Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 29 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 29. breitnng der Kenntnis der Thora, für die Fördernng des Studiums der Wissenschaft des Judentums, für die Erhaltung der religiösen Anstalten der Gemeinde Sorge tragen muß, während die andern zahlreichen Mitglieder sich um die Lehre des Jndentnms nicht im entferntesten kümmern, kann ich mich, selbst wenn du mir alles Gold und Silber und alle Kostbarkeiten der Welt bieten würdest, durchaus nicht entschließen, meine für die heiligsten Güter der Religion im höchsten Maße begeisterte Gemeinde zu verlassen und deine m Rufe Folge zu leisten. Ich stehe im Dienste der Religion, mein Lebenszweck ist n i cb t die Erwerbung irdischer Güter, die doch alle nicht und flüchtig, vergänglich und wandelbar sind, sondern die Förderung der Wissenschaft des Judentums, die Verbreitung der Kenntnis der Thora, der allein Israel seine vieltausendjährige Existenz zu verdanken hat. Was würden mir die großen Schätze und Reichtümer, die du mir verschaffen willst, nützen, wenn mir in deiner Gemeinde leim? Gelegenheit geboten wäre, auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes Ersprießliches zu leisten. Nur da, wo Hans und Schule Hand in Hand gehen, kann der gewissenhafte, kenntnisreiche, für den Glauben im höchsten Maße erglühte Lehrer Großes schaffen, eine überaus segensreiche Tätigkeit entwickeln und entfalten, selbst wenn er alle zeitlichen Güter und Schätze entbehren muß." Man sieht also, daß dieser B>. Jose ben Kisma. obwohl er das Vorgehen der zehn Märtyrer nicht ganz billigte, auch fähig war, für den Glauben die größten Opfer zn bringen, ein Martyrium dnrchznmacben. — Er war eben das Musterbild eines echten und rechten Rabbi. — Es war daher eine sinnige und zweckentsprechende Anordnung unserer Alten, daß man am „neunten Ab" beim Morgengottesdienste in der Synagoge die zwei „Kinot“ „ArseHaiewononu und „Scbaale serufo“ — in ersterem werden die furchtbaren grausamen Qualen, die die „zehn Märtyrer" erdulden mußten und in letzterer die im Jahre 1244 in Paris ans Befehl des bigotten Königs Ludwig IX. stattgefnndene Verbrennung des Talmuds, in ergreifender Weise geschildert — vom jeweiligen Rabbi vorgetrageit werden, denn der wirkliche Rabbi, der schon in frühester Jugend seine Zeit und Kraft dem Thorastndium eifrigst geweiht und gewidmet, um dann später in irgend einer wenig bemittelten Gemeinde, das Martyrium eines Rabbiners dnrchzumachen, ist zweifellos am meisten geeignet, diese zwei „Kinotu wirkungsvoll vortragen zn können. In den meisten konservativen Gemeinden besteht heute noch dieser Brauch. Fr. Katholizismus und Antisemitismus. Die katholische Weltanschauung wird, wie wir schon häusig gezeigt haben, von den Antisemiten mit nicht minderem Hasse verfolgt als das Judentum. Josef Stoltzing-Cerny, der bekannte Mitarbeiter der „Dentschen Tageszeitung", behauptete sogar in einer Charakteristik Robert Hamerlings, daß ein entschiedener Bekämpfet' des Katholizismus „damit sein reines Deutschtum bekunde". Der „Volkserzieher" des Herrn Schwaner nannte Pius IX. einen „venetianifchen Bauer", sprach von „überspannten wahnwitzigen Pfaffen" und erklärte ferner, wogegen die „Germania" mit Recht den schärfsten Protest einlegte: „Jeder nicht kirchlich vernagelte Mensch weiß, es wie drüben schändlich der Kultus die Masse in Stumpfsinn und Armut erhält." Die „Dentschsozialeu Blätter" wiederum nehmen Aergernis an der „Verjudnng" der literarischen Revue der deutschen Katholiken „Ueber den Wassern", indem sie sich folgende Beschwerde ans dem Maiheft des gleichfalls katholischen „Gral" zu eigen machen: „Roch ein wunder Punkt muß hier berührt werden. Ueberall regt sich nicht nur der christliche, sondern auch der nationale Geist gegen die drohende Gefahr der „Verjudnng" unserer Literatur. Man braucht durchaus kein Antisemit zu sein, um diese Gefahr als etwas Reales, tatsächlich Vorhandenes zu sehen . . ., sie ist nicht nur für den nationalen, sondern auch für den religiösen Besitzstand der Katholiken und aller aitderen Konfessionen katastrophal, verhängnisvoll. Wer erklärt nun auf dem Boden dieser unbestreitbaren Tatsache die mehr als seltsame Erscheinung, daß die „literarische Revue der dentschen Katholiken" diese Verjudnng unseres Literatnrlebens sozusagen zn ihrem Programm erhebt? Denn unter einem Dutzend nichtkatholifcher Schriftsteller der Mil-, arbeiterliste finden wir fünf, also fast die Hälfte Inden. Ja, gibt es denn gar keine deutschen Schriftsteller mehr, die uns Katholiken näherstehen als die Säulen des literarischen Jndentnms?" Aus Eigenem fügt das deutschsoziale Parteiorgan zn dieser Beschwerde noch die pfiffige Bemerkung hinzu: „Wir meinen irgendwo gelesen zu haben, daß der Leiter und geistige Vater der Zeitschrift „lieber den Wassern", Dr. Pater Expeditus Schmidt, jüdisches Blut in seinen Adern habe. Dann würde sich alles erklären." Vielleicht auch die Tatsache, daß gerade Pater Expeditus Schmidt vor einigen Wochen in einer Versammlung in Frankfurt a. M. ganz im Stil des Herrn Adolf Bartels sich über die „totale Verjudnng" von Literatur, Kunst und Wissenschaft entrüstete? Eine andere katholische Zeitschrift, das „Heilige Feuer", hat jedoch alsbald die „Dentichsoz. Bl." in ihrer Beurteilung der Katholiken wieder milder gestimmt. In seiner Nr. 4 hat das Blatt nämlich einen 13 Seiten langen Aufsatz über „Die Semiten über der dentschen Kunst, Literatur und Bühne" ans der Feder des Herrn Ph. Sianff veröffentlicht. Wenn der Herausgeber, Ernst Thrafolt, auch mit dem Radanantisemitismns*) nichts zn schaffen haben will und erklärt, daß für ihn „grundsätzlich semitische Abstammung keine Minderwertigkeit" darstellt, so ist er doch ganz ein Herz und eine Seele mit Stanff in der Bekämpfung des „Semilismns. der durch seine Frechheit, sein Geschüflsgeuie, seine Geilhell und Verführung im Vertrauen ans christliche und deutsche Unselbständigkeit nnd Selbstverrat nnd Bettlergesinnnng die heutige Unsittlichkeit in allen Stücken verschuldet har". Man sieht, die „Deutschsoz. Bl." haben alle Veranlassung, sich über diese „verständnisvolle" Beurteilung der Jndenfrage in der katholischen Zeitschrift zu freuen, wie sie ja auch vor einigen Monaten ihrer Genugtuung über einen Vortrag des bekannten Redakteurs der „Angsb. Post-Ztg.", Dr. Rost, Allsdruck geben konnten, der in einem Vortrage in Konstanz sein Lieblingsthema, den Reichtum der Jndeil, behandelt und nach dem Bericht der „Neuesten Nachr." u. a. gesagt hatte: „Der Reichtum der Inden ist heute sprichwörtlich. Er hat eine ungeachtete Höhe erreicht. Gewiß gibt es auch arme Inden (Newyork, Rußland), die Regel aber ist Reichtum. Dieser Reichtum zieht sich wie ein goldener Faden durch die Geschichte der Jllden und dieser Faden ist heute schon zn einem Bindeseil geworden. Die Güter der Erde sind den Juden unteltan wie sonst niemand. Frohlockend bemerkte dazu das deutfchsoziale Parteiorgan: „Uns freut es, daß trotz Windthorst (der heute auch vielleicht schon anders als zn feinen Zeiten über die Inden urteilen würde) die Jndenfrage auch in katholischen Kreisen zur Sprache gelangte. Auch, wenn man den „Antisemitismus" dort noch schüchtern ablehnt, denn so ungefähr, wie Herr Dr. R o st gesagt, sagen die Antisemiten auch." Dies ist leider nur zu wahr. Umsomehr muß man es bedauern, unter den Lobrednern der katholisch-antisemitischen Publizisten, wie Dr. Rost nnd Dr. Eberle, dessen Buch „Großmacht-Presse" jegliche Objektivität gegenüber den Juden vermissen läßt, auch ein sonst so vorsichtig abwägendes Blatt wie die „Köln. Volksztg." zu finden, die sogar das Stauff'sche Pamphlet als wertvolle Ergänzung des Eberlescheu Buches preist: „Eine Ergänzung bietet bezüglich der Literaturnnd Theaterverhältnisse ein Artikel „Die Semiten über der *) Ec sagt z. B.: „Der landläufige Antisemitismus ist teilweise toll geworden."