Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 27 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 27. U '* H ,F- Kutturtlitder ans dem Dorado des Antisemitismus. (Fortsetzung.) Die Askese, die zugleich von der neuen Sekte gepredigt wird, ist ein weiteres Moment, das die Massen anzieht. Man darf nicht vergessen, dag, was in Rußland nicht in den Kreis der „Gebildeten" gehört, orientalisch denkt und empfindet, und allem Wunderbaren und Extremen leicht zugänglich ist. Der oben erwähnte Mönch Jlidor. ein erotischer sibirischer Bauer, der zeitweise den dominierenden Einfluß bei Hofe gehabt hat. dann aber wegen seiner maßlosen Ueberhebung gestürzt und ans der orthodoxen Kirche ausgeschlossen wurde, hat an den heiligen Synod folgendes offenes Schreiben gerichtet, in welchem er die russische Intelligenz, das Andenken Tolstois und das jüdische Volk um Verzeihung bat: „Millionenreiches orthodoxes Rußland! Verzeihe mir, daß ich, Dein früherer eifriger Diener, mich von Deinem Glauben lossage, von Deiner Kirche und von deinen Erzbischöfen abfalle. Verzeihe mir, es geschieht deshalb, weil das, an was ich früher glaubte, in meinem Herzen erstorben ist. Sogenanntes ungläubiges, nichtorthodoxes andersgläubiges und fremdstämmiges Rußland! Verzeihe mir, ich habe Dir viel, viel Böses zugefügt. Mau hat mich gelehrt, daß nur das russische Volk in Rußland das Recht hat sich zu nähren und nach seiner Fasson selig zu sein, den Nichtrussen aber kann man Schläge ins Gesicht versetzen. Die sogenannte russische Wahrheit.befahl mir, laut zu rufen, daß alle ihre Gegner zuui Galgen geschleppt werden müssen. Volk Israel! Leuchte der Welt! Du verzeihe mir ganz besonders. Dich habe ich am meisten angegriffen; ich habe niemals nach Deinem Blute gelechzt, aber ich wurde gegen Dich aufgestachelt. Die Asche der während der Pogrome getöteten Säuglinge quält mein Gewissen. Verzeihe mir, Du begabtestes und glänzendstes Volk der Welt! Aufrichtig habe ich mich über Dich geirrt, aufrichtig bekenne ich meine Schuld. Du bist deshalb unter der ganzen Menschheit verstreut, damit Du die ganze.Menschheit zur Wahrheit führst. Führe nun! Dir ist viel gegeben worden, viel mußt Du leisten. Auch Du, heilige Asche des großen Greises, des prächtigen und glänzenden Leo, verzeihe mir! Maßlos habe ich mich über Dich lustig gemacht, ich gab mir Mühe, Dich in den Augen meiner Umgebung zu erniedrigen und Deine Lehre lächerlich zu machen. Meine geheime Vernunft war mit Deiner Lehre völlig einverstanden, aber mein offener Verstand. der ein Gemisch von Wahrheit und Lüge bildete, zwang mich, Dich zu beleidigen. Und obwohl meine Schläge Deine Majestät nicht verwunden konnten, fühle ich mich doch darin schuldig, daß ich durch meine Angriffe auf Dich das Volk der heiligen Wahrheit immer mehr entfremdete .... Verzeihe, verzeihe mir! Mitglieder des Synods! Alles, was hier in meiner „Lossagung" stehl, ist bewußt und unwiderruflich niedergeschriebeu. Als Zeugnis zerschneide ich meine Hand, entnehme der Wunde Blut und unterschreibe meinen Namen." Ist es ein Wunder, wenn ans dem Boden, auf dem Korruption, Sittenverfall und religiöser Aberglauben so Prächtig gedeihen, auch die Sitmpfpflanze des Antisemitismus üppig in die Halme schießt? Wenn ein Ministerium nach dem andern, um die Unzufriedenheit von der Verwaltung abzulenken, . den Haß gegen die Fremdstämmigen, in erster Linie gegen die Juden, schürt? Gewiß stehen die Juden in Rußland zum großen Teil noch aus einem sehr niedrigen Bildungsniveau. Sie treiben — gezwungenermaßen — genau so wie ehedem in den Zeiten des Ghettos in Deutschland die niedrigsten und unsaubersten Gewerbe. Alle anrüchigen Geschäfte muß der Jude besorgen, daher der verhältnismäßig große Prozentsatz der jüdischen Mädchenhändler. Die Bevölkerung mißachtet den Juden und diese Geringschätzung, die schon seit-Jahrhunderten ans ihm lastet, hat noch viel zu seiner.Erniedrigung beigetragen. Ein Brüsseler katholisches Blatt, „Der Patriot", hat vor einiger Zeit vou dem Martyrium der russischen Inden folgendes erschütternde Bild entworfen, das die — bekanntlich nichts weniger als jndenfrenndlich gesinnte — „Germania" (23. 12. 13) ohne Kommentar übernahm: „Die „Hebräer" können nicht in Rußland wohnen, sondern sind auf Polen, Litauen und die westlichen Provinzen bis Odessa beschränkt. Doch auch in den Gebieten, die sie bewohnen dürfen, schmachten sie in den Banden von Ausnahmegesetzen. Vom Landerwerb sind sie ausgeschlossen und nur in Städten dürfen sie sich niederlassen. Ihre Ansiedelung auf dem platten Lande wird als eine Gefahr für das Gemeinwohl betrachtet. Alle öffentlichen Aemter sind ihnen verschlossen : kein Jude kann Staatsbeamter oder Ofsizier werden und auf den Hochschulen haben siekeine volle Berechlignng. Als Opfer einer schmählichen Bedrückung hat man ihnen alle Rechte genommen, läßt sie jedoch alle Pflichten erfüllen. Man braucht diese Juden durchaus nicht zu lieben, um im Namen der Gerechtigkeit zu erklären, daß an ihrer Herabwürdigung zum großen Teil den ewigen Quälereien der Negierung die Schuld znznmessen ist." Es ist ein leider auch durch große liberale deutsche Blätter genährter Irrtum, daß in Rußland jemals ein Premierminister den Inden gegenüber wirkliche Toleranz geübt hätte. Den einzigen bedeutenden und iutegren Staatsmann der letzten Zeit, Stolypin — reklamiert, wie Th. Schiemann in der „Krenz-Ztg." (24. 12. 13.) feststellte, die Rechte der Duma für sich — wegen seines Antisemitismus und die Parteien der Rechten sind es in erster Linie, die den Kampf gegen das Judentum in den Vordergrund stellen, während die eigentlichen Nationalisten in dem Germanentum den Hanptfeind erblicken. Das neue Ministerium mit Goremykin an der Spitze ist womöglich noch fremden- und judenfeindlicher als seine Vorgänger. Dem Minister des Innern Maklakow nennt ein Gewährsmann Schiemans einen „brutalen Parvenü", der schon versuchte, „ernannte Semstwos" und Präventivzensur aller Zeitungen einzuführen und am liebsten morgen die Leibeigenschaft proklamieren würde, wenn er es könnte." Auf seine Politik der „Hansknechtsmethode" basiert die Rechte all ihre fremdenfeindlichen Vorstöße in der Duma; sie weiß, daß sie in dem Jnstizminister Schtscheglovitow — Kiewer schmählichen Angedenkens — einen stets hilfsbereiten Gesinnungsgenossen hat. Er plant ja schon seit vorigem Jahre u. a. („D. T.-Ztg." 5. 10. 13) die Wahl eines jüdischen Juristen zum Rechtsanwaltsgehilfen von seinerjedesmaligen Erlaubnis abhängig zu machen, wie ja auch Unterrichtsmiuister Casso — der Urheber des traurigen Ehebrnchsskaudals in der Petersburger Gesellschaft — Bestimmungen erlassen hat, durch die die jüdischen Studierenden schwer betroffen werden und wie ja auch der Handels- Minister Timaschew angeordnet hat, daß nur denjenigen jüdischen Aerzten, Rechtsanwälten, Feldscher«, Zahnärzten, Dentisten, Hebammen und Pharmazeuten das Recht der Freizügigkeit gewährt wird, die sich dem Bernfe widmen, der ihnen das Recht der Freizügigkeit verleiht. Ans diese Erläuterung hin müßte eine MassenaNswanderung der Inden nach ihrem Ansiedelungsrayon erfolgen. Das eröffnet der Polizei wieder eine hübsche Einnahmequelle, denn der Ansiedelungsrayon steht in Wirklichkeit doch nur — auf dem Papier. Der hochkonservative Fürst Meschtscherski hat im Jahre 1911 in „Graschdanin" bei Beratung des Antrags der Liberalen ans Aufhebung der jüdischen Ghettos in Westrußland die Rayonfarce sehr hübsch geschildert. Der Entwurf müßte eigentlich heißen: „Entwurf über den Verlust der Einnahmen der Polizei für das Recht der Inden, überall zu wohnen, wo es ihnen behagt." Die russische Statistik tauge nichts, sonst wäre es sehr belehrend, von ihr zu erfahren, wie vielen Juden, die eine gewisse Summe in der Tasche haben, es nicht gelungen ist, den Rayon zu verlassen. (Schluß folgt.) .