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Die Wahrheit · 1914-07-31 · Heft 29 (31.7.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 29 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5 Nr. 29. Aufmerksame Beobachter der politischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte wissen aber auch, daß der sittliche Mangel und die Unaufrichtigkeit der europäischen Diplomatie an diesem lange befürchteten Kriege und auch an der Ueberhitznng des Nationalismus bis zur Bestialität und den vorgekommenen politischen Morden durchaus nicht unschuldig sind. Die europäische Türkei konnte sich trotz ihrer asiatisch-rückständigen Regierungsmaximen nur durch die niedrige Eifersucht der europäischen Großstaaten gegen einander noch so lange halten, bis unter ihrem Schutte auch alle Nachbarstaaten gefährdet erschienen. Dieselben Großstaaten, welche in großen, d i ch t b e w o h n t e n Kolonialgebieten große Nationen u n t e r d r ü ck t e n und mißbrauchten, schufen unter der Devise: „Der Balkan den Balkanvölkern" eine Reihe kleinerer Staatengebrlde am Balkan, als die Türkei im Niedergange war. Die Geschichte dieser Staatenbilduugen ist eine wahre Skandalgeschichte. In Serbien ist der Fürstenmord lange schon traditionell geworden, aber von dem wenig nervösen europäischen Konzerte wurde derselbe als „eine innere Angelegenheit Serbiens" erklärt. Auch russische und rumänische Pogrome genierten die angeblichen Schützer der europäischen Zivilisation, nicht, die Vergewaltigung und Entrechtung der rumänischen Juden sogar trotz des bekannten „Berliner Vertrages" nicht. Ist es bei derartiger Volkserziehung dann wunderlich, wenn unklare, überhitzte, jtlnge Köpfe den Maßstab für das moralisch Zulässige verlieren? Aber auch weite Volkskreise können jetzt ihre Hände nicht in Unschuld waschen. Die österreichisch-ungarischen Agrarier, diese selbstsüchtigen Schürer des Serbeuhasses in der großen Donaumonarchie, sind mitschuldig an den drohenden Kriegsereignissen! Der österreichische, patriarchalische Friedenskaiser hat diesen furchtbaren Krieg, so lange dies möglich schien, ausgehalteu, aber ein Nachbarstaat, vor dessen fanatischen Mördern niemand mehr im Vaterlande sicher ist, mutz wohl gezüchtigt werden. Die jüdischen Staatsbürger Oesterreich-Ungarns werden sich zweifelsohne in den kommenden schweren Tagen als dankbare, kaisertreue Untertanen bewähren! Der Kriegsausbruch trifft nicht nur Oesterreich-Ungarn in mißlicher Situation, sondern auch seinen in fürchterlichen Kriegen nahezu ansgebluteten serbischen Gegner und dessen russischen Protektor, der wegen Erwürgung der Volksfreiheit im eigenen Lande Mühe hat, der Revolution Herr zu werden. Hoffen wir, daß die Kriegsbeteiligteir aus diesen Gründen bald wieder Frieden machen! Es lauern gewaltige Dritte am Wege, welche die traurigen Folgen eines blutigen Völkerkampfes schließlich für sich ansbeuten wollen. Vielleicht ist eine friedliche Verständigung doch noch möglich, wenn das serbische Volk die an Oesterreich begangenen furchtbaren Verbrechen strenge ahndet. R. L. Die Tage der Wehmut. Wieder nahen die Tage düsterer Erinnerung und tiefer Trauer um versunkene Herrlichkeit! „Die neun Tüg" mit ihren ernsten Mahnungen sind für jeden aufrichtigen Inden eine Zeit wehmütiger Betrachtung und Einkehr. Wer die Klagelieder des Propheten mit ihrer Schmerzensglut liest, die schweren Leiden der Belagerten erfährt und den Jammer nach dem Falle der heiligen Stadt aus den Onellen kennen lernt, muß von tiefem Schmerze ob solcher Leiden ergriffen werden, zugleich aber auch vom süßen Tröste, daß trotz der wiederholten furchtbaren Leiden und Heimsuchungen unseres Volkes zu allen Zeiten der allmächtige Hort der Ahnen den fernen Enkeln Schirm und Schutz bleibt. „Unser Erbe ist verlassen wie im Besitze des grausamen Feindes, der ruft: „Nicht schonen und nicht Erbarmen werd' ich üben!" Wie Nebnkadnezar, Roms Soldateska, Spaniens Inquisition und alle die Feinde sich doch in diesem einen Rufe der völligen Vernichtung. Israels begegnen! Und doch: nichts ist uns geblieben als unser köstlichst Gut: unsere heilige Thora, die uns ans jedem Blatte Kraft, Licht und Trost spendet und mit ihr alles, was für uns von ewigem Werte bleibt : der Glaube an Gott, an die Zukunft und den Sieg des Guten in uns und der Welt, kurz: der Glaube an die höchsten Guter ttnd deren Unabhängigkeit und Unzerstörbarkeit: wechaje olom nota besochenu, ewiges Leben hat Gott damit in uns gepflanzt! Mit welcher Klugheit und Feinheit haben unsere Weisen die Abschnitte für alle Gelegenheiten unseres religiösen Lebens der heiligen Schrift entnommen! Der Thoraabschnitt spricht so wie em für unsere Zeit verfaßtes Stück zu uns: „Wenn du Kinder und Kindeskmder haben wirst und ihr im Lande alt werdet und doch Götzendienst und alles Böse treiben werdet, so werdet ihr zu Grunde gehen!" Wo ist im modernen Leben etwas, dem wir nicht nacheilten, das wir nicht als Götzen des Tages mit den anderen anbeteten in törichtem Nachahmungstriebe! Ueberall finden wir uns» überall voran, doch in der Pflege unserer religiösen Güter und Ideale leider oft weit, weit zurück hinter den andern, denen wir früher als Muster gegolten! Kommen dann Leiden und Schläge, dann erinnern wir uns und erleben die Tiefe des Schriftwortes : Suchen werdet i h r von dort, von diesem jammervollen Leben aus, den Ewigen, euren Gott und d u wirst ihn finden, wenn du ihn suchest mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele! Wie sein psychologisch: Die Gesamtheit sucht Gott, jeder einzelne muß ihn finden, so er mit ganzem Herzen und aller Kraft ihn sucht. Die Gesamtheit findet Gott, jeder in sich, seiner Geschichte, seinem Geschicke und sie alle finden Gott und sich eben in diesem Herzensdrange nach Gott, Wahrheit und ewig Bestehendem, von Zeit und Menschheit Unabhängigen! Hier, lieber Leser, finden wir in einer einzigen Wendung die Größe der Thora, deren einzelner Punkt, Buchstabe, die tiefste Bedeutung hat. Anfangs dieses Abschnittes (5. B. M., Kap. IV. v. 25 ffg.) heißt es (wie oben): Wenn d u Kinder und Kindeskinder haben wirst und i h r im Lande alt werdet: Von einzelnen wendet sich Gott an die Gesamtheit und deren Gewissen: wenn der Einzelne vergißt, nie darf es die Gesamtheit, deren Glieder.doch nicht alle krank sein könrien! Aus ihr müssen die Gesamlkräfte der Bejahung und des Aufbaues gegen die zerstörenden, verneinenden U n t er st rö m u n g en in ihr kämpfen und rastlos arbeiten. Dies kann nur dann sein, wenn das Gottesbewußtsein, die Sehnsucht nach Wahrheit und Erkenntnis mehr und mehr sich ausbreiten. Dies aber ist der Sinn des zitierten Verses: ihr werdet Gott suchen und du wirst Gott finden, wenn du ihn in und mit deinem Herzen, in und mit deiner Kraft suchest. Und dies wird sich in der Zeiten Folge stets wiederholen: In deiner Not wirft du stets zu Gott zurückkehren und auf seine Stimme hören. Aus der Vergangenheit wirst du Gott erkennen, dessen Stimme duans dem Feuer, aus der Glut der Offenbarung, der Erkenntnis vernahmst. Feuerglnten umgaben uns stets, doch verzehrten sie uns nie, da wir aus allen Feuern, allen Ereignissen unserer Geschichte unseres Gottes Stimme hörten, -mahnend, warnend, tröstend und befeuernd. So lerntest bu Gott als die oberste, höchste Macht kennen, verehren und lieben! And weiter mahnt uns der Abschnitt an unseres Lebensbestimmung. Beobachte seine Satzungen und Gesetze: Liebe zu Gott, zu den Menschen, Achtung vor seiner Lehre, vor allem was groß und gottähnlich in der Menschheit! Das verlängert unser Leben, gibt dem kürzesten Dasein selbst Inhalt und Dauer, während das längste ohne sie, ohne diese Worte, leer und bedeutungslos ist. Dies ist der am 9. Ab zu verlesende! Abschnitt aus dem Pentateuch, hiezn kommt der beim Morgengottesdienste vorzutragende Prophetenabschnitt aus Jeremias, voll tiefer Klage und Ergriffenheit ob des Unterganges des Staates und Heiligt'.tins, all/ der Güter, die des Volkes Stolz und Wonne waren! Aber das Niederschmetterndste daran, klagt der große Prophet, ist die eigene Schuld: Von einer Sünde, Bosheit, schritten sie an die andere, „mich aber erkannten

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