Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 30 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30. Die Wahrheit Seite 5 Serbiens und beschleunigte den Ausbruch des österreichischungarischen Krieges mit Serbien. Nun spekulierte das arglistige Rußland aus die Friedensliebe Deutschlands, Englands und Frankreichs und suchte durch diese Staaten Oesterreich- Ungarn einznschnchlern und von der kriegerischen Züchtigung Serbiens abzuhalten. Schon war der russische Zar nach reichsdentschen Darstellungen auf dem Wege durch Privatkorrespondenz den deutschen Kaiser in seinem Sinne zu beeinflussen, als derselbe noch rechtzeitig von der bereits erfolgten vollständigen Mobilisierung Rußlands erfuhr. Nun schäumt auch der gerechte Unwillen nicht nur des offiziellen Deutschen Reiches, sondern auch seines Volkes, gegen das arglistige Rußland auf und es gibt in Berlin und in allen reichsdentschen Großstädten ebensolche kriegerische Volksknudgebungen, wie in Wien und Budapest. Der Weltfrieden hängt nur mehr an einem Haare und die allgemeine Mobilisierung in Oesterreich-Ungarn, wo auch der Landsturm teilweise einbernfen wurde und dessen noch nicht einberufenen Teile sich auch bereit halten müssen, sowie die Kriegsbereitschaft aller europäischen Staaten gefährden denselben aufs äußerste. Schließlich können es Oesterreich-Ungarn und seine Verbündeten doch nicht zngeben, daß Rußland seine politische Hegemonie in Europa so offen entfaltet, wenn dies auch ans Kosten der mitteleuropäischen Moral und Sicherheit geschieht. Rußland sowohl als Serbien, vielleicht auch die dreistaatliche Entente unterschätzen wohl die Kraft Oesterreich- Ungarns und hielten den Völkerstreit in diesem Staate für hinreichend, es zur Verteidigung gegen einen äußeren Feind unfähig zu machen. Aber die Feinde Oesterreichs müssen nun wohl zu ihrem Schrecken erkennen, daß die Liebe und Treue der österreichischen Völker zu ihrem alten, weisen Friedenskaiser elementare Gewalt zeigt. Wenn der Kaiserpatriarch zu den Waffen ruft, dann sind alle Völker Oesterreichs von der Notwendigkeit des Krieges überzeugt und bereit zu allen Opfern. Schier 'das Unglaubliche vollzieht sich jetzt in Oesterreich. Als Bauern und Händler auf Wiener Lebensmittelmärkten Lust zeigten, die ans Anlaß der Mobilisierung eingetretene Verkehrsstockung zu Lebensmittelwucher ansznnützen mit) das kaufende Publikum diese sauberen Patrioten sofort mit aller Energie züchtigte, übernahm der Wiener Bürgermeister Dr. Weißkirchner, der vor einigen Jahren als Handelsminister bekanntlich die Fleischleuerung in Oesterreich künstlich verschuldete, die Rolle des amikorrnplionistischen Drachemölers gegen die Wiener Lebensmittelwncherer und drohte ihnen mit einem festen Preisrarif für Lebensmittel. Selbst der bekannte R . . eichsritter v. Hohenblnm und seine Reichsorganisation der Agrarier Oesterreich-Ungarns, die eifrig bestrebt sind, die Fleisch- und Milchpreise möglichst zu steigern, erklären nunmehr ihre Solidarität mit den Städtern (?) und wollen unter Hintansetzung ihrer „vitalsten Interessen" behnfs Hintanhaltung der Lebensmitteltenernng die Lebensmittelversorgung der Städte organisieren helfen. Wir wollen in Anbetracht der momentanen allgemeinen Notlage an der Ehrlichkeit dieser Versicherung nicht zweifeln, doch können die jüdischen Staatsbürger auch von den Antisemiten die Einstellung ihrer kleinlichen und unwahren Verdächtigungen begehren. Die jüdischen Staatsbürger Oesterreich- Ungarns müssen dem Vaterlande die gleichen Opfer an Gut und Blut entrichten wie die arisch-christlichen und im Belange der patriotischen Opserwilligkeit und humanen Bereitwilligkeit, die Not der wirtschaftlich Schwachen zu lindern, stehen sie ihren arisch-christlichen Nachbarn keineswegs zurück. Es ist daher sehr bedauerlich, daß es in dieser Zeit jndenfeindliche Stimmen tendenziös behaupten, die Lebensmittelvertenrer seien Inden. Es ist wohlbekannt, daß seitdem die Christlichsozialen in Wien herrschen, jüdische Händler auf den öffentlichen Marktplätzen keine Verkanfsstände erhielten. Sind also alle vorerwähnten bäuerlichen und städtischen Lebensmittelwncherer auf den Wiener Marktplätzen Inden gewesen?; Der Wucher und die Uebervorteilnngssucht sind internationale und interkonfessionelle Laster und schon die heidnischen Griechen teilten Dieben und Kausleuten denselben Schutzgott zu. Der viele Jahrhunderte hindurch betriebenen grausamen, ja bestialischen Erziehung der Juden in Europa und ihrer Hineindrängung in den Handelsstand nach müßten dieselben längst schon total verzigeunert sein. Es ist auch nicht fein vom Wiener Bürgermeister, wenn er vor dem Kaiser behauptete, nur der ch r i st l i ch f o z i a l e Gemeinderat sei kaisertreu und zu Kriegsopfern bereit, ebenso entspricht es heute, wo nachweisbar die städtische Bevölkerung Oesterreich-Ungarns bereits die bäuerliche übertrifft, keineswegs der Wahrheit, wenn in der Proklamation des „Reichsverbandes der österreichisch-nugarischen Landwirte" behauptet wird, nur der bäuerliche Nährstand repräsentiere und liefere den Wehrstand des Reiches. — Mögen die momentanen wirtschaftlichen Reibungen infolge des Krieges nun auch empfindlich wirken, die Völker Oesterreich-Ungarns und insbesondere die jüdischen Staatsbürger haben keine Ursache, an der Znknnst und dem Ausgange dieses Weltkrieges zu verzweifeln. Der ärgste Bedrängeraller Volksrechte und der Inden, der moderne Koloß aus tönernen Füßen, das arglistige Rußland, wird seinen beabsichtigten Vorstoß wohl nicht nach Wunsch anssühren können. Alle seine Reichsgrenzen erscheinen im kommenden Weltkriege bedroht und außerdem hat sich dieses Reich gegen die Revolution im Innern zu wehren. Ans Oesterreich-Ungarns Seite wallet in diesem Kriege als Ursache die gerechte und notwendige A b - weh r. Die Kriegsnrsache auf Rußlands Seite heißt aber ungezügelte Herrschsucht. — Der Dreibund kämpft um Sein oder Nichtsein der weiteren staatlichen Integrität und des Fortbestandes seiner Staatsgebilde und seine innere Festigkeit ist daher u n s p r e n g b a r. Hoffen wir, daß der Krieg mit Rußland eine gründliche Abrechnung für seine nun schon durch viele Jahrzehme betriebene Beunruhigung und Schädigung Enropas bedeuten wird! Wenn Rußland gründlich geschlagen wird, dann erfolgt eine Entspannung der furchtbar hoch getriebenen Rüstungsstände aller eilropäischen Staaten und dadurch ein uugeatmter Aufschwung des europäischen Wohlstandes und der Kultur. Wenn Rußland geschlagen wird, dann liegt der gewaltigste und furchtbarste Judenfeind im Sande. Die Judenschaft Oesterreich-Ungarns hat daher alle Ursache, nicht nur freudig ihr Gut und Blut in diesem gewaltigen Kampfe einzusetzen, sondern auch ihre innigsten Gebete für den Sieg der tapferen österreichisch-ungarischen Armee zu Gottes Thron zu senden. R. L. Gin Sesuch bei )lntzydn K«th Snrarns. Während meines Aufenthaltes in Meran besuchte ich Frau Lazarus. Ihr Schachpartner, Herr Roth, führte mich bei ihr in die Villa Ruth ein. Schon im Jahre 1870 wurde ich mit Professor Lazarus im Hause des Dr. Jelliuek bekannt, wo ich ihm eine drnckfertige Predigt vorlas, deren Stil er mit dem Goethes verglich. Auch mit seinem Bruder, dem seligen Direktor am Seminar, Dr. L. Lazarus, verbanden mich freundschaftliche Beziehungen. Frau Lazarus führte mich ins Arbeitszimmer ihres seligen Gatten, welches ganz so, wie es bei seinen Lebzeiten war, unverändert geblieben ist; sie zeigte mir die zwölf Folianten des Talmud, Midrasch und einige Kommentare, in denen sie mit Hilfe ihres hebräischen Wissens ihrem Manne jede von ihm gesuchte Stelle aufschlagen konnte. Von Kindheit aus habe sie für die Bibel, besonders für die Psalmen, reges Interesse empfunden und durch die Kenntnis derselben auch das Judentum lieb gewonnen. Bei der Bearbeitung jüdischer Themen war Lazarus ihr Lehrer, noch bevor er ihr Gatte war. Sie schilderte lebhaft, auf welche Weise ihre Ehe mit