Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 28 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28. Die Wahrheit Seite 7. Direktoren von Banken, Bahn- oder Industrie- und Bergbau-Gesellschaften zu werden, ein Mandat im Anfsichtsrate dieser Gesellschaften zu bekleiden oder sich als Aktionäre nominell in die handelsrechtlich vorgeschriebenen Bücher eintragen zu lassen. Kein Wunder, daß diese Vorlage an der Börse eine Panikartige Bewegung anslöste und zu einem rapiden Kurssturz führte, der auch deu Staatsfiuauzeu eine bedenkliche Erschütterung brachte. Auf dem Kongreß der allrussischen Handelskammer sprachen sich sämtliche Redner dahin aus, daß das Gesetz eine wissenschaftliche Unmöglichkeit sei, wobei besonders die Moskauer Herren persönlich gegen den Handelsmib deu Fiuauzminister vorgingeu, denen sie einfach Mangel an jedem Verständnis für die Bedürfnisse der russischen Volkswirtschaft vorwarfen. Der Kongreß beschloß dann die Absendung eines Einspruchtelegramms an den Premierminister Goremykin und Timaschew; falls dies erfolglos bleibe, will man sich an den Kaiser direkt wenden. Ist der Zar aber — ganz abgesehen von seiner bekannten persönlichen Voreingenommenheit gegen die Juden — heute noch der wirkliche Herrscher des halbzivilisierten Riesenreiches? Der Kadettensührer Miljukofs hat kürzlich in der Duma ans die bedenkliche Tätigkeit des sibirischen Bauern und „Wundertäters" Grigorij Raspntin hingewiesen und darüber gesagt: „Der russische Staat befindet sich in der Gewalt eines Landstreichers." Die einzige wirkliche - Vertrauensperson des Kaisers und seiner Gemahlin ist der sibirische Bauer und „Wundertäter" Grigorij Rasputin. Neuerdings hat es freilich geheißen, Rasputin befürchte, durch einen neuen „Freund" des Zaren „ausgestochen" zu werden. Derselbe heißt Wassili Gristchenko und ist ein früherer Gärtner des Großfürsten Konstantin. Das sind die Elemente, die deu maßgebenden Einstnß ans die in letzter Linie in Rußland entscheidenden Instanzen haben. Die Minister selbst werden kaum noch vom Zaren empfangen. Und ist denn heut überhaupt noch die Möglichkeit gegeben, daß die Stimme des russischen Volkes bis zu den Ohren des Herrschers dringt? Man höre, wie es am Zarenhofe zngeht. Der „Köln. Volksztg." (5. 6.) wird unter der Spitzmarke: „Ein melancholisches Herrscherheim" geschrieben : „Düstere Nachrichten kommen aus Rußland. Zar Nikolaus II., im russischen Volke Schimnik Nikolai (Einsiedler Nikolaus) genannt, wird immer finsteren Sinnes und schließt sich mit seiner ganz der Melancholie verfallenen Gattin hermetisch gegen die Welt ab. In Peterhof wird nach verschiedenen Berichten eine neue Mauer um das Schloß gebaut, die das stattliche Gebäude noch gefängnisartiger erscheinen läßt. Die Eingangspforten zum Schlosse Zarkoje Selo werden verstärkt und erhöht und im Sommerschlosse zu Livadia hat man die Türen gepolstert, um jedes Geräusch von draußen fernzuhalten. Zwar hat der Zar noch im vorigen Jahre in Berlin einen Besuch gemacht und rüstet sich jetzt, Constanza in Rumänien zu besuchen, aber das russische Volk bekommt ihn so gut wie gar nicht mehr zu sehe«. Innerhalb dreier Jahre hat er nur zweimal seine Hauptstadt verlassen und seit der Minister Stolypin im Jahre 1911 einem Attentat zum Opfer fiel, ist er kaum mehr aus feinem Palast herausgekommen. Als die Dreihundertjahrfeier der Romanoffdynastie gefeiert wurde, erschien der Zar von schwer bewaffneten Soldaten umringt, so daß sein Haupt eben über die Lanzenspitzen herausragte. In russischen Kreisen schob man die Schuld dafür auf den Generalleutnant Djindulin, den kürzlich verstorbenen Palastkommandauten, der seit 1906, wo er sein Amt autrat, den Zaren direkt zu einem Gefangenen gemacht habe. Wirklich schien es unter seinem Nachfolger, General- "lajor Boycikoff, anders zu werden. Der Kaiser nahm seine täglichen Ausfahrten wieder auf-, aber das dauerte nur wenige Wochen und das alte Einsperrungssystem trat wieder in Kraft. Nur allerhand Sport und Spiele nach englischer Art versüßen dem Monarchen des größten Reiches der Welt seine selbstgewählte Haft. . . . Zum größten Teil datiert diese Melancholie im russischen Kaiserhause von den Niederlagen auf deu mandschurischen Schlachtfeldern her. Es kam aber noch manch anderes dazu. Zunächst die auf den Krieg folgende Revolution, welche das Reich in Krämpfen schüttelte. Die Zarin gebar vier Töchter und abergläubische Sagen knüpften daran die Prophezeutngen großen Unglückes. Die Kaiserin, welche keine Söhne bekomme, sondern nur Töchter, solle das Reich an die Schwelle einer Katastrophe bringen. Au dem Tage, au welchem mit dem ersehnten Thronerben die Kunde kam, daß das Schicksal Port Arthurs entschieden sei, stand neues Leid auf. Und dann traten hinter dem Angstgefühl um das Leben des Zaren und des Thronfolgers alle anderen Empfindungen der Frau auf dem Kaiserthron zurück. Die hessische Prinzessin hat für eine Krone von Gold ein blutendes Herz eingetanfcht, der Weg zur Höhe ist ihr zum Marlersteig geworden. Das Schicksal dieses mächtigsten Ehepaares in Europa ist gewiß von tiefer Tragik; aber ist nicht noch vieles andere tragisch in Rußland? Ist nicht das Symbol dieses Regimes das Ketlenklirren politischer Gefangener? Gransige Bilder aus der Peter-Paitls-Feftung und von den Eisfeldern des fernen Sibirien steigen vor tlnserem geistigen Auge auf. Gewiß ist das düstere Schicksal des Kaiserpaares von furchtbarer Tragik, aber auf alle Fälle sind die Unglücklichen, deren wir eben gedachten, noch viel bemitleidenswerter. Wäre hier nicht ein „ehrlicher Makler" denkbar, der nach beiden Seiten Frieden stiftete und Trost brächte?" Verschiedene Nachrichten. Wien. (Baufällige G r a b st e i u e.) Der Vorstand der der israeliuschen Kuirusgemeiude veröffentlicht betreffs der baufälligen Grabsteine am Zenrralfriedhose folgende Aufforderung: Aus der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralsriedyofes ist eine Anzahl von Grabsteinen baufällig geworden; das Verzeichnis derselben liegt im Friedhofamte der israelitischen Kultusgemeinde, Wien, I. Seitenstettengaffe 4, III. Stock, zur allgeineinen Einsicht ans. Unter Hinweis auf § 16 der Fciedhofordnnng ergeht hiemit an alle Interessenten die Aufforderung, wegen Instandsetzung bezw. Entfernung der berreffenden Grabsteine unverzüglich das Erforderliche zu veranlassen. Wien, im Juli 1914. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien. § 16 d e r Fr i e d h o f o r d n u n g hac folgenden Wortlaut: Wird ei» Grabdenkmal baufällig, so ist die israelitische Kultusgemeinde, falls die betreffende Partei für die Befestigung des gefahrdrohenden Zustandes nicht Sorge rrägt, berechtigt und verpflichtet, dasselbe entfernen zu lassen. Wien. (Allgemeiner Kranken- und Unterst ü tz u n g s - B e r e i ii „M ontefiov e.") Am 14. d. M. feierte der Obmann dieses Vereines, Herr Bezirksrat Edmund H o f m a n n, das Fest seiner silbernen Hochzeit; dies gab dem Vorstande Veranlaffung, dem Genannten die besondere Wertschätzung, deren er sich nicht nur in den Kreisen der Mitglieder, sondern auch im Schoße des Vorstandes erfreut, in einer schriftlichen Kundgebung znm Ansdrucke zu bringen. Bezirksrat Hofman n fungiert seit nunmehr 20 Jahren als Vorstandsmitglied des Vereines und hat seit ungefähr 8 Jahren die oberste Leitung desselben als Obmann inne; unter feiner Aeglde, wurden im Rahmen des Vereines verschiedene Wohlfahrtseiurichtungen geschaffen, deren außerordentlich humane Tendenzen allfeitige Anerkennung fanden. Wien. An den Inspektor für den israelitischen Religionsunterricht, Herrn k. k. Professor Moritz K a n i tz ist seitens des Bürgermeisters Exzellenz Dr. Weiskirchner nachfolgendes Schreibe» gelangt: „Seine Exzellenz der Herr k. k. Statthalter für Oesterreich unter der Enns hat im Allerhöchsten Aufträge für die von den israelitischen Religionslehrern der Wiener israelitischen Kultusgemeinde anläßlich der Wiedergenesung Seiner Majestät telegraphisch zum Ausdruck gebrachte allerunterräiugste Loyalitärsknndgebnng den Beteiligte» den Allerhöchsten Dmik bekanntgegeben. Hievon setze ich Euer Hochwohlgeboren zufolge Erlaffes der k. k. niederösterreichischeil Starthalterei vom 27. Jnni 1914, Pr. Z. 1827, in Kenntnis. Der Bürgermeister : Dr. W e i s k i r ch n e r m. p. Deutsch-Brod. Aus Grund eines vor einigen Wochen von Sr. Ehrwürde» Herrn Rabbiner Dr. Leo Bertis ich, Rabbiner in Ledetsch, hier abgehaltenen Pröbevortrages. wurde derselbe vorige Woche, bei einer Vorstandssitzung, znm hiesigen Rabbiner gewählt. Der Eintritt erfolgt am 15. August a. c. Ledec. Am vergangenen Sonnrag fand im hiesigeu Gemeinde- Tempel, der schwarz drapiert und hell beleuchtet war, für das verstorbene erzherzogliche Paar eine Trauerandacht statt, welcher der ganze