Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 29 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 29. kaum ernsthaft an die Widerlegung dieser Behauptung denken mag. Der Manu, der dies behauptet, kennt weder die Bibel, noch die Propheten, weiß nicht, von welch idealem, den Materialismus verwerfenden Geist die Lehrer des Talmuds erfüllt waren, weiß überhaupt nichts vom Judentum und seiner Geschichte. Oder will vielleicht Herr v. Kleist die tausende und abertausende Juden, die ihr Leben Preisgaben, bevor sie ihre Religion verlengneten, als Beweise dafür anführen, daß das Judentum dem Materialismus huldigt? * * * Der Angriff, den der preußische General gegen die Juden als Offiziere richtet, braucht, Gott fei Dank, in Oesterreich, dessen edler Monarch verdienstvolle jüdische Offiziere selbst zu Generälen ernannt hat, nicht erst eine besondere Widerlegung. Aber zur Kennzeichnung der Gewissenlosigkeit, mit der äntisemitische Angriffe geführt werden, wollen wir in Kürze auch die anderen fünf Gründe prüfen, die. nach der Meinung des Generals v. Kleist, den Juden zum Offizier der deutschen Armee untauglich machen. 1. Die Armee ist reinrassig deutsch. Oho, daß der Herr General die Geschichte der Juden nicht kennt, wäre, wenn er keine Urteile darüber abgäbe, verzeihlich. Daß er aber nicht weiß, daß in der deutschen Armee sich zahlreiche Elemente — Wenden, Slaven, Dänen, Polen usw. — befinden, die alles, nur nicht reinrassig deutsch sind, das ist. unter allen Umständen unverzeihlich. 2. D e u t s ch l a n d i st, fährt Herr v. Kleist fort, e i n d u r ch - wegs christlicher Staat, das Judentum aber ist der geborene Feind des Christentums. Man weiß nicht, welche dieser zwei Behauptungen mehr der Wahrheit ins Gesicht schlägt. Der Staat als solcher ist kein christlicher und das Judentum ist kein Feind des Christentums. 3. Behauptet Herr v. Kleist, daß das Judentum die Nächstenliebe nur den Volksgenossen gegenüber predige. Das ist die alte böswillige Lüge, die tausendmal widerlegt, von den Antisemiten unverfroren immer wieder aufs neue vorgebrachl wird. Das Judentum lehrt nicht nur die Nächstenliebe ohne Unterschied der Konfession und der Abstammung, sondern betätigt sie auch. Herr v.Kleist muß offenbar die Nächstenliebe, wie sie der Antisenlitismns versteht, in der Eile, milder Nächstenliebe verwechselt haben, die das Judentum fördert. 4. „D er größte Teil des I n d e n t u m s i st freisinnig." Da hat Herr v. Kleist einmal ein wahres Wort gesprochen. Aber daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß die Juden nicht zu Offizieren taugen, das ist doch zu absurd. Um den Unsinn dieser Schlußfolgerung zu beleuchten, genügt es wohl die Frage zu stellen: Ist der politische Freisinn in deutschen Landen wirklich nur bei Juden zu finden? Bekennen sich Millionen und Millionen echt deutscher Christen nicht auch stolz zum „politischen Freisinn"? Oder fände sich wirklich in Deutschland ein so bornierter Antisemit, der es wagen würde, auch die Söhue dieser politisch freisinnigen Christen unfähig für den Offiziersrang zu erklären? . . . Gegen die Inden kann man alles wagen. Schließlich behauptet Herr v. Kleist, daß das Judentum den preußischen monarchischen Staat zertrümmern will und sich deshalb zum Führer der Sozialdemokratie aufgeworfen hat. Nun, es ist notorisch, daß einer der hervorragendsten Vertreter der konservativen Partei iii Preußen ein geborener Jude war nud ebenso feststehend ist, daß. unter den Führern der Sozialdemokratie nur wenige Inden sind. Die ungeheuere Mehrheit der Juden in Deutschland ist monarchisch gesinnt und Gegner der Sozialdemokratie: Daß aber insbesondere jene Juden, die die Aufnahme in den Offiziersstand erstreben, keine Sozialdemokraten sind, dürfte selbst General v. Kleist zugeben. _ Der österreichisch-nngarische Krieg mit Serbien. Die gerichtliche Untersuchung gegen die Mörder des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin in Sarajevo stellte den amtlichen Verlautbarungen nach folgende Tatsachen fest: 1. Der Mordplan wurde in Belgrad von einer mehrköpfigen Bande ansgeheckt. 2. Die am Mordlage verwendeten sechs Bomben und vier Browningpistolen stammen von Serbien, die ersteren ans dem W a f f e n d e p o t der serbischen Armee in Kragujevatz. 3. Die Mörder erhielten in Serbien Unterricht im Schießen und in der Handhabung der Bomben. 4. Staatliche Organe Serbiens waren den Mördern beim Ueberichreiten der österreichischen Grenze behilflich. Am 23. Juli l. I. überreichte nun nach einem Kronrate der österreichische Gesandte Freiherr von Giesl ein äußerst scharf abgefaßtes Ultimatum der österreichisch-ungarischen Regierung in Belgrad an die königlich serbische Negierung, auf welches sie bis S a m s t a g, den 25. Juli, u m 6 Uhr abends, Antwort erheischte. In diesem Ultimatum wurde der serbischen Negierung vorgehalten, daß sie durch Duldung antiösterreichischer Vereine und einer gehässigen, zügellosen Sprache der serbischen Presse, welche eine Reihe von Attentaten, ja Morden verschuldeten, ihre am 31. März 1909 feierlich verlautbarte Anerkennung der österreichisch-ungarischen Annektion Bosniens und der Herzegowina gebrochen habe. Die serbische Regierung habe die Teilnahme von Offizieren und Beamten an subversiven Umtrieben gegen Oesterreich-Ungarn geduldet, ebenso eine ungesunde Propaganda i m öffentlichen Unterrichte. Die k. li. k. Regierung erklärt daher im Ultimatum, sie könne die bisher beobachtete zuw artende Langmut nicht länger beobachten und begehre eine klare, bedauernde M i ß b i l l i g u n g im serbischen Regie r n n g s o r g a n e vom 26. Juli l. I. und die gleichzeitige Erlassung eines gleichlautenden Tagesbefehles Seiner Majestät des serbischen Königs an die serbische Armee. Die Note verlangt ferner die sofortige Unterdrückung aller gehässigen Publikationen gegen Oesterreich- Ungarn, die Auflösung aller antiösterreichischen Vereine, die Entfernung der antiösterreichischen Propaganda im serbischen öffentlichen Unterrichte und aller dieser Propaganda schuldig befundenen Offiziere und Beamten aus dem serbischen Militär und der Verwaltung. Sie verlangt ferner die Zulassung der Teilnahme von Organen der k. n. k. Regierung bei der Unterdrückung der subversiven Bewegung gegen die territoriale Integrität der Monarchie und bei der gerichtlichen Untersuchung gegen die Teilnehmer des Mordkomplottes vom 28. Juni l. I. .a u f serbischem T e r r i l o r i u m. Sie begehrt schließlich die s o f o r t i g e V e r h a f t u u g bestimmter serbischer Militärpersonen und Staatsbeamten, die durch die bisher gepstogene Untersuchung kompromittiert erscheinen, die Dienstentlassung und strenge Bestrafung der' schuldigen Grenzorgane von Schabatz und Lozniz. welche den Attentätern und Mördern bei der Grenzüberschreitnng Vorschub leisteten und w i r k s a m e Maßnahmen gegen fernere E i n s ch m n g g e l n n g von serbischen Waffen und Explosivkörpern. Die serbische Regierung, welche früher erklärte. Oesterreich-Ungarn jede von Serbien verlangte Genügt u u u g geben zu wollen, versuchte im letzten Momente, das Ultimatum a b z n s ch w ä ch e n. Baron Giesl brach hieanf offiziell die diplomatischen Beziehungen a b und verließ mit dem gesamten Gesandtschaftspersonale die Stadt Belgrads Auch der serbische Hof und die Regierung sowie die serbischen Truppen verließen Belgrad, nachdem der Kriegsminister s ch o n früher die Mobilisierung der gesamten Armee angeordnet hatte. So hat der Prinzenmörder Prinzip wahrscheinlich einen europäischen Weltkrieg angezettelt, denn schon heute erklärt Rußland, bei diesem Kriege nicht neutral bleiben zu können und Deutschland und Frankreich betonen, ihren Bündnisverpflichtungen gegebenenfalls treu bleiben zu wollen.