Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 29 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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*S?eite 6. Die Wahrtzeit. Nr. 29. sie nicht", spricht der Herr. Treue und Verläßlichkeit sind dahin, einer sieht den andern mißtrauisch an! Dies alles stets nur darum, weil, sie meine Lehre verließen, nicht auf meine Stimme hörten und nicht in meiner Lehre wandelten. O, welche bitteren Wahrheiten sagt uns der Prophet ob unserer Bequemlichkeit. Lässigkeit, ob unserer Vergnügnngsuud Genußsucht, die in ihren Folgen erst spät, oft zn spät wahrnehmbar werden! Welche Leiden schildern uns die Klagelieder und die daran schließenden Tranergesänge des 9. Ab, welche Trauerlieder kann unsere eigene Zeit anstimmeu, da das ideale Leben der Vergangenheit, die Einfachheit, Natürlichkeit, Schlichtheit und Pflichttreue gelitten, zum Teile geschwunden sind. Das sind ernste Erscheinungen, die auch an dem Heiligtume unserer Tage, unseren Gotteshäusern, Audachts- und Lehrstätteu sich zeigen, dem offenen Auge, das sehen will und soll! Darum sollen wenigstens „die nenn Täg" von den drei Wochen uns ans diese traurigen Zustände in unserem religiösen Leben, dem jedes Einzelnen wie der Gesamtheit verweisen. Jedes Menschenleben bedarf der Verbesserung, der sittlichen Läuterung, wie alles Leben! Nicht vergeblich klagen, sondern an Besserung, Läuterung schreiten mögen wir, wie es die heilige Schrift und das Judentum, diese Lehre des Fortschrittes, der sielen Entwicklung fordert. So werde Jehuda halewis Wort wahr: Zion berocho wechajim! Zion vermittle uns Segen und Leben! Prof. Dr. L. H i r s ch. Ken Kisma und die;ehn Märtyrer. (Zum 9. Ab.> „Wenn ihr die Juden vernichten wollt", so soll bekanntlich der Weise von Ennomos aus Gadra den Feinden Israels zugernsen haben, „so müsset ihr vor allein ihre Schulen zerstören, denn so lange die Jugend in denselben in der Religion unterrichtet, für das Höhere, Ideale und wahrhaft Göttliche begeistert wird, ist keine Macht auf Erden imstande sie vollständig zn besiegen." (Midr. R. 1, M. 65). Dieser Wink wurde hauptsächlich von den unversöhnlichen Judenfeinden aller Zeiten wie ein heiliges Gebot beachtet und betrachtet, indem sie oft ihre gefährlichen Geschosse gegen die geistigen Güter Israels, gegen das jüdische Schrifttum, gerichtet, um das Judentum treffen zn zu können. Wie einst der grausame Anfciochus Epiphanes — der seiner Raserei wegen spottweise Epimanes, der Rasende, genannt wurde — ebenso haben später Hadrian und sein Nachfolger den Juden das Studium der Thora, die Abhaltung gottesdienstlicher Vorträge, wie die Beobachtung religiöser Vorschriften und Satzungen bei Todesstrafe verboten. Nun kann man sich denken, welch' furchtbare Aufregung in einer solch verhängnisvollen Zeit in Israel, besonders in den jüdischen Gelehrtenkreiseu herrschte. Viele der hervorragendsten Gelehrten beachteten nicht im entferntesten dieses strenge Verbot, hielten nach wie vor öffentlich gottesdienstliche Vorträge und schmückten sich auf diese Weise mit der Krone des Märtyrertums. R. Clianina ben Tradion, R. Eliser ben Schamua, R. Jeschebab, R. Clianina ben Chakina, Jehuda ben Damu, R. Akiba, R. Chuzpith und R. Jeliuda ben Baba wurden ihrer Glaubenstrene wegen auf die grausamste Weise hingerichtet. Diese acht Tanaiten, die nach dem Falle Betars zum Tode verurteilt wurden, nebst den zwei Tauaim R. Simon ben Gamliel I, und R. Ismael Hakohen, die während der Zerstörung Jerusalems umkamen, bilden die „zehn Märtyrer" „Asore Haruge Malchut.“ Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß es damals auch unter den hervorragenden Lehrern manche gab, die trotz ihrer hohen Begeisterung für die Lehre und Ehre des Judentums, das Vorgehen der „Märtyrer", deren zwecklose Aufopferung nicht ganz billigten und jenen heldenmütigen Gotteskämpfern rieten, sich zu mäßigen, zn beherrschen, ihr teures Leben zn schonen und ihre edlen Kräfte für bessere Zeiten aufzusparen, wo es ihnen möglich sein wird, Großes für das Jndentllm leisten zn können. Zll diesen Friedensfreunden gehörte unter andern auch R. Jose ben Kisma. Als dieser einmal in Folge eines Unwohlseins gezwungen war das Bett zn hüten, besuchte ihn R. Ckanina ben Tradion, dem er bei dieser Gelegenheit Vorwürfe darüber machte, daß er (Chanina) trotz des strengen Verbotes sich nicht enthalten kann, öffentlich gottesdienstliche Vorträge zn halten. „Es würde mich nicht wundern, wenn sie dich samt dem heiligen Buche znm Feuertode verurteilen möchten. (Abod. soro 18). Nichtsdestoweniger war R. Jose ben Kisma für den Glauben der Väter, für die Thora Gottes eben in so hohem Maße begeistert und erglüht wie die „zehn Märtyrer", was ans folgender Reisegeschichte, die er selber erzählte, klar und deutlich entnommen werden kann: Einst befand ich mich auf einer Reise, da begegnete mir ein Mann, der mich srenndlichst grüßte und ich erwiderte den Gruß. Dann frug er mich: „Rabbi! woher bist du? und ich emgegnete ihm: Ich bin ans einer großen Stadt, die ihrer zahlreichen Weisen und Schriftgelehrten wegen berühmt ist. Nun stellte er an mich folgende Frage: „Rabbi! wärest du nicht geneigt Misere Stadt zum Schauplatze deiner Tätigkeit zn wählen und ich wäre gerne bereit, dir tausende Dinarim in Gold und Edelsteinen und Perlen zn geben." Ich aber antwortete ihm: „Wenn du mir auch alles Silber und Gold, alle Perlen und Edelsteine der Welt bieten möchtest, so würde ich doch nirgends wohnen, als in einem Orte, wo die Kenntnis der Thora allgemein verbreitet ist." Welch' eine Fülle von Gedanken enthält diese Erzählung. R. Jose ben Kisma erfreute sich eines bedeutenden Rufes, selbst bei den hohen römischen Behörden stand er in großem Ansehen. (Ab. sora ibid.) Die Stadt, in der er lebte und wirkte, gehörte zwar nicht zn den größten und reichsten Städten des Landes, dessen ungeachtet war sie berühmt und zwar der zahlreichen Gelehrten wegen, die in ihrer Mitte weilten. Einmal unternahm er eine Reise nach der größten volkreichsten Stadt des Landes. Als der vornehmste, angesehenste und reichste Mann dieser Stadt erfuhr, daß R. Jose ben Kisma daselbst angelangt sei, machte er ihm seine Aufwartung und begrüßte in ehrerbietigster Weise. Bei dieser Gelegenheit erlaubte er sich an den Rabbi die Frage zn stellen : Heese m o k o m atto. Rabbi! von welchem Orte bist du? Was ist das für ein Ort, wo du wohnest? Wie kommt es, daß du, ein so berühmter Lehrer in Israel, der jeder großen Gemeinde als Zierde gereichen würde, in einem so unbedeutenden Orte wirkest?" „Du irrst gewaltig", entgegnete der Rabbi, „wenn du glaubst, daß ich in einem so unbedenteuden Orte wohne; meir gedolah schel Chachomim wesofrim ani, ich bin vielmehr aus einer Stadt, und zwar ans einer großen Stadt, die zn den angesehensten Städten des Landes gezählt wird, weil fast die meisten Mitglieder der Gemeinde einen solch hohen Grad von Intelligenz besitzen, daß sie die Thora und die Träger derselben besonders zn würdigen und zu schätzen verstehen." „Aber was nützt das alles," erwiderte jener Parnes, „von Idealen kann man doch nicht leben und deine Gemeinde kann beim besten Willen dir doch nicht das bieten, was du beanspruchen berechtigt wärest. Ein Mann >deinesgleichen muß vor allem Reichtümer besitzen, um standesgemäß leben und ein großes Haus führen zn können. Nur als reichbegüterter. Mann wirst du allen imponieren und Großes schaffen können. Wenn du also geneigt wärest dir deinen Wohnsitz in unserer Gemeinde anfznschlagen. weani etten loch, so würde i ch dir tausende und abermals tausende von Denarim an Gold und Silber nsw. mit Vergnügen zur Verfügung stellen". Im atto nosen li. „Wenn d u allein es bist", entgegnete der Rabbi, „der für die Ver-