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Die Wahrheit · 1914-08-07 · Heft 30 (7.8.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 30 (7.8.1914)
Date
1914-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 30. Die Wahrheit „Die Reihe der Mordanschläge", die das Entsetzen und die Teilnahme aller gesitteten Menschen wachriefen, hat seit dem Tage, au welchem das Manifest unseres Kaisers erschien, wieder eine furchtbare Bereicherung erfahren. Jean J a u r e s, der durch Vorzüge des Geistes, wie des Charakters gleich ausgezeichnete Führer der Sozialdemokraten in Frankreich, ist das Opfer eines Meuchelmörders geworden. James war ein Mann von Herz und Ehre, damit ist auch schon gesagt, daß er zurzeit des Prozesses Dreyfns zu jener Schaar hervorragender französischer Männer zählte, die es nicht dulden wollten, daß ein Unschuldiger dem Jndenhasse und einem lügenhaften Phantom von Patriotismus geopfert werde. Mit dankbarer Verehrung werden die Inden überall des edlen Mannes gedenken, der mit seinem zündenden Worte, wie auch mit der Kraft seiner Feder sich in den Dienst der Gerechtigkeit stellte, auch als es sich um die Sache eines Juden handelte. * 2- ❖ Jaures, ein Mann von unbeugsamen Ehr- und Rechts- ' begriffen, war auch, nicht wie die Masse betörter, irregeführter und verhetzter Franzosen, in dem Konflikte, der sich zwischen Oesterreich und Serbien entwickelt hatte, unentwegt ein Vertreter der Ansicht, daß Oesterreich im Rechte sei und nicht durch sein Zuschlägen, sondern vielmehr durch sein langes Znwarlen Staunen erregt habe. Der Sozialistenführer, der zu den prinzipiellen Gegnern des Krieges überhaupt zählt, sagte in dem letzten Artikel, den er vor seiner Ermordung geschrieben u. a.: „Selbst bei vollster Wahrung des prinzipiellen Standpunktes der französischen Sozialdemokratie gegen den Krieg, muß man zngeben, daß keine Großmacht, wie doch Oesterreich-Ungarn eine ist, sich die Bedrohungen von seiten eines bösen Nachbarn, als welcher sich Serbien seit Jahren Oesterreich-Ungarn gegenüber erwiesen, gefallen ließe.' Man muß sogar z u g e b e n, daß eine große 'Langmut seitens eines Staates dazu g ehört, solch zersetzende Bestrebungen, wie sie hier von einem Nachbarn organisiert wurden, j a h r e l a u g n n g e st r a f t zu dulden. Wenn die wider Serbien erhobenen Beschuldigungen wahr sind, so muß mau gerechterweise anerkennen, daß Oesterreich-Ungarn nichts anderes übrig blieb, als an die Waffen zu appellieren. Schiedsgerichte sind gegen einen Staat wie Serbien vollständig wertlos. Nun. daß die Beschuldigungen, die Oesterreich gegen Serbien erhoben, ans Wahrheit beruhten, wird kein ehrlicher Mensch zu bestreiten wagen. Mau weiß sogar, daß viele Beschuldigungen, die vollauf begründet sind, unausgesprochen geblieben sind. Jan; es hat in seinem letzten Artikel, der leider in des Wortes vollster Bedeutung als sein politisches Testament bezeichnet werden kann, auch die volle Wahrheit üb r Rußland gesagt. Noch halte Rußland nicht offiziell die Mobilisierung zum Schutze der Meuchelmörder anbefohlen, als James rückhaltlos seinem Bedauern Ausdruck verlieh, daß es in Europa Mächte gibt, die „ohne auf das Prädikat eines Kulturstaates verzichten zu wollen", sich zu Beschützern der serbischen Schändlichkeiten hergeben. Warnend rief James Frankreich, insbesondere aber seinen Parteigenossen zu, sich nicht durch Rußland in ein Abenteuer stürzen zu lassen, bei dem „für Serbien das Blut französischer Proletarier fließen würde." Armer James! Möge die Untersuchung, welches Ergebnis immer bezüglich der Motive geben, die seinen Mörder scheinbar leiteten, so wird es für den tiefer Blickenden doch zweifellos bleiben: Auch Jaurss Blut ist für Serbien geflossen. . . Oder vielleicht noch richtiger für Rußland, gegen dessen kriegerische Pläne er die Sozialdemokratie, das mächtige französische Proletariat, in die Schranken rief. .Schade um den edlen, braven Mann. Die französische Sozialdemokratie sollte aber des Testamentes eingedenk bleiben, das ihr Führer ihr üinterlasfen. Der Meuchelmörder hat wohl die Richtigkeit dieses Testamentes nicht widerlegt. Male acht. An unsere Glaubensbrnder: Der Kaiser ruft seine Völker zu den Waffen! Kaiser Franz Josef, der weiseste, friedlichste und gerechteste Herrscher, dessen lange, ruhmreiche Regierung von derS orge um den Frieden und das Wohlergehen aller seiner Völker, jedes einzelnen seiner Untertanen, ausgefüllt ist, hat dem feindlichen Nachbar den Krieg erklärt. Jeder Oesterreicher, jeder treue Untertane unseres geliebten Monarchen, jeder Bürger dieses mächtigen Reiches, folgt diesem Rufe, bereit, Gut und Blut für Kaiser und Vaterland zu opfern. Glaubensbrüder! Unter dem glorreichen Szepter unseres erhabenen Monarchen ist das Gesetz, welches allen Bürgern, ohne Unterschied der Konfession und der Nation, die gleichen Rechte einräumt und die gleichen Pflichten anferlegt, zum unerschütterlichen Grundgesetze dieses Staates geworden. Unter dem Schutze dieses Gesetzes haben wir die Segnungen des Friedens genossen und jederzeit mit unserem ganzen Können teilgenommen an der Arbeit, welche unser geliebtes Vaterland zur Blüte, zur Macht emporgehoben hat. In hellen Scharen ziehen jetzt unsere Männer in den Krieg, um Schulter an Schulter mit den übrigen treuen Söhnen des Reiches den Sieg unserer Waffen zu erkämpfen; mit Begeisterung stellen sich unsere Frauen und Töchter in den Samariterdienst. In traditioneller Opferfrendigkeit trägt jeder Jude im Reiche zu der so dringend gewordenen allgemeinen Hilfsaktion mit allen seinen Kräften bei. Im Jahre 1908 geruhte Seine Majestät die von der gesamten Jndenschaft Oesterreichs ehrfurchtsvoll unterbreitete Huldigung mit folgenden herrlich schönen Worten entgegen zu nehmen: „Die israelitische Bevölkernng h at immer eine st a a t s- und g e s e tz e s t r e u e G e s i n n n n g, E r g e b e n h e i t f ü r M e i n H a u s n n d A n h ä n g l i chkeit an Meine Person bekundet. Ich schätze auch ihren F a m i l i e n s i u n und ihre Freude a m W oh l tu n!" Dieses historische Kaiserwort werden wir auch in dieser Zeit der Prüfung rechtfertigen. Der Vorstand der Wiener isr. Knltnsgemeinde widmet dein Hilfswerke zunächst L 10.000.—, behält sich weitere Leistungen zu dem Hilfswerke, insbesondere Maßnahmen wegen Pflege der Verwundeten vor und weist die Kasse der Knltusgemeinde (Wien, I., Seitenstettengasse 4, L Stock) an, Beiträge entgegen zu nehmen. Kein Jude wird sich der patriotischen Pflicht entziehen! Wien, 29. Juli 1914. Der Vorstand der isr. Knltnsgemeinde Wien Dr. Emil Adler Dr. Alfred Stern. Sekretär. Präsident. An der Schmelle des Weltkrieges. Der unserem Vaterlande ansgedrängte Krieg mit Serbien entwickelt sich mit unheimlicher Schnelligkeit zum europäischen Weltkriege. Der alte Erbfeind Oesterreichs, der Würger aller Volksrechte nnd der Freiheit, das Vorbild aller Judenfeinde, das barbarische Rußland, dessen Zar vor einem Jahrzehnte den Protektor des I. Friedenskongresses spielte und den serbischen König Peter deshalb, weil?r seinerzeit der Nutznießer des serbischen Königsmordes war und die Königsmörder an seinem Throne weiter duldete, längere Zeit nicht als König anerkennen wollte, warf sich als Schntzherr Serbiens auf und wollte allen Ernstes Oesterreich-Ungarn daran hindern, sich nach dem verbrecherischen Prinzenmorde in Sarajewo, als dessen Urheber und Lenker die Leiter der Geschicke Serbiens entlarvt wurden, vor weiteren ähnlichen verbrecherischen Attentaten und staatsgefährlichen Umtrieben durch geeignete und zweckentsprechende Maßnahmen zu sichern. Selbstverständlich steigerte Rußland dadurch die Tollkühnheit

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