, seine geistige Entwicklung vom Rabbinatskandidaten bis zum Professor in geistreicher Weise darstellt. Ich besuchte auch sein Grab. Der Grabstein hat folgende Inschrift: Treu und Frei Moriz Lazarus, Philosoph. 1824—1903. 15. September — 13. April. Ein Magen David bildet den Schluß derselben. Auf dem Grabe liegt ein Kranz mit einer Schleife „In dankbarer Verehrung, Großloge für Deutschland. Neben seinem Grabe ist ein freier Platz, den angeblich Frau Lazarus für sich reservieren ließ, es ist der letzte freie im alten Friedhofe, ans welchem auch Peter Smolenski (gestorben 16. Schewat 1883) begraben ist. — Durch diese Kundgebung hat Frau N. Ruth Lazarus den über das Grab hinausgehenden Bund der Treue gegen ihren Gatten besiegelt und den Ausspruch ihrer Namensschwester: „Dein Volk ist mein Volk, dein Gott mein Gott, wo du stirbst will ich auch sterben und dort begraben sein, auch der Tod trennt mich nicht von dir", erfüllt. Frankl-Grün. Der Kahnbrecher einer nenen Wissenschaft. Professor Hugo Münsterberg von der Harvard Universität, der größten Hochschule der Vereinigten Staaten, hat bekanntlich die Grundlage zu einer ganz neuen Wissenschaft, der „Psychotechnik" gelegt. Die Behauptung, daß das Judentum schöpferische Talente nicht hervorgebracht habe — höchstens uachahmende und vermittelnde —, findet in diesem Bahnbrecher einer neuen Wissenschaft, von der E. Wilkeu- Berlin in einem acht Seiten langen Aufsatz der „Krenz-Ztg." sagt, daß sie „dem angebrochenen Jahrhundert eine seiner stärksten Konturen geben wird", die beste Widerlegung. Das konservative Blatt hat, wie erinnerlich, schon vor einiger Zeit eine ebenfalls sehr sympathische Würdigung der Verdienste dieses hervorragenden Gelehrten um den Fortschritt der Wissenschaft gebracht; der jetzige Essai ist vielleicht noch um einige Grade wärmer. Willen schreibt unter anderem: . . Das Verdienst, die Psychotechnik nicht nur durch Einzelbeiträge gefördert, sondern als erster ihre überraschende Weitreiche und zivilisatorische Bedeutung erkannt, ihr Arbeitsfeld mit den weitesten .Grenzen, fachlich sowohl wie methodologisch abgesteckt organisiert und die nachhaltigsten programmatischen Anregungen zu seiner Bearbeitung gegeben zu haben, gebührt vor allem Professor Münsterberg. In seinen „Grundzügen der Psychotechnik", die zur Hauptsache den Inhalt jener Vorlesungen über das Gesamtgebiet der angewandten Psychologie wiedergeben, die Münsterberg 1910 als Anstanschprofessor an der Berliner Universität gehalten hat, gewinnt er seinen Standpunkt, von dessen Höhe alle Beteiligten, der Fachpsychologie und der Mann der Praxis, der Soziologe, Gesetzgeber, Politiker, der Lehrer, Prediger, Richter, der Künstler und Gelehrte, der Fabrikant, der Landwirt und der Handelsherr das gelobte Land übersehen und die ersten Wegzeige für den nenen Gang ihrer Geschäfte erkennen können." Der hohe kulturelle Wert der Arbeiten Münsterbergs ist heute unnmstritteii. Zum 50. Geburtstag des Gelehrten brachte die „Tägliche Rundschau" einen gehaltvollen Aufsatz ans der Feder Adalbert Albrechts. indem es unter anderem heißt: „An der Harvard-Universität, der größten Universität der Vereinigten Staaten, feiert heute Pros. Hugo Münsterberg seinen 60. Geburtstag. Di? gesamte amerikanische Presse benutzt diese Gelegenheit, um das Lebenswerk dieses bedeutsamen Vertreters deutscher Geistigkeit in Amerika zu würdigen und ihm den Dank ausznsprechen, der ihm gebührt. Aber auch hier in Deutschland haben wir allen Grund uns den Glückwünschen unserer Brüder jenseits des Ozeans anzuschließen, denn darin liegt ja igerade die Größe dieses Mannes, daß er es so wohl verstanden hat, diese zwei Länder einander näherznbringen, für deutsche Kultur in Amerika ^zu kämpfen, aber auch amerikanische den Deutschen näherznbringen. Als Stilist ersten Ranges hat er in unzähligen deutschen und englischen Zeitungsartikeln und in vielen deutschen und englischen Büchern mit ungeheurem Fleiß. Mnt und Gestaltungskraft hüben und drüben eine Aufklärungsarbeit geleistet, wie sie größer und segensreicher kaum mehr zu denken ist. Es ist ja wohl anch kein Geheimnis mehr, daß diese Tätigkeit von den geistigen Führern hüben und drüben dadurch anerkannt wurde, daß man, immer wieder und wieder in großen Fragenj — politischen, ökonomischen, kulturellen — an ihn herangetreten ist, um sich bei ihm Rat und Hilfe zu holen. „. . . In unzähligen populären Vorträgen kämpft er in Amerika für die Vertiefung und Verinnerlichung der Weltanschauung. Immer wieder betont er, daß die wahre Kulturanfgabe der Deutschen darin liegt, dem neuen, einheitlichen, amerikanischen Volk die besten deutschen Wesenszüge aufznprägen, den echtesten deutschen Geist der amerikanischen Kultur beantragen und dadurch mitznhelfen, daß deutsche Seelenart und deutsche Ideale verbreitet werden und Geltung gewinnen. Er erzählt den Amerikanern wie die deutsche Jugend sich wieder nach einer an Fichte anknüpfenden idealistischen Philosophie drängt, wie sie sich wieder heraussehnt aus der allgemeinen Philosophielosigkeit. Er prophezeit, daß die Philosophie der Zukunft, mir dem bereicherten Wissen unserer Zeit, wieder zu Fichte und Hegel znrückkehren, und daß gerade dadurch das deutsche Geistesleben wieder wirklichen Einfluß auf die Weltanschauung aller Kulturvölker ausüben wird. Jeder, der Münsterberg kennt, weiß, daß Deutschland und Amerika noch große Dinge von ihm zu erwarten haben. Als bedeutender Forscher wird er die Wissenschaft wohl noch um viele wertvolle Werke bereichern. Worauf es »ns aber besonders ankommt, ist. daß diesem 50^jährigen die Wissenschaft nur ein Mittel zum Zweck ist Ein Buch ist ihm nichts, wenn es nicht allen zugute kommen kann. Ein frischer Wind weht aus seiner Stndierstnbe hinaus ins Volk, .ins deutsche nnd amerikanische und beide Völker haben sich daran gewöhnt, dankbar zu lauschen, wenn er spricht. Hier ist ein Gelehrter, der die Tat liebt."